Aufklärungsunterricht

7. Februar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (347) “Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche” – das gilt erst recht “im Internet”.

Böses Netz

Das Internet sei „hässlich geworden, feindselig, erregt.“ Das konstatiert jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz: F.A.Z. Und erklärt uns im gleichen Atemzug, „wie aus einem Medium der Aufklärung ein Instrument der Irritation wurde – und was Facebook und Google jetzt tun müssten.“ Derlei neumoderne Kulturkritik wird gern geteilt. Erraten: auf Facebook, Twitter & Co. Sogar von Medienprofis wie Armin Wolf.

Tatsächlich leben wir in Zeiten der Hysterie und Verwirrung. Nicht selten auch in einem Momentum grundlegender Begriffsverwirrung. In diesem Kontext passiert dem Autor der mahnenden Worte, dem F.A.Z.-Redakteur Mathias Müller von Blumencron, der erste Denkfehler. Das Internet ist nicht „das intelligenteste Kommunikationswerkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand“, sondern – technologisch übermächtig – ein blosser Spiegel seiner Nutzer/innen. Bisweilen ein Brennspiegel, nicht selten ein Zerrspiegel. Ohne Eigenintelligenz. Also: ein erschreckendes Ebenbild der Summe aller Netzbewohner, geteilt durch ihren individuellen Beitrag zur kommunikativen Kakophonie.

Medien aber haben ungebrochen eine vermittelnde Rolle – würde man derlei „dem Internet“ zugestehen, hätten herkömmliche Zeitungen, Buchverlage, Radio- und Fernsehsender keinen Auftrag mehr. Und auch Armin Wolf keinen Job (jedenfalls nicht auf dem Küniglberg).

Fakt ist: „Das Internet“ ist ein Abstraktum – und einer seiner schärfsten Kritiker, der letztwöchig hierorts vorgestellte Autor Evgeny Morozov, würde dringend eine Begriffsschärfung einfordern. Facebook, Twitter & Co., also kommunikative Organisationsformen des World Wide Web, sind banalerweise, was wir daraus machen. Und bei weitem nicht die erschreckendsten – werfen Sie doch einmal einen Blick in die Kellergewölbe der elektronischen Hemisphären, Stichwort: Darknet. Homo homini lupus est, der Mensch ist des Menschen Wolf – warum sollte dieses Grundprinzip der humanoiden Existenz im 21. Jahrhundert, wenige Jahre nach der Findung des digitalen Kosmos, plötzlich ausser Kraft gesetzt sein?

Wenn Sie das nächste Mal also krudeste Verschwörungstheorien, plumpe Anmache, abstruse Propaganda, widerwärtige Meinungsäusserungen, schlichte Unwahrheiten, politischen Stuss, üble Beschimpfungen oder auch nur putzige Katzenbilder „im Internet“ finden, führen Sie sie ohne Umwege auf die Urheber, Verbreiter, An- und Nachbeter aus Fleisch und Blut zurück. Die Aufklärung ist eine Angelegenheit der Menschen, nicht der Maschinen.


Der Untergang des Morgenlandes in Anekdoten

31. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (346) Das “Internet der Dinge” verspricht eine smarte neue Welt. Aber ist da noch Platz für uns Menschen?

IOT Illustration

Einen Teil des Zeilenhonorars für diese Kolumne muss ich wohl an einen Kollegen abtreten, den „profil“-Wirtschaftskapazunder Michael Nikbash. Aber ein Facebook-Posting macht persönliche Erlebnisse nun einmal zu einer öffentlichen Angelegenheit – und einer seiner Einträge neulich war zu kurzweilig und, ja, zu denkwürdig, um nicht nochmals geteilt zu werden.

