Posts Tagged ‘Virtual Reality’

Schöner Wohnen

15. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (404) Virtual Reality ist derzeit ein Fall für Militärlabors, Dark Rooms und Kinderzimmer. Das kann – und wird – sich rasch ändern.

Real Estate

Wie heißt nochmal jener Science Fiction-Roman, in dem die reale Welt nur mehr eine öde, verarmte Katastrophenzone ist, der Bevölkerung aber – Stichwort: Virtual Reality (oder waren es Drogen?) – ein Leben auf einem blühenden Planeten vorgegaukelt wird?

Die Antwort „The Matrix“ gilt nicht, weil es zu diesem visionären Film keine direkte Romanvorlage gibt. Freilich könnte es „Der futurulogische Kongress“ von Stanislaw Lem gewesen sein – muss ich glatt mal wieder lesen! – oder „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ von Philip K. Dick. Eventuell sogar der Urahn aller modernen Dystopien: „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley? Nein, doch nicht. Letztlich habe ich wahrscheinlich eine vage Erinnerung in meinem Kopf, die ein Amalgam aus vielen Quellen ist, gepaart mit eigener Fantasie. In knapp fünfzig Jahren Lektüre und Filmbetrachtung kommt einiges zusammen.

Aber eigentlich ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nebensächlich. Es geht mehr um die Assoziationen, die der harmlose Begriff „Virtual Reality“ (also: künstliche Realität) auslöst. Denn einerseits steckt diese Technologie noch in den Kinderschuhen. Andererseits ist man heute bereits soweit, dass, grob geschätzt, die Rechnerleistung in jedem dritten Privathaushalt ausreicht, um einigermaßen überzeugende künstliche Welten hochzuziehen. In ihnen lassen sich Stunden, Tage, Wochen verbringen. Sofern die VR-Brillen-Gemeinde mit realer Nahrungszufuhr aus Mutters Küche rechnen darf.

Die Porno-, Pop- und Computerspiele-Industrie jubiliert (weil sie fast unbegrenzt neue Spielfelder entwerfen kann), die traditionellen Kinostudios und Medienhäuser schlafen einmal mehr, von den Militärlabors weiß man wenig bis nichts. Tatsache ist, dass in den Kinderzimmern dieses Planeten gerade unzählige futurulogische Kongresse stattfinden, von denen wir nur ahnen.

Gibt es eigentlich für schnarchnasig erwachsene Menschen wie Sie und mich keine Virtual Reality-Träume? Oh, doch. Sogar sehr konkrete. Ein vergleichsweise banales, aber sehr eindrucksvolles (und, wichtiger noch, verkaufsträchtiges) Feld ist etwa Property Technology, kurz: Proptech – die Verbindung von IT und Immobilengeschäft. Entsprechende Hard- und Software ermöglicht virtuelle 3D-Rundgänge durch bestehende oder erst zu errichtende Wohnungen oder Häuser. Und zwar so überzeugend und realistisch, dass es einfach keiner tatsächlichen Führung durch lästige Makler mehr bedarf. Verknüpft mit Big Data-Kontoröntgenbildern der potentiellen Käuferschar macht ein solches Real Estate-VR-Paket den Verkäuferjob sogar weitgehend überflüssig.

Ehrlich gesagt: noch habe ich Zweifel. Es menschelt ja immerzu bei solchen Geschäften. Aber für eine Branche, die es in der Gegenwart oft genug nicht mal schafft, aussagekräftige Beschreibungen oder halbwegs scharfe Fotos ihrer teuren Objekte herzustellen, wäre es ein wirklicher Sprung in die Zukunft. Eventuell lassen sich ja – virtuell vorteilhaft für beide Seiten – auch Bruchbuden solchermaßen dauerhaft aufhübschen.

Fast Forward

20. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (386) “Die Zukunft ist hier” signalisiert Jaguars I-Pace. Dabei existiert das Auto noch nicht mal wirklich.

jaguar-ipace

Die Dinge sind ins Rutschen gekommen. Jetzt geht es plötzlich ganz rasch. So rasch, dass mancher Autohersteller Vorgriffe auf die Zukunft macht, um ein elektrisierendes Statement für die Gegenwart zu setzen. Und vorab ein Revier zu markieren, dass man selbstbewusst zu besetzen gedenkt.

So hatte Anfang dieser Woche die Luxus-Marke Jaguar – im Besitz des indischen Tata-Konzerns – zu einer Veranstaltung in London geladen. Zeitgleich waren Kollegen in Los Angeles versammelt, um Zeugen einer Präsentation zu werden, wie man sie so nie zuvor erlebt hat – eine virtuelle Pressekonferenz. Ausgestattet mit HTC Vive VR-Brillen konnte man ein Fahrzeug besichtigen, das es in der Realität noch gar nicht gibt. (oder jedenfalls nur als Prototyp).

Und zwar detailliert besichtigen: von innen, aussen, vorne, hinten, oben, unten – wonach einem gerade der Sinn stand. Selbst die Armaturen, der Motor und die Reifen liessen sich nach Lust und Laune inspizieren, rein optisch freilich. Und hatte man Fragen, stand der Chefentwickler gleich zur Verfügung. Selbst den Journalisten in Los Angeles konnte man in dieser fulminanten Synchron-Inszenierung zuwinken; sie winkten fröhlich zurück.

