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Lauf, Hase, lauf!

15. Februar 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (299). Der Feind in meinem Bett ist ein Armband – mit künstlicher (Non-)Intelligenz.

Quantied Self

„Das Internet der Dinge“ – eine vielbeschworene IT-Vision – kann mir gestohlen bleiben, wenn die Dinge dumm wie Knäckebrot sind. Diese Erkenntnis trifft einen immer wieder mal, wenn man meint, den banalen Alltag technisch hochrüsten zu müssen. Und es dann rasch richtig kompliziert wird.

Jedenfalls stellt sich ein Test von Activity- und Fitness-Trackern ab dem Moment des Auspackens der schnuckeligen Geräte als der Seelenruhe wenig zuträglich heraus. Das ewige Herunterladen zusätzlicher Software und notwendiger Updates, das hakelige Pairing von Bluetooth-Minisendern und das Herauskitzeln von Informations-Bits & -Bytes und Gebrauchsanleitungen aus den Tiefen des Internet verleidet einem rasch den Spass an der Freud’.

Aber als High Tech-Fitness-Junkie muss man da wohl durch. Anyway: zwei Gadgets von Sony und Runtastic wurden rasch wieder beiseite gelegt (weil inkompatibel mit dem weltweit gebräuchlichsten Smartphone oder wegen aufreizend absurder Fehlmessungen), zwei weitere – ein Fitbit One und ein Medisana ViFit – laufen seit Anfang des Jahres auf Hochtouren. Bildlich gesprochen.

Der Trend zur „Quantied Self“-Existenz ist mächtig im Kommen, hört und liest man allerorten. Aber will man das wirklich – permanente Informationen über den Pulsschlag, die zurückgelegten Wegstrecken, den Kalorienverbrauch, die Schlafintensität, die hochgelaufenen Stiegen, den Blutdruck, den Körperfettanteil, die Sex-Häufigkeit etc. usw. usf.? Eine reichlich intime Angelegenheit – man nimmt ja die Tracking-Armbänder und ihre bohnengrossen Sensoren sogar mit ins Bett. Was aber manche Zeitgenossen keineswegs daran hindert, die höchst persönlichen Messdaten mit der gesamten Menschheit (oder zumindest ihrem Facebook-Freundeskreis) zu teilen. Sehet, ich bin heute reichlich unausgeschlafen! Kommt mir nicht in die Quere, mein Blutdruck hat etwas dagegen! Mein Body Mass Index ist unter aller Sau!

Nun ja: wer’s mag. Und braucht… Bei Hochleistungssportlern mag das ja nachvollziehbar sein. Es wird aber kommen, was kommen muss in einer absurd selbstverliebten, leistungshörigen, technikgetriebenen Welt: ein allgemeiner Wettbewerb in Sachen Fitness. Letztlich: Gesundheit. Ich warte auf den Moment, wo mir die Sozialversicherung einen Kostenabschlag anbietet, wenn ich ihr freiwillig und regelmässig meine „Lifelogging“-Daten weiterleite. Oder die Wearables und Apps ungefragt selbst beginnen, mit dem Arzt, Trainer, Chef oder Partner zu kommunizieren. Und der Freund und Fetisch zum Blockwart im selbst erbauten Fitness-Tempel wird.

Möglicherweise wird man dann zwangsneurotische Selbstvermessung als eher ungesunde Entwicklungsperspektive der Spezies Mensch quantifizieren.

Zeit-Los

8. März 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (253) Neue Zeiten brauchen neue Zeitmesser, könnte man meinen. Aber wo bleiben sie?

Pebbles

Es gibt ja, so scheint es, kaum eine Branche, die so konservativ ist wie die Gilde der Uhrenhersteller. Die letzte große Revolution, die es hier gab, war die Erfindung der „Swatch“ Anfang der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts (das, wenn man’s recht bedenkt, auch schon im letzten Jahrtausend stattgefunden hat). Der Schmäh des visionären Marketing-Zampanos Nicolas George Hayek, billige, voll integrierte Uhrwerke mit zeitgeistigem Design zu verbinden und die Plastikteile zu Sammlerstücken zu (v)erklären, rettete angeblich sogar die Schweizer Uhrenindustrie. Bis heute sind eine wohl halbe Milliarde Swatch-Exemplare in Umlauf gebracht worden.

Was aber ist mit all den Digitalzeitmessern, Wearables und uhrförmigen Mini-Computern, die mir seit Jahr und Tag von diversen Lifestyle-Magazinen angedient werden? Diese offensiv innovativen und verkrampft originellen Multifunktions-Gadgets laufen gemeinhin unter dem neuen Übertitel „Smartwatch“ – hat sich schon jemand diesen Namen schützen lassen? – und repräsentieren die Zukunft. Angeblich.

Aber ’s läuft irgendwie nicht. Ich kenne niemanden, der eine Samsung Galaxy Gear 2 trägt. Eine Talkband B1 von Huawei. Eine Smartwatch (sic!) von Sony. Oder gar eine Pebble, CooKoo oder MyKronoz. Warten wieder mal alle auf Apple? Oder ist die ganze Spezies der futuristischen Uhren, mit denen man auch telefonieren, den Blutdruck messen und die Firmenkonferenz aufzeichnen kann, einfach nur ein feuchter Traum von Prototypensammlern und Daniel-Düsentrieb-Tätern?

Ich lehne mich wahrscheinlich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, es geht bei Uhren seit jeher weniger um Technik als um Ästhetik. Vielfach ist eine IWC, Rolex oder Breitling ja das einzige Schmuckstück eines Mannes. Wobei die Geschmäcker natürlich verschieden sind (und Geschmacksnerven nicht selten oft ganz fehlen): mit einer protzig-goldenen, platinenen und gar mit Edelsteinen verunzierten Uhr, die das obszöne Preisschild metaphorisch nie ablegt, können Sie mich jagen. Soetwas mag im Barockzeitalter modern gewesen sein, heute ist es nur ein Ausweis instinktlosen Distinktionsgewinns. Zumal auch Uhren in der Unter-hundert-Euro-Preisklasse tadellos die Zeit anzeigen.

Eine Uhr ist eine Uhr ist eine Uhr. Und soll es auch bleiben. Ich bemerke ja auch bei mir selbst Spuren einer zunehmend antimodernistischen Wertekonservativität. Unlängst fiel mir ein Prospekt der Marke Junkers (klarerweise „made in Germany“) in die Hände, die zu erstaunlich wohlfeilen Preisen geschmackssichere, sehr traditionell gestylte Armbanduhren anbietet. Insbesondere die Fliegeruhren haben es mir angetan.

Gekauft habe ich mir aber letztendlich das Modell 6086-5, das als „Bauhaus Chronograph Dessau 1925“ angepriesen wird. Bauhaus? Ein Mythos der Moderne. Und auch mit einem billigen Uhrlaufwerk aus Fernost im Inneren noch anno 2014 eine Kampfansage für Klarheit und Reduktion. Und gegen die Verschnörkelung des eigenen Lebens. Zeitlos, irgendwie.

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