Die non-futuristische Freiheitsmaschine

21. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (373) Der Kia Sportage der vierten Generation demonstriert nicht die Zukunft des Automobils, aber eine ebenso preiswerte wie opulente Gegenwart.

Kia Sportage

„Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft“. Solche Überschriften – online nachzuschlagen in der Süddeutschen Zeitung – sind nicht gerade die ideale Begleitmusik, um einen aktuellen SUV zu bewerten. Aber mein Resümee nach einwöchiger Testnutzung eines KIA Sportage 2.0 CRDI fällt radikal anders aus: dieses Auto ist die leistbare Freiheitsmaschine der Gegenwart. Was in Zukunft sein wird, weiß kein Mensch.

Wie komme ich zu solch einem Urteil – das für Fortschrittsgläubige auf einen Affront hinausläuft? Nun: eigentlich sind mir SUVs (Sport Utility Vehicles) als Fahrzeuggattung eher unsympathisch – zu voluminös, oft protzig-hässlich, technisch meist unnütz überzüchtet. Zugleich ist diese Kategorie aber im Autohandel die mit Abstand erfolgreichste der letzten Jahre. Was einiges über unsere Zeit und alternde Gesellschaft aussagt. Andererseits sollte man nicht zu geschmäcklerisch an die Sache herangehen. Und Phänomene als Journalist tunlichst kühl analysieren.

Was mir beim aktuell getesteten Kia Sportage der vierten Generation, zugegebenermassen schwer fällt. Man schlüpft in dieses Fahrzeug hinein wie in einen Handschuh: alles sitzt, passt, funkt, als stünde das Auto seit Jahren in der eigenen Garage. Der Kia-Werbespruch „The power to surprise“ trifft es exakt: da definiert ein vormaliger südkoreanischer  Billigsberger die leistbare SUV-Klasse neu.

Wobei „leistbar“ relativ ist: die Listenpreise für den Sportage beginnen bei 24.000 Euro, die getestete, mit allem Schnickschnack (Vierradantrieb, Automatik, Bi-Xenon-Scheinwerfer, autonomes Notbremssystem etc. usw.) ausgerüstete Platin-Edition überspringt dann locker die 40.000 Euro. Aber ich war und bin wirklich überrascht, wie komplett, robust und durchdacht dieses Auto ist. Quasi eine Alltags-Benchmark individueller Old School-Autoerotik. Und, ja, es geht natürlich immer (auch) um die Befriedigung des eigenen Ich.

Freilich auch bei der gegnerischen Fraktion: engstirnigen Moral- und Zukunftsaposteln, selbsternannten Verkehrsplanern und unbedingten Autohassern. Ihre Befriedigung leitet sich zumeist aus einfachem Distinktionsgewinn ab: seht her, diese SUV-Deppen! Wollen einfach nicht aufs Rad, auf die Eisen- oder Strassenbahn, auf ein Elektrowägelchen umsteigen! Sorry to say: man sollte den Instinkt von Millionen Käufern, die ihr hart erarbeitetes Geld für Mobilitäts-Prothesen auf den Tisch legen, nicht unterschätzen.

Das „ekstatisch-suizidale James Dean-Modell des Autofahrens“, wie es die „Süddeutsche“ polemisch nennt, ist – sorry to say (und zwar in jeder Hinsicht) – alles andere als von gestern. Jedenfalls, solange die Bahn bummelt und Tesla & Co. im Selbstfahrmodus in kreuzende LKWs krachen. Haben denn Unfreiheitsmaschinen eine Zukunft?


Ohne Schlitz

14. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (372) Die Zukunft der Musikindustrie entscheidet sich im fahrenden Konzertpalast: dem Auto.

Auto-CD-Player

In meinem aktuellen Testauto, einem Kia Sportage, gibt es keinen CD-Player mehr. Das wurde mir bewusst, als ich einen ganzen Schwung Silberscheiben, die ich auf dem Weg von Wien nach Goldegg (und zurück) hören wollte, kurzfristig in den Kofferraum verfrachten durfte – sie waren zu nichts nütze.

Ich hätte die CDs – zumeist selbstgebrannte mit Demos diverser Künstler, die ich von Berufs wegen hören sollte – vorher rippen und aufs Handy transferieren müssen, um der Musik die gebotene Aufmerksamkeit schenken zu können. Und, ja, bei den letzten, vergleichsweise teuren Vehikeln, die ich chauffieren durfte, gab es noch einen CD-Schlitz.

