Posts Tagged ‘WienPop’

Wir spielen Leben

24. April 2015

Anmerkungen zu einem bis dato unveröffentlichten Live-Album von Hansi Lang.

LANG Cover

Wir schreiben das Jahr 2015, und es liegt eine Stimmung in der Luft wie zuletzt Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine Sehnsucht, eine fiebrige Aufbruchsstimmung, eine Erwartung an kommende Dinge.

Wanda, eine Wiener Formation mit lässiger Scheiss-mich-nix-Attitüde, ist die Band der Saison. Gemeinsam mit seelenverwandten Gruppen wie Bilderbuch, Kreisky oder Ja, Panik rockt man die Feuilletons und Radiostationen auch jenseits der Grenzen. Alte Helden wie Minisex oder Chuzpe veröffentlichen nach langen Pausen wieder Platten (und sie klingen frisch und hungrig!), neue Heroen wie Ernst Molden und Der Nino aus Wien tun sich zusammen, um die Austropop-Vergangenheit durch den Fleischwolf zu drehen. Bei Generationentreffen zwischen Ö3- und FM4-Apologeten wird gemeinsam „Der schönste Mann von Wien“ besungen. Und das Selbstbewusstsein dieser Stadt schwingt sich zu neuen, lichten Höhen empor.

Und dann fällt – wie zufällig – der Name Hansi Lang. In einem Interview mit Wanda, wo die Band nach ihren Einflüssen und Vorbildern gefragt wird. Zunächst kommt man auf Falco. „Ich glaube, das ist eine uralte Sehnsucht nach Mythen und nach Legenden, die auch immer sehr aufschlussreich sind“, wird Marco Michael Wanda zitiert. „Wenn man es will, findet man sich selbst in solch ausformulierten Biographien wieder. Deswegen fasziniert Menschen immer solch ein Mythos um eine Person. Ich glaube, dass das die Sehnsucht des Publikums ist, nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Uns schmeichelt der Vergleich.“ Und dann fällt der Name Hansi Lang. Und es ist kein Zufall, dass hier der Hans auf den Hans trifft und beide zusammen auf einen heutigen Bewunderer.

Schnitt. „Wir haben immer gewusst, es wird der Hansi.“ Jetzt spricht Thomas Rabitsch, langjähriger Freund und musikalischer Wegbegleiter von Lang wie auch von Falco. „Aber es ist der andere Hansi geworden. Wir haben wirklich geglaubt: Wenn einer ein Riesenstar wird, dann ist das der Hansi Lang. Dass das der andere Hans wurde, Falco, das kam schon sehr unerwartet.“

Nun: das ist eine sehr offene, fast ernüchternde Aussage (zu finden im Buch „WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“, erschienen im Falter Verlag). Aber sie erzählt uns – auch – etwas vom Mythos und der Strahlkraft und der Person Hansi Langs. Und der Sehnsucht des Publikums nach einer deutschsprachigen Musik, die intelligent, aber auch ehrlich ist. Hier ist sie zu finden. In den besten Live-Dokumenten – abseits der bekannten Studio-Alben von Hansi Lang –, die aufzutreiben waren.

1982, im „Metropol“, da sind die Aufbruchsstimmung, der Furor, die Gier nach Neuem geradezu greifbar. Zwar huldigt man mit „Love Me Tender“ ol’ Elvis (eine nicht unüberraschende Einlage!), aber es ist eine halb ergriffene, halb ironische Remineszenz an die Frühzeit des Rock’n’Roll. 1997, im „Rockhaus“ (das heute gar nicht mehr existiert), dominieren die Reife und Abgeklärtheit eines Musikers, der alles gesehen hatte – bis auf eine durchschlagende Weltkarriere á la Falco. Was ihm in den Augen seiner Bewunderer nichts von seinem Nimbus nahm. Und nimmt.