Er ging so: „Weihnachten bringt Technologievorsprung. Und so stehe ich im Badezimmer und verbinde mein Smartphone ungläubig mit meiner neuen Bluetooth-Zahnbürste (welch Wortwitz!). „Sie sind jetzt mit ihrer Zahnbürste verbunden“, bedroht mich das Telefon. Google will meine Zahnputzstatistik, die Oral-B-App auf meinen Kalender zugreifen. Ich lösche die App und greife zu einem wohltuenden Buch. Torbergs „Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten.“

Diese Meta-Anekdote als Screenshot im „Maschinenraum“-Ordner auf der Festplatte abzulegen, war ein rasch gefasster Entschluss – unter einem Stichwort, das der legendären Friedrich Torberg-Schöpfung Tante Jolesch freilich unverständlich gewesen wäre: „LOL“. Ein neumodernes Synonym für „Laugh Out Loud“, also wieherndes Gelächter.

Aber, unter uns, das Lachen verging mir rasch. Spätestens bei der Lektüre des 656 Seiten dicken Pamphlets „Smarte Neue Welt“ von Evgeny Morozov („Einer der brillantesten Internet-Theoretiker unserer Zeit“, so „Die Zeit“), erschienen im Blessing Verlag. Denn hier wird uns Fortschrittsgläubigen eine Predigt gehalten, die sich gewaschen hat. Die digitale Revolution lässt ja die Spezies Mensch zunehmend ineffizient, unberechenbar und ungenügend erscheinen – kurzum: suboptimal. Und irgendwie von gestern.

Die Lösung für dieses vermeintliche Problem heisst mehr Technik – mehr Daten, mehr Rechenleistung, mehr Kontrolle. Diese Ideologie, so Morozov, sei verhängnisvoll. Nur eine kluge, vorausschauende Vermählung des analogen Daseins mit dem allesverschlingenden digitalen Universum würden die Eckpfeiler unserer Existenz absichern: Empathie, Kreativität, Demokratie und Selbstbestimmung. Und, nein, Evgeny Morozov (der in der „FAZ“ auch eine unregelmässige Kolumne schreibt) ist kein blindwütiger Maschinenstürmer.

Man kann über das „Internet der Dinge“ – ein so harmlos klingender wie vager PR-Begriff, der die kühle Welt der Algorithmen mit dem Alltagsleben verzahnt wie eine Bluetooth-Zahnbürste – gleichermassen lächeln wie über die Naivität eines Großteils des österreichischen Politikpersonals. Schlauer wäre es, den Untergang des Morgenlandes zu thematisieren.


Die Nische in der Nische

24. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (345) Der Hang zur guten alten Analog-Welt scheint dauerhaft. Jetzt gibt es sogar ein Comeback der Bandmaschine.

Tonbandspule

Jede Mode, jede Bewegung, jede Entwicklung trägt in sich den Keim der Gegenbewegung. Wie bei einem Pendelschlag ist der Höhepunkt eines Phänomens oft der Umkehrpunkt, wo’s hurtig wieder in die Gegenrichtung geht.

Mir fielen viele Beispiele ein, wo gestern noch etwas als Sinnbild des Progressiven bejubelt wurde, was heute als alter, längst überholter Hut gilt. Und vice versa. Nicht immer hat dies mit Kriterien zu tun, die – tunlichst sachlich – technischen Fortschritt bezeugen. Oder verneinen. Retromania, die Verklärung des Vergangenen und Fetischisierung der Objektwelt früherer Generationen, ist ein zutiefst menschliches Phänomen. Quasi ein Hort des Vertrauten und Bewährten inmitten eines Maelströms ungezählter und unzählbarer Neuerungen, Änderungen und Miniaturrevolutionen.

Insofern hat mich auch die Nachricht, ein österreichisches Unternehmen würde jetzt wieder Tonbandmaschinen herstellen, nicht überrascht. Das musste ja kommen. Die Rennaissance der Schallplatte ist gegessen (wenn auch längst nicht beendet, im Gegenteil) – aber sie entlockt Kennern der Branche anno 2016 höchstens ein Gähnen. Der Fingerzeig, Cassetten und Spulentonbänder stiessen dito wieder auf offene Ohren („Reel-to-reel tape is the new vinyl“, so das Online-Magazine The Verge), ist in diesem Kontext fast zwingend. Die Szene, durchdrungen von Musiksammlern und Jägern der verlorenen Analog-Schätze, neigt durchaus zu einem gewissen Sektierertum. Aber es ist ein hoch sympathischer Obskurantismus.