Nun ist das natürlich ein Luxusproblem. Zumal das Entertainment-Center im Kia alle Stückl’n spielt. Und noch dazu herrlich selbsterklärend ist – mit kaum einem Fahrzeug bislang gelang das Bluetooth-Pairing mit dem Smartphone so selbstverständlich wie hier. Das JBL-Soundsystem verspricht zudem eine „fortschrittliche Clari-Fi Musikrestaurierungstechnologie, welche die Qualität von MP3-Dateien verbessert und deren Klang in High Definition bereitstellt“ (Prospekttext). Sorry, das ist natürlich audiotechnisch kompletter Unsinn. Aber die Anlage klingt annehmbar und lässt sich elegant steuern. AUX- und USB-Anschlüsse sind zusätzliche Verheissungen für die mobile Discothek. Soweit wunderbar.

Für die Musikindustrie aber ist die Botschaft des rasanten Abhandenkommens von CD-Playern im Auto eine, die mit gemischten Gefühlen aufgenommen werden wird. Denn es bedeutet, dass vorbespielte Tonträger – gemeinhin Alben oder, falls es sich um eine bunte Auswahl von Künstlern und Songs handelt, Compilations genannt – auf dem absteigenden Ast sind. Zwar betrug deren Anteil am gesamten österreichischen Musikmarkt anno 2015 noch rund 70 Prozent. Die zweistelligen Zuwachszahlen bei Streaming-Abos sprechen aber eine deutliche Sprache.

Auch ältere Generationen machen sich inzwischen mit der virtuellen Jukebox auf Abruf vertraut – gezwungenermassen, wenn die KFZ-Industrie den Systemwechsel forciert. (Wer erinnert sich noch an die Zeit, als die Cassettenschlitze aus den Autos verschwanden?) Und Downloads tut sich auch niemand mehr an, wenn Spotify, Apple Music, Google Play, Deezer & Co. eh fast alle Wünsche erfüllen.

Playlists sind die neuen Compilations. Streaming ist das neue Radio. Alben sind Relikte von gestern. CDs werden bald nur noch nostalgische Staubfänger sein. Wie sangen einst Minisex? „Ich fahre mit dem Auto, alles geht so schnell.“


Gut gemeint, aber

1. August 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (370) Mit einer Kampagne gegen Hasspostings versucht die Politik die Realität im Netz zu konterkarieren. Hilft’s? 

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„Meinungsfreiheit im Internet bedeutet nicht automatisch Narrenfreiheit.“ Mit symbolisch erhobenem Zeigefinger trat dieser Tage die Staatssekretärin Muna Duzdar – zuständig für Integration, Verwaltung und Diversität, aber auch Digitalisierung (ein kurioser Themenmix, wenn Sie mich fragen) – an die Öffentlichkeit. Die Bundesregierung habe eine „Initiative gegen Gewalt im Netz“ beschlossen, in Klagenfurt stellte man erste Sujets einer Online-Kampagne vor. Unter dem Hashtag #GegenHassimNetz treten honorige Persönlichkeiten – darunter Duzdar selbst – auf und an, um die „Lufthoheit über digitale Stammtische zurückzugewinnen“ und „Gegennarrative“ zu entwickeln.

Nun lässt sich grundsätzlich wenig gegen einen derartigen Vorstoß sagen. Die verbale Offenherzigkeit in Sozialen Medien und Leserforen grenzt oft an Logorrhoe, Tischmanieren scheinen ein längst vergessenes Relikt aus grauen Vorzeiten zu sein. Und tatsächlich neigt ein geringer, insgesamt aber überdeutlich wahrnehmbarer Bodensatz aller Beteiligten zu Beschimpfungen, Drohgebärden, Diffamierungen und Schlimmerem.

Besonders Frauen sind davon betroffen; das digitale Mobbing macht aber auch vor Jugendlichen und Kindern nicht halt. Wer hat es noch nicht erlebt, auf Facebook, Twitter oder in Online-Foren mit plötzlicher, oft unerklärlicher Aggressivität konfrontiert zu sein? Oder, seltener und weit übler, den Tod an den Hals gewünscht zu bekommen? Zumeist von einem anonymen Absender (der doch oft dingfest zu machen ist) – derlei im eigenen Namen zu formulieren trauen sich die Hassbotschafter meist dann doch nicht.