Vorgestellt wurde der Jaguar iPace (noch versehen mit dem Namenszusatz „Concept“): das erste rein elektrische Vehikel des Nischenanbieters. Vor Ende 2018 wird man diese stämmige, dabei aber elegant-stimmige SUV-Coupé nicht auf den heimischen Strassen sehen – ausser die Gerüchte stimmen und der iPace wird bei Magna Steyr gebaut; dann wird man wohl um Testfahrten in und um Graz nicht herumkommen. Für den heimischen Arbeitsmarkt wäre es eine positive Nachricht.

Das Jaguar-Konzept ist jedenfalls eine klare Kampfansage an Tesla & Co.: zwei je 200 Pferdestärken mächtige Elektromotore mit 700 Nm Drehmoment garantieren Sportwagen-Eckdaten, die Batterien im Boden eine formidable Straßenlage – alles kombiniert mit den Vorzügen eines Allradantriebs. Die geplante Reichweite pro Voll-Ladung, zumindest auf dem Papier: 500 Kilometer. Fragen Sie (noch) nicht nach dem Preis – aber der iPace ist zweifelsohne ein wunderhübsches Zukunftsmobil. „Kein anderes Projekt, an dem ich je gearbeitet habe“, verlautete denn auch Jaguar-Designdirektor Ian Callum, „hat mir einen so puren Thrill wie dieses gegeben.“

Die anderen Hersteller stehen mehr denn je unter Zugzwang. Einige haben ihre Hausaufgaben schon gemacht: so waren etwa BMWs Elektromobile und -Visionen vielfach präsent in London, sogar in der Hotel-Lobby. Die weit vorauseilenden Ankündigungen lassen aber auch anderen noch Spielraum für notwendige Überlegungen: den Verkehrsplanern, den Energielieferanten, der Politik und, ja, uns Konsumenten.

Neue Wirklichkeiten

29. November 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (338) Es ist ein denkwürdiger Moment, Virtual Reality erstmals live und leibhaftig zu erleben.

Qantas+headset+2-1

Es gibt diese speziellen Augenblicke im Leben.

Wir erinnern uns an den ersten Kuss, den mutigen Sprung vom Zehn-Meter-Brett im Freibad, den überraschenden Anruf des Personalberaters. Eventuell auch Tragisches – den Moment, als wir vom Tod von Jochen Rindt oder John Lennon erfuhren, den Ort, wo wir mit schreckgeweiteten Augen die Geschehnisse von 9/11 verfolgten, das Gefühl, das uns beim Abschied von der geliebten Großmutter begleitet hat. Manchmal weiss man im Augenblick des Geschehens selbst, dass es sich – strikt subjektiv – um einen memorablen, denkwürdigen Vorgang handelt, der einen sein restliches Leben lang begleiten wird.

Nun mag diese Einleitung reichlich pathetisch wirken, wenn man über eine beiläufige PR-Vorführung eines Unternehmens berichtet, die dieser Tage in einem Wiener Aussenbezirk vonstatten ging. Diese Firma nennt sich „Agentur für digitale Transformation“, heisst Exozet und ist in Berlin, Babelsberg und Wien aktiv, u.a. für Konzerne wie Red Bull, Audi, den Axel Springer Verlag und die Deutsche Telekom. Im Auftrag des ORF war und ist man massgeblich an der technischen Umsetzung der „TVThek“, des äusserst löblichen Streaming-Archivs für ORF-Eigenproduktionen (das bald um eine „Radiothek“ ergänzt wird), beteiligt.

Welchen unvergesslichen Moment hat mir nun Exozet beschert? Die Antwort lautet: die Erkenntnis, was Virtual Reality bedeuten könnte, im wirklichen Leben. Denn bislang war es ein blutleerer, theoretischer Begriff, der zwar seit Jahr und Tag in der Fachpresse herumgeistert, aber kaum je greifbar war. Schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich mir auf der „Ars Electronica“ in Linz eine Datenbrille aufgesetzt und war damit relativ unbeeindruckt herumgetappt. Hier aber, in einem Konferenzraum in Ottakring, manifestierte sich die Vision. Eine computergenerierte, künstliche Realität, die für einige Minuten zu frappierender Wirklichkeit wurde. Eine nachhaltige Vorahnung der Zukunft.

Für Beobachter muss ich wie ein plumper Tanzbär gewirkt haben, der – zuerst eine bereits käuflich erwerbbare Brille, die ein Android-Smartphone als Monitor nutzt, vor den Augen, danach ein fortgeschrittener Prototyp – seltsame Figuren in einem leeren Raum dreht. Aber ich befand mich anderswo: auf der Bühne mit U2, im kambodschanischen Dschungel und mitten in einem Kunstwerk, das ich selbst geschaffen hatte. Dreidimensional, leuchtkräftig, unfassbar (sic!) realistisch. Und dabei nur ein Binärcode, weggewischt auf Tastendruck.

Die Beschreibung des Erlebten würde diese Kolumne sprengen. Probieren Sie es selbst aus! Hier eröffnen sich – und es ist ausnahmsweise kein banaler Werbespruch – neue Realitäten.

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