Er zeichnet auch das „Projekt R2R“ des Unternehmens Horch House im burgenländischen Neusiedl am See aus. Das Team rund um Mastermind Volker Lange ist seit 2012 auf der Suche nach analogen Master-Tapes, die man in höchster Güte reproduziert – für eine bestimmte Klientel quasi der Heilige Gral der High End-Hemisphäre. Natürlich benötigt man auch passende Abspielgeräte. Weil es aber nur mehr gebrauchte Bandmaschinen von Revox, Nagra, Akai, Technics, Sony & Co. gibt und die steigende Nachfrage die Preise nach oben treibt, kam man auf die Idee, gleich selbst eine zu entwickeln. Auf der weltgrössten einschlägigen Messe, der „High End“ in München, soll Mitte Mai bereits ein Prototyp stehen.

Glückauf! Jede Nische hat noch Platz für Sub-Nischen. Ich überlege derweil, in grossem Stil CDs aufzukaufen. Auch die kommen irgendwann mal wieder in Mode.


Einfach smart

17. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (344) Registrierkasse ist nicht gleich Registierkasse. Für manche reichen rudimentäre Lösungen – wie cbird.

Rechnungen

Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse, erkannte einst Leonardo da Vinci. Einfach raffiniert, um nicht zu sagen: genial!

Im güldenen Zitatenschatzbüchlein findet man zum Thema Simplizität aber auch einen Kalenderspruch, den ich mir dieser Tage hinter die Ohren geschrieben habe: „Aus höchster Kompliziertheit erwächst höchste Einfachheit“. Zugeschrieben wird dieser Satz Winston Churchill – aber er könnte auch der Werbeslogan des Software-Entwicklers Andreas Unterluggauer sein, der unter der Marke cbird.at eine aufreizend smarte, weil unkomplizierte und kostengünstige Registrierkassenlösung anbietet. Und hier besteht ja gerade – der Finanzminister will es so – enormer Bedarf.

Cbird – Sie können es vorab ohne Risiko ausprobieren – kommt auf einem USB-Stick ins Haus und wird auf einem PC oder Notebook (egal, ob Windows- oder MacOS-Betriebssystem) installiert. Tablets sind also – bis auf Ausnahmen – nicht geeignet. Eine Internet-Anbindung ist nur für die Initialisierung des recht rudimentären Systems notwendig, sonst kommen die Daten vom Stick. Und landen auch wieder dort. Verschlüsselt und gleichwohl den Sicherheitserfordernissen des Gesetzgebers und Nutzers (die Daten werden auch auf der eigenen Festplatte gespiegelt) entsprechend. Updates sind im Kaufpreis von knapp unter 200 Euro inkludiert, das gilt vor allem für jene zwingenden Entwicklungen, deren Eckdaten kurioserweise bis heute nicht feststehen.

Das Programm ist so einfach gestrickt, dass man zunächst stutzt. Das soll reichen? Sie können die Kassa grundkonfigurieren, einen Printer einrichten (es muss kein spezialisierter Bon-Drucker sein), Zahlungen eingeben und bonieren, Barumsätze nachbonieren (gilt nur für mobile Dienste), einen Tagesabschluss erstellen und das Kassenprogramm beenden. Wichtig ist, dass die Dienstleistung oder das Produkt vollkommen frei benennbar sind – Kassen mit vielen vordefinierten Tasten, Feldern und Fixposten mögen für die Gastronomie interessant sein, anderswo ist höchste Flexibilität gefragt. Kassabons, Tages- und Monatsabschlüsse werden natürlich automatisch archiviert. Wir verwenden das System gerade im Praxistest und werden weiter berichten.

Cbird ist, so elegant es auch funktioniert, nicht für jedermann geeignet. Warum? Unterluggauer hat Klienten im Visier, die bislang ohne Kassa ausgekommen sind – nicht, weil sie Steuerbetrug im Sinn hatten, sondern weil ein Paragon-Rechnungsblock ausreichte oder die Kunden nicht unbedingt auf Belege bestanden. Dazu zählen etwa Ärzte. Kann übrigens gut sein, dass diese Berufsgruppe die vorgestellte Lösung als blutdruckmindernd empfindet (auch, weil sie in realita nichts kostet) und weiterempfiehlt. Tun wir auch.