Nun: dagegen helfen seit Zeiten, die bis lang vor der Erfindung des World Wide Web zurückreichen, juristische Schranken. Man schlage den Paragraphen 283 des Strafgesetzbuches nach („Verhetzung“), eventuell § 297 StGB („Verleumdung“) oder den Cybermobbing-Paragraphen 107 StGB. Auch § 111 StGB („Üble Nachrede“) oder § 115 StGB („Beleidigung“) sollten greifen, dazu Regeln in Fällen wie „Kreditschädigung“, „Gefährliche Drohung“ oder „Verstöße gegen das Verbotsgesetz“. Es gilt nur, diese sehr wirksamen Instrumente auch zur Anwendung zu bringen – etwa, indem jede virtuelle Stammtischrunde einmal über ihre pure Existenz aufgeklärt wird. Und eine Strafverfolgung sensibel, aber konsequent erfolgt.

Hier könnte der Staat sagen: Ja, das unterstützen wir! Wir bieten Nachforschungskompetenz (und den grundsätzlichen Willen dazu), juristische Hilfestellung, Online-Formulare, finanzielle Unterstützung in entsprechenden Fällen. Und und und. Nennen wir es eine konkrete, handfeste Hilfe, die auf einer klaren Haltung beruht. Und natürlich auch personeller und struktureller Ressourcen bedarf. Zum Gesamtkomplex zählt auch, Plattformen wie Facebook medienpolitisch dezidiert nicht aus der Verantwortung zu entlassen.

Propagandakampagnen aber, die nur nebulose Selbstverständlichkeiten transportieren, sind sicher gut gemeint. Aber gut – im Sinne von: wirksam – eher nicht.


Das bin doch nicht ich

16. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (368) Facebook verzerrt unsere Gesichter zu Fratzen. Vorsätzlich. Oder spiegelt es nur unser wahres Ich?

Zeichnung WG zensored

Si tacuisses… Hättest Du geschwiegen, hätte man Dich weiterhin für einen Philosophen gehalten. Was schon die alten Lateiner wussten – nämlich, dass man sich um Kopf und Kragen reden bzw. schreiben kann –, scheint in der Gegenwart noch nicht angekommen zu sein.

Einer Gegenwart, die nicht nur den Irrsinn des Terrors, der religiösen Verhetzung und der blutigen politischen Inszenierung kennt, sondern auch sogenannte „first world problems“. Probleme, die bei genauerer Betrachtung meist banalen Befindlichkeitsschwankungen und alltäglichen Luxusjuckreizen geschuldet sind. Derlei forciert Zwist und Hader, die wie aus dem Nichts entstehen – und offenbar zum unabdingbaren Grundinventar der conditio humana zählen.

Sie ahnen, worauf ich anspiele? Ja, es geht (auch) um das aktuelle Hickhack zweier Fixgrössen der jüngeren österreichischen Autorenlandschaft, das um die Frage entbrannt ist, ob es eine Schnittmenge zwischen Literaturkritik und Sexismus gibt. Und, wenn ja, wie damit umzugehen ist. Dass die – notwendige und berechtigte – Debatte darüber behend zum Scherbengericht gerät und bei Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie endet, ist so bedauerlich wie symptomatisch. Und fast unvermeidbar. Ich sage dies, weil ich freiwillig unfreiwillig Zeuge der Entstehung dieses Streits wurde. Und leider auch meinen Teil dazu beigetragen habe. Indem ich, wider besseren Wissens, in eine Facebook-Diskussion eingestiegen bin.

Facebook ist aber – wie fast alle heute existenten Social Media-Erscheinungsformen – weder ein soziales noch ein seriöses Medium. Es ist, und das ist die Erkenntnis vieler Jahre intensiver Involviertheit, ein Durchlauferhitzer zutiefst menschlicher Verhaltensweisen und Regungen. Ein Perpetuum Mobile der Aufschaukelung. Und ein Katalysator der Polarisierung. Facebook lebt davon, mittels undurchschaubarer Algorithmen, vorsätzlicher Filterung, geschickter Wirklichkeitsverzerrung und oberlehrerhafter Zensur ein Affentheater zu inszenieren, bei dem wir gleichzeitig Akteure und Zuschauer sind. Die Eintrittskarten sind gratis (sie kosten uns nur Lebenszeit), mit der Bandenwerbung verdient Marc Zuckerberg Milliarden. Durchschauen tun die gefrässige Clickbaiting-Maschinerie nur die allerwenigsten, beherrschen nur jene, die bewusste Entsagung üben.

