Posts Tagged ‘Verschwörungstheorie’

Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht „im Internet“.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.

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Freiheit ist Sklaverei

2. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (222) Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. War George Orwell eventuell auch einer? Und wie steht’s mit Armin Wolf?

1984

Drei Lesetipps hat Armin Wolf aus dem wohlverdienten Urlaub mitgebracht. Einer davon ein Klassiker: George Orwells „1984“. „Ein ganz großes Buch!“ teilte der ORF-Moderator seiner Twitter-Gemeinde mit. „Viel besser als in der Erinnerung aus der Schulzeit.“

Ich versuche, seine Worte zu interpretieren (auch weil ich die Bewunderung für Orwell teile): wir erfassen erst heute in seiner ganzen Tragweite, wie weitsichtig, scharfsinnig und zutreffend diese bedrückende Anti-Utopie war. Und was uns der britische Journalist, der eigentlich Eric Arthur Blair hieß, kurz nach dem zweiten Weltkrieg und knapp vor seinem Tod als zeitlose Botschaft mit auf den Weg gab.

Ich musste an Orwell denken, als ich dieser Tage im Netz den Auftritt des obersten Direktors des US-Geheimdienstes NSA, Keith Alexander, bei der „Blackhat“-Hacker-Konferenz in Las Vegas betrachtete. Alexander versuchte soetwas wie einen Image-Befreiungsschlag nach den Enthüllungen der letzten Tage und Wochen, die zuvorderst einem Mann zuzuschreiben sind: Edward Snowden. Einem Mann, der von den Vereinigten Staaten von Amerika wie ein Häuslratz gejagt wird und sich nun ausgerechnet in Russland verkriechen muß, während General Alexander in blütenweißer Uniform Lobreden auf das weltweite Überwachungsnetz hält. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

Okay, das war jetzt zynisch. Weil Orwell. Irgendein junger US-Bürger hat dem obersten PR-Agenten ja als Antwort auf dessen Vortrag nicht „1984“ vorgelesen, sondern nur ein verächtliches „Bullshit!“ hingeschleudert. Gibt es noch kein Gesetz (oder, eventuell wirksamer, Geheimgesetz), dass solch subversive Störenfriede umgehend nach Guantanamo verfrachtet?

Sie werden hoffentlich verstehen, dass ich mich in Zeiten wie diesen kolumnentechnisch eher nicht hedonistischen HiFi-Novitäten oder innovativen Haarföns widmen möchte. Armin Wolf, ich und Sie, der sie sich so offensichtlich für diese Zeilen interessieren – wir alle sind längst „getagged“. Sprich: im Visier der Datensammler. Catchphrase: Orwell. Das muß nichts bedeuten. Aber Sie sollten wissen, dass wir erpressbar sind. Quasi auf Knopfdruck. Eventuell durch Umstände, von denen wir selbst noch gar nichts wissen.

Sollte also, sagen wir mal, Herr Wolf eines Tages ORF-Direktor sein und die lange geplante, brisante Polit-Dokumentation zum Thema überraschend vom Sendeplan verschwinden – eventuell, um einer salbungsvollen Ansprache des US-Botschafters Platz zu machen –, dann erinnern Sie sich an das Gezwitscher aus längst vergangenen Tagen. So es nicht längst selektiv gelöscht wurde (wenn auch nicht vom Urheber).

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