„Live Is Life“ sang eine andere österreichische Band, und sie landete damit – eher zufällig – einen Welterfolg. La la lala la. Das rücksichtslose Sich-Exponieren – rücksichtslos vor allem auch gegenüber dem eigenen Ich – zum Imperativ zu erklären und das Leben zum Gesamtkunstwerk, das schaffen dagegen nur wahre Künstlernaturen. 2015 wäre Hansi Lang 60 Jahre alt geworden. Dass er dieses Alter nicht erreicht hat, ist einer schicksalshaften Konsequenz geschuldet, die er mit seinem Freund und Musikerkollegen Hans Hölzel teilt.

Keine Angst: einer tiefergreifenden Mythologisierung bedarf es nicht. Lang-Fans wissen, was sie erwarten dürfen. Und was sie erwartet. Biografische Daten und weiterführende Details hält der digitale Kosmos parat. Noch mehr Wortbeiwerk hemmt nur den Genuß dieser Tondoumente. Deren Songs, deren Kraft und deren Dringlichkeit unglaublich heutig ist. Und unfassbar erotisch.

„Falco schläft mit uns“, sagen Wanda. Aber Hansi Lang – der sanftere, der lustvollere, der verbindlichere Liebhaber – wartet schon. Wir spielen Leben.

HANSI LANG : SPIELE LEBEN / LIVE
CD + DVD / Vinyl + DVD
VÖ: Frühjahr 2015 bei Schallter/monkey.

Regn en Wien

15. Januar 2015

Ernst Molden zählt zu den produktivsten Künstlern, die wir kennen. Und die, die ihn als Künstler kennen und, mehr noch, schätzen – also das, was man landläufig Fans nennt – zählen zu den treuesten Anhängern seiner Produktivität.

Molden Cover

Einige unter uns mögen sich bisweilen ein wenig gewundert haben, wie häufig dieser Mann in und um Wien herum bis hinauf nach München, Hamburg und Berlin auf der Bühne stehen kann, ohne an Anziehungskraft zu verlieren. Sich zu wiederholen. Oder sein Publikum gar zu langweilen.

Das mag auch daran liegen, dass Ernst Molden ein Meister der Kombinationen und Variationen ist – mal tritt er allein auf, mal zu viert, manchmal mit namhaften Mitstreiter(inn)en wie Willi Resetarits, Ursula Strauss, Hans Theessink oder dem Nino aus Wien, dann wieder mit weithin unbekannten Newcomern oder hiesigen Szene-Größen. Aber letztlich ist das nur ein Aspekt der Anziehungskraft eines Singer/Songwriters, der zum aktuellen Boom lokalen Musikschaffens Wesentliches beigetragen hat. Den virtuosen Umgang mit der Umgangssprache etwa, die legere Einbürgerung internationaler Vorbilder, die menschliche Tiefe, Reife und Wärme, die das gesamte Oeuvre Ernst Moldens wie ein roter Faden durchzieht.

Wir – und damit meine ich das Team des Labels monkey. – begleiten diesen Prozess seit vielen Jahren. Mehr als neun sind es mittlerweile. Seit den „Bubenliedern“, die auch für den Urheber selbst so etwas wie den Beginn einer neuen Zeitrechnung bedeuteten. Seither sind bei uns sieben Molden-Alben erschienen und einige, an denen er so oder so beteiligt war. Fast jedes Jahr also ein neues Opus. Zuletzt das superbe Album „Ho Rugg“, gemeinsam mit Resetarits/Soyka/Wirth. Wir scheuen uns nicht, diese Geschichte eine Erfolgsstory zu nennen. Selten war der Austausch mit einem Künstler intensiver, kreativer, ergiebiger.

Und trotzdem taten und tun wir uns schwer, wenn wir von Ungeduldigen, Unkundigen und Molden-Novizen gefragt werden, welches Album dieses Mannes wir denn nun besonders empfehlen könnten. Was man denn quasi zum Einstieg hören solle. Kurzum: welches das Beste sei. Das ist natürlich eine höchst unsinnige Frage – weil sie nur strikt subjektiv beantwortet werden kann. Wir schätzen die lässige Abgeklärtheit von „Es Lem“ genauso wie den vulgären Witz von „Häuserl am Oasch“, die dunkle Poesie von „Ohne Di“ mindestens so wie die enorme Dichte von „Ho Rugg“. Und da gäbe es einiges mehr zu nennen.