Was unterscheidet nun aber die neuen Medien von den althergebrachten – Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen? Leider wenig. Sie agieren, bis auf wenige Ausnahmen,  nach denselben Regeln – Stichwort: Ökonomie der Aufmerksamkeit – und unter denselben kapitalistischen Grundkonditionen wie die zwiespältigen Paradeunternehmen der post-analogen Medienwirtschaft. Und beziehen ihre Rohstoffe und Neuigkeiten zunehmend aus dem verseuchten Terrain der Konkurrenz. Die heiße Druckluft aus den Echokammern des eigenen Ichs wird gerade dort gierig aufgesogen (und weiter aufgeheizt), wo Abkühlung Grundvoraussetzung für ernsthafte Kommunikation wäre.

Schweigen ist, so scheint es, keine Option. Ich fürchte, dafür ist der Mensch nicht gebaut.


Ein Loblied auf die Registrierkasse

8. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (367) Schau einer an: Registrierkassen haben auch ihre Vorteile. Nicht nur für den Finanzminister.

ARCHIVBILD/THEMENBILD: DAS BRINGT 2016: REGISTRIERKASSENPFLICHT / BETRUGSBEKÄMPFUNG

Der Witz ist ja: was der Staat von seinen Bürgern verlangt, schafft er selbst nicht umzusetzen.

Seit 41 Jahren (!) blockieren die Länder und Gemeinden Österreichs jeglichen Fortschritt in Sachen einheitlicher und transparenter Rechnungslegung, die eine essentielle Voraussetzung für eine vernünftige Finanzgebarung wäre. Wirklichen Einblick, z.B. für den Rechnungshof, gibt es auch in Zukunft nicht.

„Eine föderale Bösartigkeit der Sonderklasse“ nennt das der „Presse“-Journalist Josef Urschitz – was eher noch untertrieben ist, wenn man bedenkt, dass z.B. der in Niederösterreich dafür jahrelang zuständige, als Spekulant agile, nunmehrige Innenminister S. gerade Scharfmacher gegenüber Mindestsicherungsbeziehern spielt. Politisches Kleingeld macht auch Mist, aber die grossen Beträge sind anderswo zu holen.

Das denken sich freilich auch tausende Geschäftsleute, denen man die Registrierkassenpflicht aufs Auge gedrückt hat. Seit 1. Juli gibt es keine Ausreden und Schonfristen mehr: wer dabei erwischt wird, Waren ohne Rechnung zu veräussern, darf sich auf einen eingeschriebenen Brief des Finanzamts freuen.

Dass das Parlament in letzter Sekunde Ausnahmen für gemeinnützige Vereine und Körperschaften (und, wenig wundersam, auch für Vorfeldorganisationen von Parteien) geschaffen hat, ist für jene, die sich täglich mit dem Zettelwerk herumschlagen müssen, eher kein Trost. Das Thema wird uns noch monate-, wenn nicht jahrelang juristisch und emotional beschäftigen – mittlerweile wird die Registrierkassa und ihr überdimensionaler Symbolwert ja sogar von Popgruppen besungen und von Kabarettisten analysiert.

Aber ist so ein Ding automatisch des Teufels? Ich sage: nein. Und gelte dabei gemeinhin nicht als Freund überbordender Bürokratie. Doch ein funktionierendes Computer-Kassensystem, eventuell in direkter Verbindung mit einem Warenwirtschaftsprogramm, kann einem auch Arbeit abnehmen: jene der peniblen Verwaltung der Ein- und Ausgänge, der Lagerhaltung, des Controllings und der internen Abrechnung. Selbst ganz simple, billige Software-Lösungen liefern hoch interessante Statistiken und Auswertungsmöglichkeiten. Smarte IT-Kassen schupfen die Daten gleich in die Buchhaltung oder zum Steuerberater weiter. Von der Rechtssicherheit bei Steuerprüfungen ganz abgesehen.

Meine Behauptung lautet also: nicht wenige, die anfänglich rumgemosert haben über die Kosten und Komplexität einer Registrierkasse, haben inzwischen auch ihre Vorzüge erkannt. Und sind heimlich heilfroh, ihren Angestellten auf die Finger schauen zu können und aussagekräftige Zahlen frei Haus geliefert zu bekommen.

Wenn es der Finanzminister nun auch noch schafft, das vorbildhaft seinen Kollegen in den Ländern und Gemeinden zu verklickern, spende ich beim nächsten Feuerwehrfest glatt ein paar Cent für die Parteikassa. Auch ohne Rechnungszettel.


Im Bett mit Sargnagel

1. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (366) Mehr Gefühl, Spaß und Kurzweil, weniger Fakten und Wirklichkeit: Willkommen in der Echokammer des eigenen Ichs!