Bewerbungsschreiben

9. Januar 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (343) Der Fiat 124 Spider kommt wieder – wenn auch eigentlich ein Japaner unter der Design-Karosserie steckt.

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Man mag ja nicht fortwährend über Registrierkassen schreiben, auch wenn die Sache pressiert. Und ständig Leser/innen dieser Kolumne anklopfen, welche Software, Gerätschaften, Systeme denn nun dem strengen Blick des Finanzministers genügen. Ich arbeite dran – noch gilt eine Gnadenfrist bis ins Frühjahr. Und zwar allseits.

Zudem: „Einen Ruf erwirbt man sich nicht mit Dingen, die man erst tun wird“ hat Henry Ford einst gemeint – also widmen wir uns in dieser Kolumne der Gegenwart. Das Heute ist ja das Gestern von morgen. Und heute juckt es mich in den Fingern, die Voraussetzungen für ein Vergnügen zu schaffen, das mich idealerweise im Sommer 2016 ereilen wird. So gesehen ist dieser „Maschinenraum“-Eintrag ein Bewerbungsschreiben. Sein Empfänger ist der Pressechef von Fiat Österreich. Und der Betreff lautet „124 Spider“.

Es ist nämlich so, dass der italienische Autokonzern eine Legende wieder aus der Garage holt. Oder, präziser: ihren Namen. Und Spurenelemente der einstigen Anmutung. Den Fiat 124 Spider. Ziemlich genau vor dreissig Jahren hatte man die Produktion dieses zweisitzigen Roadsters, der zuletzt bei seinem Blechschneider Pininfarina vom Band lief, eingestellt.

Nun kehrt dieses klassische Spaß-Vehikel als eine Art Nachgeburt des Mazda MX-5 der vierten Generation wieder – auf der gemeinsam mit den Japanern entwickelten Technik-Plattform, aber mit stilsicher abgewandelten Details. Der Motor etwa, ein 1,4 Liter-Turbo mit 140 PS und einem manuellen 6-Gang-Getriebe, stammt aus dem Fiat-Regal. In punkto Design hat man sich erstaunlich weit an die historische Vorlage angelehnt – der Italo-Spider hängt da den vergleichsweise pubertär und aggressiv wirkenden MX-5 klar ab. Aber natürlich habe ich bislang nur Fotos gesehen. Auch auf der Vienna Autoshow (14.-17.01., Messe Wien) wird der neue 124er noch nicht herumstehen.

Werter Herr Pressechef! Für einen ausführlichen Test dieses – die Autowelt und mich überraschenden, weil ursprünglich in einer Kooperation mit Alfa Romeo geplanten – Vehikels bringe ich die denkbar besten Voraussetzungen mit. Denn: ich bin einst direkt von einem Fiat Spider in einen Mazda MX-5 umgestiegen. Die schmählichen Umstände dieses Stallwechsels verrate ich Ihnen bei einem Ramazzotti (sofern sie sie nicht schon vorher ergooglen), aber meine Uralt-Liebe zu diesem elegantesten Brot-und-Butter-Cabriolet aller Zeiten ist nie ganz verloschen. (Ich verkneife mir an dieser Stelle bewusst das Wörtchen „eingerostet“).

Wenn sich also nun japanische Ingenieurskunst und italienische Haute Couture in einem – noch dazu absehbar erschwinglichen – Fahrzeug paaren, dann wird ein feuchter Traum wahr. Wann und wo darf ich das Testauto abholen?


Süßer die Kassen nie klingeln

27. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (342) Gratis, aber nicht umsonst? Teil 1 des Überblicks über feine, kleine Registrierkassen-Lösungen.

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Ich hatte ja versprochen, mich zum Jahreswechsel mit dem eher wenig prickelnden Thema Registrierkassen zu beschäftigen. Der Finanzminister will es so: ab 1. Jänner geht’s nicht mehr ohne im Geschäftsleben, außer Sie sind Maronibrater mit einem Jahresumsatz von unter 15.000 Euro. Aber dann würde ich mir generell um Ihr Auskommen Sorgen machen.