Es war also hoch an der Zeit, ein inoffizielles Best Of-Album zusammenzustellen. „A Young Person’s Guide To Ernst Molden“, sozusagen. Und die Auswahl sollte jemand treffen, der sowohl journalistische Distanz wie auch künstlerische Seelenverwandschaft unter einen Hut zu bringen vermag.

Da drängt sich einer förmlich auf, der Moldens Werdegang in etwa so lange begleitet wie seine Label-Familie: Robert Rotifer. Und er hat eingeschlagen. Wir haben nicht eine Sekunde lang diskutiert über Rotifers Song-Auswahl (sie geht zurück bis „Haus des Meeres“ von 2005 und enthält mit „schwoazze dramwei“ auch ein bislang unveröffentlichtes Stück, insgesamt sind es 24 Songs), und wir haben keinen Beistrich am begleitenden Text geändert. Es passt, wie es ist. Und es ist so, dass alles passt. An allererster Stelle für Ernst Molden selbst. Und das tut es.

Ursprünglich sollte diese Zusammenstellung – „Regn en Wien“ – nur auf Vinyl erscheinen. Dann haben wir den Gedanken als arrogante Selbstbeschränkung verworfen. So sehr wir die knisternde Intimität und Audio-Qualität von Schallplatten lieben: das Auto etwa ist einer der famosesten persönlichen Konzertpaläste, die wir kennen. Und noch besitzen die allermeisten Vehikel einen CD-Schlitz. Egal also, ob Sie analoge oder digitale Signale schätzen (oder pragmatisch beides zulassen): es sind die Songs, in genau dieser Reihenfolge und selektiven Signifikanz, die die Botschaft ausmachen.

Eine Botschaft, die da lautet: mehr Molden geht nicht. Jedenfalls nicht, bis das nächste Dezennium voll ist.

„Regn en Wien“ ist auf CD bereits erschienen, Vinyl (DoLP) folgt am 23.01.2015.

Pflicht & Kür zugleich

20. Juni 2013

„WienPop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten“ heisst ein neues, über 400 Seiten starkes Buch über die einschlägige Historie der Stadt. Erschienen ist es im Falter Verlag. Ein zukünftiges Standard-Werk? Ja doch, meint Co-Autor Walter Gröbchen.

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Eigentlich ist es erstaunlich, dass dieses Buch nicht schon eher geschrieben wurde. Denn ähnlich gedachte und gestrickte Werke gab es schon Jahre zuvor, die Form der Popgeschichtsschreibung ist so bekannt wie bewährt.

Analog zu internationalen Vorlagen wie „Verschwende deine Jugend“ (Jürgen Teipel) oder „Please Kill Me“ (Legs McNeill & Gillian McCain) oder lokalen Szene-Durchmessungen wie „Es muß was geben“ (Linz, Andreas Kump), „We Rocked Salzburg“ (Hannes Stiegler), „Rockmusik in der Steiermark bis 1975“ (Hg. David Reumüller, Robert Lepenik, Andreas Heller) und „50 Jahre Rock. Die Popularmusik in Vorarlberg“ (Hg. Matt/Rabitsch/Rhomberg) – ja, die vermeintliche Provinz war hier der Weltmetropole im Blick zurück voraus – handelt es sich zunächst um eine authentische Materialsammlung.

Zu erwähnen sind in diesem Kontext übrigens auch Heinrich Deisls Kompendium „Im Puls der Nacht“, von dem hoffentlich noch die angekündigten Fortsetzungen folgen, und das für den Spätherbst 2013 avisierte Mammutwerk „Schnitzelbeat“ des Austro-Trash-Sammlers und Forschers Al Bird Sputnik.