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Ob Stefanie Sargnagel beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt nun den einen oder den anderen Preis gewinnt: egal. Irgendeinen Pokal wird sie abräumen. Sicher.

Und womit? Mit Recht. Als Hohepriesterin hellwacher Wurschtigkeit erzählt sie uns mehr über uns und unsere Zeit, als uns vielfach lieb ist. Jedenfalls mehr, zynischer und zielsicherer als der anämische Literaturregelbetrieb. Und das, ohne gravitätische 700-Seiten -Wälzer zu verfassen. Ob da oder dort ein Beistrich fehlt oder der sog. gute Geschmack verletzt wird, ist zweitrangig, Verstörung dagegen unabdingbar. Sargnagel (eigentlich: Sprengnagel) macht ihrem Namen alle Ehre – und sie ist wie beiläufig zur Stimme ihrer Generation herangereift. Respekt!

Die Autorin, die gern „einfach nur im Bett liegt“ und dabei Bewunderung und Hass wie ein Elektromagnet anzieht, erzählt uns gelegentlich auch etwas über Technik. Und ihre Beziehung zu Technik. Online. „Erst wollt ich kein Internet daheim, weil es ein Zeitfresser ist“, gab sie dem „Standard“ zu Protokoll. „Deshalb hatte ich den Fernseher, weil ganz ohne Berieselung ist es auch blöd in der Wohnung. Im Internet hat man nur die Informationen, die man sich selbst sucht, im Fernsehen kommt halt immer irgendwas.“ Eine Tierdoku etwa. Über Löwen. Wer käme auf die Idee, einfach so im Internet nach Löwen und ihrer Lebenswelt Ausschau zu halten?

So banal diese Erkenntnis auch scheinen mag: sie ist hoch brisant. Denn „das Internet“, das sind anno 2016 zuvorderst soziale Medien wie Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram, YouTube, LinkedIn, Tinder und und und. Gewiss auch Suchmaschinen, für viele die einzigen Wegweiser im digitalen Labyrinth. Wie finde ich sonst überhaupt Frl. Sargnagel? Klagenfurt? Einen Freund bzw. eine Freundin? Mehr Löwenstories und Katzenbilder? Das Fernsehprogramm? Von der realen Welt ganz zu schweigen. Existiert die überhaupt noch?

Apropos: warum muss man eigentlich vom Bett oder Sofa aufstehen und z.B. wählen gehen (und das zum wiederholten Male) – liesse sich das nicht auch per Like erledigen? Daumen rauf, Daumen runter? Emoji nach Belieben hintnach. Wie’s ausgegangen ist, werden mir dann schon Freunde mitteilen. Oder so. Althergebrachte Medien braucht’s dafür nicht, die stehen sowieso unter „Lügenpresse“-Verdacht.

Okay, das war eine sehr zugespitzte Zusammenfassung des Status Quo in Sachen Social Media. Wenn aber, wie diese Woche, eine Meldung die Runde macht, Facebook (Werbeslogan: „Mehr von dem, was Dir gefällt“) werde demnächst an seinen Algorithmen schrauben und Hard News zugunsten Wortmeldungen von Freunden und Bekannten zurücknehmen, ahnt man, in welche Richtung es geht.

Willkommen in der wohlig temperierten Filterblase! Gegenstimmen? Ausgeblendet. Rüpelhaftigkeit, Hysterie, Abstinenz, Sexismus, Verschwörungstheorien, Gewaltphantasien? Anderswo. Da können noch so viele den Finger erheben. Oder in den Holzmedien rumgeistern. Noli me tangere.

Gut, wenn man dann mindestens noch eine Sargnagel in der Echokammer rumplärren hört.


Tagtägliche Erleuchtung

26. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (365) Überdimensionale, hochauflösende TV-Monitore machen Beamer im Wohnzimmer zunehmend überflüssig.

TV Zukunft

Die Lust auf wandfüllende TV-Bilder ist nach dem Ausscheiden der österreichischen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM in Frankreich deutlich zurückgegangen. Zumindest bei mir.

Man muß schon ein bekennender Sport-Fanatiker sein, um nun jedes weitere Match zu verfolgen – wobei: das Live-Erlebnis im Stadion kann kein noch so scharfer, noch so großer, noch so moderner Screen ersetzen. Und auch kein High-End-Beamer. Oder doch? Die hochauflösenden Bilder, die man uns als Bit-Strom mitten ins Wohnzimmer schickt, zeigen ja die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter, wie sie auch Peter Handke nicht lebensnäher beschreiben könnte. Schweißtropfen für Schweißtropfen. Und Zeitlupenwiederholungen gibt es in „real life“ nicht.

