Posts Tagged ‘Verkehrspolitik’

Mein Kampfradler!

7. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (380) Botschaft an einen Freund: die notorische Fixiertheit der Radfahrer/innen-Fraktion auf das Feindbild Auto ist, sorry to say, kontraproduktiv. 

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Sagen wir mal so: Freund D. werde ich mit dieser Kolumne nicht von den Vorzügen motorisierter Fortbewegung überzeugen können. Will ich es überhaupt?

D. ist überzeugter Radfahrer. An sich ein sehr sympathischer Wesenszug, zumal als Mitbewohner einer Millionenstadt, die – wie jede moderne Metropole – ein Problem mit zuviel Autoverkehr hat. D. ist aber ein, hm, sehr überzeugter – ich verkneife mir die absichtsvolle Zuschreibung „militanter“ – Radfahrer. Und er kommuniziert das so nachdrücklich wie unablässig. Man kann das nun ebenfalls für sympathisch, weil notwendig erachten, man kann (und darf es hoffentlich auch) ein bissl schrullig finden, man könnte aber auf den missionarisch-aggressiven Ton seiner Anti-Auto-Predigten auch genervt reagieren. In Kenntnis der progressiven Denkart und liebenswerten Persönlichkeit von D. reagiere ich meist mit milde gestimmter Gelassenheit. Zumal ja auch einiges an Wahrheit in einer radikalen Sicht der Verkehrsproblematik steckt.

Neulich aber bin ich richtig erschrocken. Denn D. schrieb öffentlich, dem grösstmöglichen Facebook-Leserkreis zugedacht, von der „totalen Zerstörung der Welt“ durch eine „von Adolf Hitler erfundene Autoreligion“. Ich kann hier die ganze Epistel nur auszugsweise wiedergeben, aber Hersteller und Nutzer von Kraftfahrzeugen werden als „wahnsinnige Sekte“ beschrieben, die ober- und unterirdische „Weihestätten“ für „nutzlose Kultobjekte“ errichte – gemeint sind damit wohl Parkgaragen. Die Anhänger der „blechernen Todesmaschinen“ würden nur einen Antichristen kennen: den Radfahrer. Pardon: den „glücklichen, freien, selbstermächtigten, mit geschärften Sinnen“ dahinradelnden Anti-Hitler.

Sorry: das ist nicht lustig. Selbst wenn D. nur provokative Thesen alternativer Vordenker – wie etwa das Bild der „Heiligen Kuh“ Automobil des Kulturanthopologen Marvin Harris – paraphrasiert, hat die Heiligsprechung einer bestimmten Denkart und Bevölkerungsgruppe durch die Herabsetzung, ja Verdammung aller Andersdenkenden und -handelnden noch nie funktioniert. Á la longue. Pardon, Maschine retour: sie hat freilich immer funktioniert. Zumindest für einen bestimmten, historisch betrachtet meist kurzen Zeitraum. Bevor es zur Explosion kam. Es ist das Funktionsprinzip totalitärer Regimes, Religionen und Ideologien. Ihr unausweichlicher Niedergang ist in der Regel mit Gewalt verbunden.

Wohlan: unsere Welt ist im Umbruch begriffen. Gerade auch, was unseren mobilen Alltag betrifft. Gut so. Ich wünsche D. und uns dennoch (und zwar nicht nur metaphorisch, auch strikt real) dass Verbrennungsmotoren nicht durch Waffenräder ersetzt werden.

Es stinkt zum Himmel

26. September 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (330) Eine Prognose: der Schock über das VW-„Diesel-Gate“ wird positive Folgen für die Mobilität der Zukunft haben.

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über ein innovatives Gadget für den urbanen Raum berichten. Auch der Artikel über den „Smart Home“-Baukasten kreist schon lange in der Warteschlange. Und dann wäre da noch der beste Netzwerk-Audio-Player, der mir bislang untergekommen ist… Aber an einem Thema führt dieser Tage kein Weg vorbei, zumal für einen Technikkolumnisten: am Volkswagen-Skandal.

Mittlerweile hat sich der Versuch des weltgrössten Autokonzerns, die US-Umweltbehörden – und wohl auch ihre europäischen Pendants – mittels manipulativer Software hinters Licht zu führen und gesetzeskonforme Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen vorzuspiegeln, zur „Staatsaffäre“ (Süddeutsche Zeitung) oder gar zum „Abstieg in die Hölle“ (Le Figaro) ausgewachsen. Binnen Tagen fiel die VW-Aktie um zwanzig Prozent, der Wert des Unternehmens solcherhand um 22 Millarden Euro. Über die potentiellen Strafzahlungen und Entschädigungen für klagswütige Kunden wird derzeit nur gemutmasst, sie könnten nochmals dieselbe Summe ausmachen. Oder mehr.

Schlimmer aber wiegt der globale Vertrauensverlust in die Marke. Und in Produkte „made in Germany“ generell. Ein Wirtschaftspsychologe erkannte sogleich eine Kränkung der deutschen Seele sui generis, die Bundesregierung wird der Mitwisserschaft verdächtigt, VW-Chef Winterkorn musste raschest den Hut nehmen. Selbst die mächtigsten Konkurrenten in Übersee haben keinen Grund zu Schadenfreude: das Konzept Automobil selbst – zumindest jenes mit Verbrennungsmotor – steht auf dem Prüfstand. Stichworte: Stickoxid, Klimaschutz, Zukunftstauglichkeit. „Spiegel“-Autor Sascha Lobo ging so weit, eine „digitale Deutung“ des Dieseldebakels vorzunehmen und „Fortschrittsverkennung aus Gier“ anzuprangern.

Die allgemeine Überraschung über das Faktum der systematischen Datenmanipulation und Zahlen-Beschönigung ist aber selbst wieder überraschend. Denn nur die naivsten Gemüter glauben die Angaben, die in den bunten Prospekten der Hersteller nachzulesen sind. Das beginnt beim weltfremden Minimal-Durchschnittsverbrauch und endet bei Emissions-Grenzwerten, die von willfährigen, nicht selten direkt mit der KfZ-Industrie verbandelten Politikern abgenickt werden.

Immerhin: der jetzige Schock kann heilsam sein. Weil die dreckige, nach Diesel stinkende Realität wohl zu einer extrem beschleunigten Realisierung alternativer Mobilitätsentwürfe führen wird.

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