Neu ist jedenfalls der in „WienPop“ verfolgte Ansatz, nicht nur eine bestimmte Szene, eine kurze historische Epoche, sondern die popkulturelle Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg – von den späten 50ern des vorigen Jahrhunderts bis zu den Nullerjahren unseres Jahrhunderts – abzubilden. Erinnerungen, Erkenntnisse und Einschätzungen werden in Form einer Cut Up-Montage zu einer vielstimmigen Erzählung verdichtet, die über die reine kulturelle Geschichtsschreibung hinaus das Porträt einer Stadt im Wandel liefert.

Es ist also ein notwendiges Werk. Und es ist ein vergnügliches Werk. Denn – natürlich ist das Urteil eines Autors hier höchst subjektiv, aber der Tenor der ersten Kritiken geht d’accord – „WienPop“ liefert auch für Nicht-Insider eine Fülle an griffigen, aussagekräftigen, kurzweiligen Anekdoten, G’schichten und Wuchteln. Derlei liest sich recht flüssig und doch einigermassen stringent. Egal, ob es sich um ein André Heller-Bashing durch den Novak’s Kapelle-Sänger Walter „Walla“ Mauritz handelt oder eine trocken-knappe Einschätzung der Bedeutung von Peter Cornelius – der partout kein Interview geben wollte – durch den Polit-Pop-Rabauken Sigi Maron.

Freilich fliessen in ein solches Sammelalbum auch persönliche Sympathien und Antipathien, Blickwinkel und Erinnerungslücken ein. Warum kommt Burgtheater-Punk Franz Morak nur als Randnotiz vor? Was ist mit Pungent Stench? Gab es nicht mehr Frauen in all diesen Jahren? Waren die Rüssel-Disco-Fexe Ganymed wirklich wichtig? Oder eher nur peinlich? Werden The Vogue ausführlich gewürdigt? Und warum nicht Die Nervösen Vögel? Oder Station Rose? Hat Drum’n’Bass im Wien der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gar nicht existiert? Und ist die Ostbahn Kurti-Laufbahn nicht gar eng gefasst? Warum kommt X nicht zu Wort? Und Y? Dafür aber Z? Undsoweiterundsofort. To be discussed.

Solche Diskurse können ja auch wirklich lustvoll sein. Ob es sich bei den Einschätzungen der Interviewpartner und/oder der Interviewsammler & -Bearbeiter durchwegs um zulässige Verknappungen und eine Konzentration auf das Wahre, Gute, Schöne handelt oder um eine partielle Geschichtsklitterung höchst fragwürdiger Natur, mögen die Musikwissenschaftler nachfolgender Generationen klären. Gestritten hat darüber auch schon das Autorenquartett recht intensiv während des Entstehungsprozesses. Feedback und Kritik von Leserseite sind ausdrücklich erwünscht.

Jetzt liegt mal dieser Papierziegel auf dem Nachttisch. Genug Lesestoff, Diskussionsfutter, Ausgangsmaterial für die nächsten Jahre. „Wien.Pop“ musste geschrieben werden. Der zentrale Ideenspender des Buchs, Gerhard Stöger („Falter“, siehe Bild oben), arbeitet angeblich schon an der Fortsetzung.

(Skug 07/2013)

Goldene Schallplatte

15. Juni 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (215) Austropop für Ausserirdische? Manche “Golden Records” sind jedenfalls rare Sammlerstücke.

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In den letzten Wochen und Monaten – im Zug der Recherchen für ein ausuferndes Buchprojekt – hatte ich viel mit Plattensammlern zu tun. Das ist eine eigene Spezies. Mit eigenen Spielregeln: je seltener eine Schallplatte, desto wertvoller. Im Idealfall ist sie auch noch „originalverschweißt“, also nicht einmal ausgepackt und keinmal gehört worden. Was in die Rillen des Vinyl-Tonträgers an Audio-Informationen gepresst wurde, ist egal. Naja: nicht ganz. Aber fast.

So kommt es, dass auch grauenhafter Prog-Rock der siebziger Jahre oder Störgeräusche aus dem Elektronik-Underground äusserst wertvoll und gefragt sein können. Oder eine Probepressung der herrlich bescheuerten Weltraum- & Liebeshymne „Codo“ von DÖF (die es, wie Insider wissen, auch in einer jiddischen Version zu hören gab.)