Und, ja, spätestens beim Finale werden wir uns alle wieder um ein probates Schau-Erlebnis kümmern. Freund Z., der einen sauteuren JVC-Projektor sein eigen nennt (laut seiner Aussage „der Ferrari unter den Beamern“) und gern auch für ein adäquates kulinarisches Rundherum sorgt, gilt in meinem Bekanntenkreis als erste Adresse für den Genuß derartiger TV-Highlights.

Angefixt von der meterbreiten Bilddiagonale in seinem Haushalt, habe ich selbst auch einen Beamer erstanden. Einen, hüstel, deutlich billigeren. Und, ja, das BenQ-Gerät mit immerhin 3000 Lumen Leuchtkraft kann im Direktvergleich sogar einigermassen mithalten – jedenfalls soweit, dass ich nicht den zehnfachen Preis für einen Projektor auszugeben bereit wäre. Aber eine notorische, weil prinzipielle Schwäche können beide Lichtkanonen nicht verbergen: eine gewisse Flauheit und Flachheit des Bildes. Zumindest, solange man den Raum nicht verdunkelt.

In diesem Zusammenhang wurde ich an eine Exegese erinnert, die mir der ORF-Experte M. schon vor Jahren zukommen hat lassen: die nachdrückliche Unterscheidung von Auf- und Durchlicht. Dargestellt am Beispiel von Kirchenfenstern, den „ersten Bildschirmen“. Dem staunenden Volk zur allgemeinen Erbauung und Erleuchtung zur Verfügung gestellt von der römisch-katholischen Kirche, dem, so M., „wahrscheinlich scharfsinnigsten, sicher langlebigsten und vermutlich (…) erfolgreichsten Medienhaus der Geschichte.“ Eine zumindest nicht unoriginelle Betrachtung.

Meine These lautet weit nüchterner: wenn die LCD- und OLED-Schirme (und was immer technisch noch kommen mag) in immer grössere Dimensionen wachsen und zugleich – der 4K-Standard ist längst definiert – noch schärfer, kontrastreicher, hochauflösender, preisgünstiger werden, ist ihre Zukunft eine strahlend helle. Nur für Beamer seh’ ich fortan eher schwarzgrau.


Abseitsfalle

25. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (364) Wettfieber unter Televisionären: verschwindet der Beamer nach der Fußball-EM endgültig im Schrank?

Beamer

Mein Fernseher kommt nur noch selten zum Einsatz. Ja, bei Diskussionssendungen, ausgewählten Politik- und Kulturbeiträgen oder Großereignissen drücke ich mit einer gewissen Verlässlichkeit die On-Taste. Die „Zeit im Bild“ sehe ich mir inzwischen meist am Laptop an, wann und wo immer mir gerade danach ist. Der Rest des Programms (und das gilt nicht nur für den ORF) scheint für Menschen konzipiert zu sein, die nichts Tröstlicheres mehr in ihrem Leben suchen und finden. Und, ja, der Flatscreen mit einer Diagonale von 50 Zoll – das war vor einigen Jahren noch gigantisch, heute ist es fast schon Mittelmaß – ist natürlich der Bildschirm der Wahl, wenn DVDs, BluRay-Discs oder Netflix ins Spiel kommen.

Womit wir wieder einmal dem schon – vergleichsweise antiquiert wirkenden – Terminus „Heimkino“ nachspüren. Halt! War da nicht noch was? Ja: Sport. König Fußball regiert doch gerade das Geschehen! Die Anbieter von Fernsehgeräten verkaufen in solchen Phasen zwischen zehn und zwanzig Prozent mehr als sonst, frohlockt der Österreich-Chef von Samsung in einem „Kurier“-Interview. Der alte, noch funktionierende TV-Monitor wird in der Regel ins Kinder- oder Schlafzimmer verfrachtet, ins Wohnzimmer kommt ein neuer Schirm mit mehr Zoll und Pixel. Und dem einen oder anderen unerwarteten Talent – etwa dem, seine Besitzer auszuspionieren („Dazu sage ich gar nichts“, so der zitierte Samsung-Manager. „Dazu gibt es offizielle Stellungnahmen der Konzernleitung.“)

Was mir aber doch recht deutlich auffällt: kaum jemand spricht mehr von Beamern und Projektoren. Auch in den Verkaufsprospekten der Elektromärkte spielen sie nur mehr eine untergeordnete Rolle. Sind sie aus der Mode geraten? Können sie nicht wirklich mithalten mit 75 Zoll-4K-Schirmen? Hat niemand mehr das Bedürfnis nach metergroßen Bilddiagonalen? Fehlt es an Innovationen? Ist der Markt gesättigt? Fragen über Fragen. Ich muss das jetzt mal ernsthaft recherchieren.

