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Do you remember?

6. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (277) Heissa! Die legendäre japanische HiFi-Marke Technics erlebt ein Comeback.

Watts

“Do you remember?” Die sonore Stimme, die diese Frage mit grosser Suggestivkraft in den Raum stellt, kriecht förmlich aus dem Lautsprecher. “Do you remember when skipping a song meant pressing the Fast Forward button?” Zur Tonspur gesellt sich das Bild eines VU-Meters, dessen Zeiger noch zusätzlich zum akustisch verstärkten Herzschlag des Betrachters zu zittern scheint. “Do you remember when 33 und 45 were not just random numbers?”

Hier geht es eindeutig um längst vergessen geglaubte Insignien der Unterhaltungselektronik, Audio- und Analog-Hemisphäre. Und das mitten auf der digitalen Trash-Streaming-Plattform YouTube.

Und dann plötzlich folgt die Aufklärung: es handelt sich um einen Werbespot. Um einen verdammt gut gemachten Werbespot. Er bewirbt die Rückkehr der legendären japanischen HiFi-Marke Technics. Eine überraschende Rückkehr: niemand hätte gedacht, dass die High End-Abteilung der Mutterfirma Panasonic (respektive Matsushita) – sie baute zuletzt gerade noch die unkaputtbaren SL 1210-DJ-Laufwerke, aber irgendwann auch die nicht mehr – wieder auferstehen würde.

Jetzt, zur traditionellen Branchenmesse IFA in Berlin, war es doch soweit: nach einer Pause von sechs Jahren, wurde ebendort verkündet, sollen ab Dezember 2014 wieder neue Technics-Produkte vorgestellt werden. Zunächst in Europa und später weltweit. Drei Stereo-Komponenten mit „Superlativanspruch“, so Projektleiterin Michiko Ogawa, und vier Geräte in einer etwas leistbareren Klasse. Was man zu sehen bekam und demnächst zu hören bekommen wird, ist gediegene HiFi-Retro-Ware auf der Höhe der Zeit (also inklusive Netzwerk-Player). Weihnachten kann kommen!

Natürlich spielt man hier mit der Sentimentalität der Generation 40 Plus. Denn nach den bronzebraun schimmernden, dezent technoid gestylten Geräten aus dem Hause Technics hat man sich als Youngster förmlich verzehrt. Heute ist genug Taschengeld vorhanden, um den einst erträumten Stereo-Turm aufzustapeln. Und natürlich schlägt das Pendel der Hörmoden gerade stark in die No Nonsense-Richtung. “Wir brauchen kein stinkendes, von Robotern zusammengebautes, schwarzes Plastik-Wegwerf-Zeug, das vorgibt, Hörwerkzeug zu sein” zitiert eine Vintage-Technics-Seite im Netz Rick Stout (stereomanuals.com). Gut gebrüllt, Löwe!

Jetzt warte ich nur mehr auf die Neuauflage der Technics-Plattenspieler-Ikonen. Und auf die Wiederkehr der Marken Sansui, Nakamichi, Wega und Eumig.

Gnadenfrist

24. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (225) Analog-Nostalgie ist schwer in Mode. Ein Comeback der Compact Cassette bleibt aber aus.

cassettetape

Lassen Sie uns gemeinsam eine Gedenkminute einlegen. Nein, nicht für die ärztliche Schweigepflicht, die von einigen Vertretern der Zunft – welchen genau bleibt unklar, mit dem Datenschutz ist nicht zu spaßen! – für obsolet erklärt wurde. Für einen nebbichen Schandlohn von 30 Euro pro Monat, zuzüglich Umsatzsteuer. Derlei regt die Leute ja mehr auf als die flächendeckende Überwachung ihrer Kommunikation und die Mundtotmachung kritischer Medien. Merke: auch Selbstzensur ist Zensur. Und, ja, jedes im elektronischen Krankenakt säuberlich vermerkte Zipperlein liefert den Seelenverkäufern dieses Planeten noch schärfere Röntgenbilder.

Die Gedenkminute möchte ich aber einem Artefakt aus längst vergangenen, unschuldigeren Tagen widmen (Anmerkung für Verschwörungstheoretiker: der Themenwechsel wurde nicht von der NSA „angeregt“). Es ist ziemlich exakt fünfzig Jahre her, dass eine (r)evolutionäre Entwicklung das Licht der Welt erblickte. Am 28. August 1963 präsentierte Philips auf der 23. Internationalen Funkausstellung in Berlin die „Compact Cassette“ samt zugehörigem Aufnahme- und Abspielgerät.

Ursprünglich als Diktaphon-Speichermedium gedacht, wurde das schmale Tonband im Plastik-Normgehäuse rasch zum universellen Audio-Standard. Feinspitze reizten die Möglichkeiten mit Chromdioxid- und Reineisenbändern, Rauschunterdrückungssystemen wie Dolby oder DBX, Autoreverse-Mechanismen und Einmesscomputern gnadenlos aus – man erinnere sich an legendäre Geräte von Nakamichi, Alpine, Pioneer oder Eumig (die letzte Großtat des österreichischen Herstellers, bevor er vom Markt verschwand).

Gibt es Zeitgenossen, die diese Wunderwerke der Analogtechnik in Ehren halten? Und zwar nicht in einer Glasvitrine, sondern im quasi alltäglichen Einsatz? Ich kenne ja eher Mütter, die noch Märchen-Cassetten in knallbunte, fruchtsaftverklebte „My first Sony“-Relikte stecken als Vintage-HiFi-Fetischisten, die das einstige Spitzenmodell TCK-777 ES desselben Herstellers mit Klassikaufnahmen füttern… Nur weil ein paar HipHop-Puristen und Off-Off-Mainstream-Obskuranten sich weiterhin verschwörerisch Tapes zustecken, ein grosses Cassetten-Revival auszurufen – wohl darauf hoffend, dass dies ähnlich dem aktuellen Vinyl-Boom zur „selffulfilling prophecy“ wird – ist natürlich hochgradig gaga. Anno 2012 wurden hierzulande gerade noch 2000 bespielte MusiCassetten verkauft.

Aber, hoppla!, meine Schachteln voll mit liebevoll beschrifteten Mixtapes und Mitschnitten aus „Musicbox“-Urzeiten, die ich diesen Sommer eigentlich entsorgen wollte, erhalten vorerst eine Gnadenfrist. Eventuell für ein paar Jahrzehnte.

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