Nun darf man sich unter einer Registrierkasse keinesfalls eine altertümliche gußeiserne Maschine mit mechanischen Tipptasten, Geldschublade und lautem Klingeln vorstellen. Vielmehr gilt heutzutage hochoffiziell jedes „elektronische Aufzeichnungssystem, das zur Losungsermittlung und Dokumentation einzelner Bareinnahmen eingesetzt wird“ – und das kann eine sehr simpel gestrickte Software samt Hardware-Peripherie sein. Sprich: wer einen Computer und einen Drucker sein eigen nennt (und wer tut das nicht?), benötigt noch ein Programm, das die Mindestauflagen der Finanzbehörde erfüllt. Nicht mehr, nicht weniger. Und das gibt es, wenn man auf Eleganz und Extras verzichtet, sogar gratis.

Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Webseiten von Offisy (kostenlose-registrierkasse.at) und Hellocash (www.hellocash.at). Experimentierfreudige Kleinunternehmer können solch rudimentäre, herrlich unkomplizierte Angebote einfach die nächsten Wochen über testen. Dank Schonfrist des Finanzministers risikofrei.

Vergleichsweise weniger vertrauenserweckend erscheint mir die Botschaft des deutschen Unternehmens Orderbird, laut Eigenwerbung Anbieter des „Nr.1 iPad-Kassensystems für die Gastronomie“. Einerseits lässt man sich – ein genereller Trend der Verschleierung von Gesamtkosten – monatlich bezahlen (ab 49 Euro aufwärts), anderseits lautet der Marketing-Imperativ ungeniert „Registrierkassapflicht umgehen!“ Das war ja schon bisher der Schmäh vieler Gastronomen und verbündeter Kassenanbieter: man erfand „Zwischenabrechnungen“ und kassenzettelähnliche Bons für den Gast, um ohne gültige Rechnungen und mittels eleganter Software-Korrekturen niedrigere Umsätze vorzutäuschen.

Ehrlich gesagt: mir ist das genauso unsympathisch wie der Gegenschlag der Steuerbehörde, uns allen ein immer engeres und drückenderes bürokratisches Joch um den Hals zu hängen, um ja noch ein paar Euro mehr herauszupressen. In diesem Sinn geht’s hurtig weiter mit der Suche nach finanztechnisch korrekten Kassensystemen, die das Börsel des redlichen Gewerbetreibenden tunlichst wenig belasten. Für Fingerzeige und Erfahrungsberichte von Unternehmer/innen-Seite bin ich dabei äusserst empfänglich.


Kalte Hände, heiße Fragen

20. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (341) Technik-Journalismus mit Nutzwert kann sich dieser Tage an der Registrierkassenpflicht beweisen.

Registrierkasse für Kinder

Die Leistungsträger unserer Gesellschaft sehen sich mit Hohn und Spott konfrontiert. Etwa der Landwirt, Jägersmann und Lobbyist „Graf Ali“ Mensdorff-Pouilly, der seine Hände in fast jedem dreckigen Geschäft der Republik stecken zu haben scheint. Die Netzgemeinde reagierte auf die launigen Ausreden des Herrn, warum er seine Millionentransaktionen nicht belegen kann, so: „Mit einer Registrierkasse wäre mir das nicht passiert!“ Der Gesichtsausdruck des Betroffenen auf dem satirischen Web-Flyer spricht Bände. Es gilt die Unmutsverschuldung.

Das Netz wimmelt aber auch vor Wortmeldungen geplagter Mitbürgerinnen und Mitbürger, die die ab 1. Jänner 2016 staatlich verordnete Registrierkassenpflicht weniger witzig sehen. Discjockeys etwa – von keinerlei Unter-Unterabteilung der Wirtschaftskammer beraten und vertreten – realisieren gerade, dass sie in Zukunft Rechnungen ausstellen müssen (was übrigens auch bislang schon gegolten hat). Ähnlich geht es Physiotherapeuten, Nachhilfelehrerinnen, Taxifahrern, Würstelbratern und Prostituierten. Und vielen anderen Berufszweigen.