Denn: gelegentlich verspreche ich Dinge, die ich dann nicht halte. Nicht absichtlich freilich, sondern dem unerbittlichen Verdrängungswettbewerb neuer und neuester Technik-Highlights geschuldet. Aber der so lange schon geplante Testvergleich zwischen einem Billig-Beamer (ich habe extra einen BenQ TH681 erworben) und einem zehnmal so teuren Exemplar muss jetzt – oder nie – über die Bühne gehen. Der Besitzer des High End-Geräts ist Fußballnarr. Und damit genügend abgelenkt, um über das absehbare Kabel-Wirrwarr in seinem Wohnsalon nicht in Verzweiflung zu verfallen.


Ungeheuer Maschinensteuer?

12. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (363) Eine “Maschinensteuer” brauchen wir nicht, tönt es aus konservativen Industrie- und Politik-Bastionen. Und was, wenn doch?

Kassomat

Der Job einer Supermarkt-Kassierin ist sprichwörtlich: mühsam, oft stupide, unterprivilegiert, schlecht bezahlt. Aber es ist ein Job. Und die Damen – ich sehe kaum Männer an den Kassen – meines Stamm-Einkaufszentrums in Wien-Favoriten machen ihn gut. So gut, dass Kunden nicht selten ein Lächeln über die Lippen kommt. Ein flotter Gruß. Und das eine oder andere Wort der Anerkennung für die routinierte, gelassene, zügige Abwicklung der Konsumentenschlange vor der Bezahlschranke. Hart erarbeiteter Respekt.

Nun hat die Geschäftsleitung der Supermarkt-Kette beschlossen, Selbstabwicklungskassen zu installieren. Versuchsweise zunächst. Zusätzlich zu den personalisierten Kassen gibt es jetzt Automaten („Kassomat“), die es ermöglichen, seinen Einkauf selbst abzurechnen. Es klappt nicht auf Anhieb (und oft, ähnlich wie bei den Ticketautomaten am Flughafen, nur unter absurden Widerspenstigkeiten) – aber es ist wohl die Zukunft.

Noch flüchten sich die humanoiden Kassen-Profis in die Perspektive, dass Maschinen fehleranfällig sind, der Erklärung bedürfen und überwacht werden müssen. Aber es liegt die Ahnung eines Umbruchs in der Luft. Die netten Damen mit den flinken Fingern werden ihren Job verlieren. Die Supermarkt-Kette wird vice versa mehr Profit machen. Solange es noch Supermärkte, wie wir sie heute kennen, gibt.

Ich mag das Wort „Maschinensteuer“ nicht. Es ist kalt, es ist technokratisch, es verheisst – und, ja, ich bin selbst Unternehmer – nur eine drückende Steuer mehr. Aber wir werden als Gesellschaft nicht umhin kommen, über das Thema „Arbeit im 21. Jahrhundert“ zu reden. Und die bereits heute deutlich merkbaren Faktoren, die unsere Vorstellung davon und die gelebte Praxis des Arbeitsmarkts auf den Kopf stellen. Das Automatenkassen-Exempel ist in diesem Kontext fast banal, aber plakativ. Disruptive Technologien und Entwicklungen nennen es Experten, eine neue industrielle Revolution (Kennziffer 4.0), das „Internet der Dinge“, das auch vor unserem Büro nicht halt macht. Vor dem Fabrik-Fließband. Und erst recht vor der Computerkasse.

Weltumspannende Konzerne, die mehr und mehr unseren – zunehmend digitalen – Alltag bestimmen, gerieren sich als Garanten des Fortschritts und omnipotenter Glücksverheissungen. Der Staat als jahrtausendealte Institution der menschlichen Selbstorganisation hat da vergleichsweise graues Haar am müden Kopf, die Politik sieht dito alt und verbraucht aus. Und oft, Stichworte: Arbeits- und Finanzmarkt, Migration, Bildung, Umwelt – unendlich ratlos. Man könnte darob ins Philosophieren kommen, Aufsätze schreiben, ganze Bücher.