Ich bin geneigt, die Renaissance von Vinyl ganz allgemein als Gegen-Trend zur Entmaterialisierung von Musik zu betrachten. Eine ebenso wunderliche wie sympathische Zeiterscheinung. Und keinesfalls nur ein Hobby für schmerbäuchige alte Männer und abgeklärte HiFi-Nostalgiker. Pro-Ject z.B., der umsatzstärkste Hersteller von Plattenspielern (und auch sonst auf Welteroberungs-Kurs), bringt gerade mit dem „Elemental“ ein Modell auf den Markt, das frisches Design mit einem wirklichen Low End-Preis kombiniert.

Das Ding gibt es übrigens auch mit USB-Anschluß, falls man die analogen Töne in den Computer transferieren will. Eindeutig ein Signal an die jüngere Generation – die mittlerweile auf die CD gern verzichtet und im Plattenschrank der Eltern nach Hörfutter kramt. Oder zwischen den trostlosen Regalmetern von MediaMarkt, Saturn & Co. zielgerichtet die Vinyl-Abteilung ansteuert.

Was ist aber nun die seltenste – und damit in Sammler-Kreisen potentiell wertvollste – Platte aller Zeiten? Gar mit Österreich-Bezug? Ich hab’ da lange drüber nachgedacht. Bis ich auf einen Artikel über die Raumsonde Pioneer 10 stiess. Man hat das letzte Mal vor über zehn Jahren von ihr gehört, aus einer Entfernung von zwölf Milliarden Kilometern. Traurig, irgendwie.

So surfte ich sentimental-traumverloren im Cyberspace – und landete bei den etwas später gestarteten Sonden der Voyager-Klasse. Auch sie führen Botschaften an ausserirdische Intelligenzen mit sich. Auf einer goldenen Datenplatte mit einer geschätzten Lebensdauer von 500 Millionen (!) Jahren. Darunter Musik von Bach, Beethoven, Mozart und Chuck Berry. Und eine kurz Ansprache des UN-Generalsekretärs und späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Die „Golden Records“ sind mithin interessante Artefakte, eventuell sogar ein Riesenhit auf Aldebaran oder Alpha Centauri – aber leider ziemlich unerreichbar.

Würde mich trotzdem nicht wundern, wenn ein Spezi aus der Austro-Hardcore-Sammler-Szene – etwa Gerhard Stöger – eine Kopie davon im Panzerschrank hat.

Austropop, Arena und Alternativen

24. April 2013

Die Siebzigerjahre – ein Überblick. Eine Leseprobe aus „WIENPOP. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten.“

Cover WienPop

Der Streit, wer genau wann den Begriff „Austropop“ geprägt und in Umlauf gebracht hat, ist ein akademischer. Das zunächst attraktiv erscheinende, später zunehmend als lästig und klebrig empfundene Etikett wurde wohl – auch wenn es angeblich erstmals im Oktober 1973 im Teenager-Magazin „Hit“ Verwendung fand – von Evamaria Kaiser erfunden, die generell als Patentante einer ganzen Szene fungierte. Es war die Zeit der Talent-Wettbewerbe, die von landesweiten Printmedien und dem mit frischem Selbstbewußtsein und Sendekanälen ausgestatteten ORF forciert wurden – von der „Show-Chance“ bis zu „Talente 70“.

Evamaria Kaisers wesentliche Katalysatorrolle war jene, mit sonorer Stimme eine frühe, sanfte, doch nachdrückliche Ermunterung und Formatierung einzumoderieren – und zwar bidirektional. Einerseits suchte man beim Radio, namentlich Ö3, seit 1967 wirklich neue, genuin österreichische Klänge, die man nicht nur in der „Musicbox“, sondern auch im Laufbandprogramm einsetzen konnte. Andererseits musste das Gros der jungkreativen Kräfte – darunter Georg Danzer, Marianne Mendt, Richard Schönherz, Marika Lichter, die Milestones und die Worried Men Skiffle Group – mit einem ungleich grösseren Publikum als in früheren Karrierestadien vertraut gemacht werden. Und vice versa.