Als Nebenerwerbs-Kolumnist, der nicht automatisch der Depression zuneigt, stelle ich nur eine einzige Frage: werden uns die retten, die – wie Politikroboter – reflexhaft Zeter und Mordio schreien, wenn die Idee einer „Wertschöpfungsabgabe“ (das ist ein viel schöneres und trefflicheres Wort als „Maschinensteuer“, es gibt auch noch andere) auch nur andiskutiert wird?


Eine Vorahnung vom Ende

28. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (362) Der Millarden-Streit um die Abgaswerte des Benzin- und Dieselmotors ist ein Symptom des Wettkampfs um die Mobilität der Zukunft.

 

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„Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Ich zitiere diese Worte von Thomas Bernhard gern, aber im Augenblick erweisen sie sich in schmerzlicher Weise als besonders zutreffend. Diese Kolumne handelt vom Ende einer Gattung (oder zumindest einer Vorahnung ihres Endes) – und sie entstand an einem Ort, an dem Leben und Tod nah beieinander liegen: im Wartezimmer eines Krankenhauses.

Letzteres ist übrigens kein Ort des Schreckens für einen maschinengäubigen Menschen. Im Gegenteil: die Armada der Apparaturen in der Intensivstation eines Hospitals verheisst eine erhöhte Überlebenschance; die Fortschritte der Medizintechnik in den letzten Jahren und Jahrzehnten wären ein eigenes Buch wert; zumindest in der engeren Zielgruppe ein aufgelegter Bestseller. Aber das ist nicht das Thema, um das es hier gehen soll.

Warum schreibt der Gröbchen, werden Sie sich eventuell nach Lektüre der Kolumnen der letzten Woche gefragt haben, wieder so begeistert über Autos mit Verbrennungsmotoren? Treffliche Frage. Vor allem, da ich eigentlich ständig auf der Suche nach Alternativen war und bin. Vom E-Bike über kuriose Neben- und Seitenlinien der Evolutionsgeschichte individueller Mobilität bis hin zu den Schlüsselmodellen der Generation Tesla teste ich auf Herz und Nieren, was mir so unterkommt. Oder, besser: was einen Ausweg aus dem Status Quo eröffnen und befahren könnte.

Benzin- und Dieselmotoren werden uns noch einige Jährchen erhalten bleiben; die Ablösung durch Strom und/oder Wasserstoff konkretisiert sich zwar immer mehr (Apple, liest man, arbeitet bereits am Design von Ladestationen) – aber bei der faktischen Durchsetzung im Alltag haben Politik, Gesetzgeber und Konsument noch ein gehöriges Wort mitzureden. Zumal der Generationensprung dank der Vernetzung und Autonomisierung der Fahrzeugintelligenz (Stichwort: selbstfahrendes Auto) radikal ausfallen wird.

Ist es dann nicht pure Zeitverschwendung, über fabriksneue Old School-Modelle traditioneller Bauart zu berichten? Nein: siehe oben. Es schwingt zugegebenermassen auch eine Prise Mitleid und Sorge um VW, DaimlerOpel, Fiat, Audi, Renault, Mitsubishi & Co. mit: weltumspannende Konzerne, die wir für die rasche Marktdurchdringung fortschrittlicher Mobiltechnologien noch brauchen werden.

Es würde mich übrigens sehr wundern, wenn auch nur ein Autohersteller auf diesem Planeten beim akuten Abgasskandal nicht geschwindelt (oder zumindest die Grenzen der Legalität bis zum Anschlag ausgereizt) hätte – mit vorauseilender Rückendeckung durch die bequemen Nutzniesser der (im wahrsten Wortsinn billigen und nun für die Konzerne extrateuren) Schmähtandelei: uns allen, Fahrradkrieger/innen und Fußgänger ausgenommen. Und sind nicht die Pioniere und Autopiloten der Zukunft alle zufällig in den USA daheim? Merke: „Business is war!“ (Jack Tramiel, Atari). Wie immer auch: wie beim österreichischen Weinskandal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts könnte ein reinigendes Fanal auch eine ganz neue Denkschule  begründen. Tesla, UberGoogle und Apple alleine werden aber nicht alles zum Guten wenden (können).

Dass die Familien Piech & Porsche dagegen, wie gerade zu lesen stand, mit dem VW-Skandal – der eben kein alleiniger VW-Skandal mehr ist – ein paar Milliarden Euro verlieren, ist vergleichsweise wirklich lächerlich. Todernst.


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