Der ORF als – zu jener Zeit monopolistisch agierender – medialer Durchlauferhitzer ermöglichte erst, den spröden Begriff „Popularmusik“ (den 1961 der deutsche Musikhistoriker Walter Wiora eingeführt hatte) in das leuchtkräftigere, massenkompatiblere, alles umfassende und jeden umarmende Kürzel „Pop“ zu transformieren. Und damit auch hierzulande etwas zu ermöglichen, das oberflächlich der angloamerikanisch geprägten Unterhaltungsindustrie und Popkultur á la Warhol, Disney & Graceland gleichkam. Zumindest annähernd. Anderseits konnte und wollte man vielfach – zuvorderst in Wien – nicht die Wurzeln, Traditionen und milieubedingten Prägungen verleugnen, die bis in die zwanziger und dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts (oder noch weiter) zurückreichten und ab 1938 eine dunkle, nachhaltig bedrückende Zäsur erfahren hatten.

Pop wurde, und diese Entwicklung setzte in Österreich erst mit fast einem Jahrzehnt Verspätung nach den ersten markanten Botschaften Bob Dylans, der Beatles, Kinks und Rolling Stones ein, zum Fluidum und Botenstoff der Aufklärung und Selbstermächtigung – abseits reiner Unterhaltung. Als erste halbwegs eigenständige Spielart konnte und durfte Austropop – ein oft reichlich kurioses Amalgam aus Affirmation, beherzter Aneignung (etwa von literarischen Texten der Wiener Gruppe) und verschrobener Eigenentwicklung – plötzlich sagen, was bislang ungesagt blieb. Er musste es allerdings nicht – eine Option, die nicht wenige Unterhaltungskünstler/innen wählten.

Ö3 unter der Leitung von Ernst Grissemann und durchsetzt mit Mitarbeitern wie André Heller, Gerhard Bronner („Schlager für Fortgeschrittene“), der „Radio Luxemburg“-Leihgabe Frank Elstner, dem späteren Ö1-Chef Alfred Treiber oder dem heutigen Wien.Museum-Direktor Wolfgang Kos forcierte – aus aktuellem Blickwinkel doppelt bemerkenswert – beides. Stücke wie „Glaubst i bin bled“ (Text: Konrad Bayer) und „I bin a Wunda“ (Text: Friedrich Achleitner), im Auftrag des Radiosenders musikalisch vertont von der Worried Men Skiffle Group, griffen noch vor den Madcaps (mit Georg Danzer als zunächst weithin unbekanntem Songschreiber), Malformation, One Family oder Marianne Mendt den Wiener Dialekt als Stilmittel auf. „Da schenste Mann von Wien“, „Der Mensch is a Sau“, „I bin a Weh“ und der mit André Heller aufgenommene Hermann Leopoldi-Hit „Schnucki, ach Schnucki“ folgten. Die skurille Skiffle-Truppe – der Titel ihrer Debut-LP lautete „Damn Best Dance Band In Town“ – erwies sich als für die spätere Entwicklung der Szene wenig signifikant, brachte es dennoch zu bis Mitte der siebziger Jahre anhaltender Popularität.

Jene Entertainer aber, die zuvor die Bühnen der Tanzcafés, Nobelhotels und Vorstadtsäle mit dem Instrumentarium des frühen Rock’n’Roll beherrscht und geprägt hatten, mutierten innerhalb kürzester Zeit und durch die Bank zu Auslaufmodellen, zu Überbleibseln einer vergangenen Beat-Ära. Oder wurden, schlimmer noch, dem Schlager-Genre zugeordnet – einem strikt kommerziellen, hoffnungslos konservativen Terrain. Peter Alexander, Freddy Quinn, Peter Kraus, Lolita, Udo Jürgens & Co. stehen somit hier nicht zur Disposition.

Diese kritische Grundtönung blieb bis weit in die siebziger Jahre erhalten, auch wenn die Bandbreite der Modeerscheinungen von „klassischem“ Austropop über die exaltiert-eskapistischen Inszenierungen André Hellers, diverse Eurovisions-Songcontest-Beiträge, Gelegenheits-Gags und Disco-Gehversuche bis zu englischsprachigem Pomp-Rock, comicähnlich groteskem Rocktheater und letztendlich derivativem Proto-Punk reichte. Einen – relativ rasch wieder recht einsamen – Höhepunkt erreichte die Politisierung in der Liedermacherszene, die ab `68 in Kellerbiotopen wie dem „Folkclub Atlantis“, aber auch im AudiMax der Universität und diversen Kleinstparteien, Splittergruppen, Wohngemeinschaften und Diskussionszirkeln Resonanz und Publikum fand, nichts davon aber in die achtziger Jahre hinüberretten konnte. Selbst ein Monumentalwerk wie die „Proletenpassion“ der Schmetterlinge, möglicherweise das (in jeder Hinsicht) umfangreichste und gewichtigste Wort- & Tondokument jener Tage, wirkte kaum ein Jahrzehnt später überambitioniert und antiquiert.

Man kann generell trefflich über die Rolle von Charakterköpfen wie Sigi Maron, Erich Demmer, Stefan Weber (Drahdiwaberl), Alf Krauliz (Misthaufen) oder Willi Resetarits und die historische Bedeutung von Bands wie Novak’s Kapelle, Gipsy Love oder Hallucination Company streiten – ihre teilweise bis in die Gegenwart reichende Wirkungsmacht nährt sich sowohl aus facettenreicher Originalität, erstaunlicher Konsequenz – nicht selten auch in Hinsicht auf notorische kommerzielle Erfolgslosigkeit – wie aus einer im Pop-Business unabdingbaren Instant-Mythologisierung. Selbst die vielbeschworene, symbolträchtige „Arena“-Besetzung stellt sich im Rückblick als enorm folgenreiche, doch schon im Augenblick ihrer erzwungenen Beendung verklärte Episode dar.

Ohne Zweifel lässt sich aber Wolfgang Ambros als prägendste und wichtigste künstlerische Wien/Pop-Erscheinung der siebziger Jahre benennen (so sehr auch André Heller, Georg Danzer oder – vergleichsweise wortkarg, aber musikalisch-virtuos kaum bezwingbar – Christian Kolonovits, Karl Ratzer, Richard Schönherz, Kurt Hauenstein oder Peter Wolf dicht auf folgen. Letztere verliessen bezeichnenderweise ab Mitte der siebziger Jahre das Land, zunächst Richtung Deutschland, später Richtung USA). In Songs wie dem „Hofa“ und Alben wie „Es lebe der Zentralfriedhof“ spiegelt sich ein zu Beginn des Jahrzehnts blutjunges, aufreizend unschuldiges Talent, das rasch und unter tatkräftiger Mitwirkung von Kreativ-Kollaborateuren wie dem kongenialen Josef „Joesi“ Prokopetz, Studiofuchs Peter Müller, Manager Johann Hausner, Textdichter Hugo Khittl oder dem (später gerade dafür geschmähten) Universal-Arrangeur Christian Kolonovits zu einem routinierten Kartographen wurde. Einem Kartographen der labyrinthischen, grauen, nur selten von leuchtend-orangen Plastikwerbekugeln („Z – Zentralsparkasse“) belebten Strassen- und Gassenfluchten Wiens – wie auch der Seelenlandschaft seiner Bewohner.

Wir haben es hier mit einem Zeit-Raum-Kontinuum zu tun, das ein Dezennium lang von einer vagen Vorahnung auf Kommendes, Mögliches, ja auf die Moderne schlechthin befallen schien. „Espresso“, zu finden auf dem prototypischen Austropop-Album per se (eben dem „Zentralfriedhof“), ist ohne Zweifel einer der trefflichsten Songs, die den Mikrokosmos jener Ära in einer Momentaufnahme zu verdichten versuchten. Zeitlupenmodus: es passiert nichts. Man sitzt, wie jeden Tag, im Espresso, im Wirtshaus, beim Bier oder Kaffee. Die Luft steht drückend im Raum. In der Zeitung dasselbe wie gestern. Und vorgestern. Eine unbekannte Frau, die um Feuer bittet, kommt einer Sensation gleich. Die Jukebox kennt nur Kommerzmusik, sie klingt wie Pink Floyd aus den Kehlen der Sängerknaben. Die Lage: hoffnungslos, aber nicht ernst. Wien in den Siebzigern.

Das war die Fototapete, vor der Hans Hölzel alias Falco seine ureigene Inszenierung eines Befreiungsschlags einzustudieren begann.

“WIENPOP. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte, erzählt von 130 Protagonisten” erscheint im Juni 2013 im Falter Verlag, Wien.

Ganymed & Kierkegaard

20. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (207) Digitale “Field Recorder” sind für Radioreporter, Historiker und Originalton-Jäger ein wahrer Segen. Dazu zählen auch Pop-Autoren.

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Uff! Mit Hängen und Würgen haben drei Kollegen – namentlich Thomas Mießgang, Florian Obkircher, Gerhard Stöger – und ich gerade ein Buch fertiggestellt. In diesem Werk mit dem Titel „WienPop“, das Anfang Juni im Falter Verlag erscheint, stecken über zweieinhalb Jahre Arbeit, 140 Interviews und jede Menge authentischer Informationen zu den letzten fünfzig Jahren österreichischer Musikgeschichte. Von Wolfgang Ambros bis zur Worried Men Skiffle Group, von Astaron bis Klaus Waldeck – alle kommen sie zu Wort.

Das ist nicht nur ein gehöriger Batzen Recherche-, Transkriptions- und Schreibarbeit, sondern birgt auch gruppendynamisches Konfliktpotential en gros & en détail. Warum würdigt niemand die Dialekt-Pop-Vorreiter Malformation? Ist „Zucker“ ein essentiellerer Hansi Lang-Song als „Keine Angst“? War die Gummimasken-Discotruppe Ganymed signifikant oder nur peinlich? Und wenn es etwa um den lässlichen, aber gern gepflegten Brauch einer kollektiven Autoren-Dankesliste geht, dürfen zwar keinesfalls die jeweiligen Lebensabschnitts- und Verlagspartner fehlen – dafür fallen im Hickhack der Subjektivitäten und im Trubel des Redaktionsschlusses gern Menschen unter den Tisch, die wirklich hilfreich waren.

Ich hätte z.B. jemanden, dessen Namen ich erst hervorkramen müsste (er tut hier nichts zur Sache), der sich dem Autorenteam gegenüber aber durch eine schlichte Leihstellung äusserst dienlich zeigte. Das Leihobjekt: ein Olympus PCM Linear Recorder, Modellbezeichnung LS-11 – ein handliches Aufnahmegerät, das heute wahrscheinlich gar nicht mehr der letzte Schrei ist, uns aber zweieinhalb Jahre lang treue Dienste geleistet hat. Und die Stimmen aller Interviewpartner originalgetreu auf ewig für die Nachwelt festhielt (die Aufnahmen wandern, falls jemand hineinhören möchte, schnurstracks in den Fundus der Musiksammlung der Wien-Bibliothek). Ohne Aussetzer, ohne Mucken, ohne den geringsten Anlaß zur Beschwerde. Das nenn’ ich einen Marathontest!

Und, ja, ich hab’s schon einmal festgehalten: Profi-Geräte wie das LS-11, die nicht nur bequem in eine Jackentasche passen, sondern mittlerweile auch höchst erschwinglich sind, hätte man sich vor zwanzig, dreissig Jahren als Rundfunk-Reporter gewünscht. Damals benötigter guter Ton vor allem eine starke Schulter – die Bandmaschinen von Nagra, Uher & Co. waren sauschwer. Und die Cassetten- & Minidisc-Recorder, die danach kamen, konnten es in der Aufnahmequalität nur bedingt mit dem jetzigen Digital-Equipment aufnehmen.

In diesem Sinne: danke. „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden“, wusste schon Søren Kierkegaard. Teilen Sie unsere Vorfreude!

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