Wobei: eine sogenannte „Kalte Hände“-Regelung schafft wieder allerhand Ausnahmen (und wir wollen hier nicht über die Betriebstemperaturen für gewerbliche Unzucht witzeln.) Um den weit verbreiteten Unmut über all den bürokratischen Aufwand zu dämpfen, hat sich der Finanzminister – nebst ein rasch gebastelten Fristerstreckung für Sünder bis Ende März nächsten Jahres – auch ein Extra-Zuckerl einfallen lassen. Mittels Beilagenformular E108c kann bei der Steuererklärung eine Anschaffungsprämie von 200 Euro beantragt werden. Glückauf!

Um nun den Gebrauchs- und Nutzwert dieser Kolumne zu erhöhen, suche ich akut nach Registrierkassenlösungen, die einerseits alle Vorgaben der Behörde erfüllen, andererseits aber tunlichst die zwingend vorgeschriebene Kasse nicht übermässig belasten. Im Idealfall heisst das: sie kosten unter 200 Euro brutto. Oder sind gar gratis (zumindest, solange nicht komplexere Aufgabenstellungen bearbeitet werden müssen).

Ja, solche Programme gibt es! Sie laufen auf gewöhnlichen, längst vorhandenen PCs und Handheld-Computern, drucken über stinknormale Tintenstrahl- oder Laser-Printer aus und benötigen weder Scanner, Bon-Drucker noch tagelange Einschulungen. Es bedarf keines überdimensionierten Systems á la SAP mit eigenem Rechenzentrum, angebundener Warenwirtschaft und automatisierter Schnittstelle zum Steuerberater, um einen Würstelstand zu betreiben – auch wenn Ihnen das diverse Experten, Software-Giganten und registrierte Glücksritter einreden wollen. Sich durch das Dickicht der Anbieter und Lösungen zu schlagen, ist der Arbeitsauftrag (bleiben Sie dran!, Fortsetzung folgt).

Dass all die Kolleginnen, Kollegen, Fachleute und Funktionäre aber kaum etwas anderes in petto haben, als mittels Copy & Paste die Homepage des Finanzministeriums abzuschreiben, spricht Bände.


Künstliche Sonne

13. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (340) Die Menschheit benötigt immer drängender nachhaltige Zukunftstechnologien. Zählt die Kernfusion dazu?

Wendelstein 7-X

„Wer noch etwas über unsere globale Marktwirtschaft wissen will: Erdölpreis bei knapp einem Drittel von vor ein paar Jahren. Kraftstoffpreis wo?“

Ja, so ganz unrecht hat der Freund mit seinem zugespitzten Facebook-Posting, das mir vorgestern unter die Augen kam, wohl nicht. Energiequellen und Rohstoffe sind der mächtigste Trumpf am Pokertisch despotischer Politik- und Wirtschaftslenker. Ihre Drohbotschaft lautet implizit: ohne uns stehen alle Räder still. Und wir dürfen uns glücklich schätzen (oder auch nicht), dass Land, Wasser, Klima, Nahrung und sozialer Frieden noch nicht in jenem Maß der Verhandlungsmasse zugeschlagen werden, den Zukunftsforscher seit Jahrzehnten prophezeihen.

Dass die Welt nimmer lang steht, hat ja schon der legendäre „Club of Rome“ vorherberechnet – aber haben die Wissenschaftler auch überraschend positive Entwicklungen einkalkuliert? Und lassen sich notorische Schwarzseher damit zwangsbeglücken? Ein Beispiel: der Stellarator Wendelstein 7-X im deutschen Greifswald. Klingt futuristisch, ist es auch.

Wir haben es mit dem Prototypen einer Vorstufe eines Kernfusionsreaktors zu tun – einer äusserst komplexen Angelegenheit der Plasmaphysik, nicht unähnlich der Sonne. Durch die Verschmelzung von Wasserstoff-Atomkernen, eingeschlossen in Magnetfelder bei Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius, werden gewaltige Energien frei. Theoretisch könnte eine solche Maschinerie das Energieproblem des gesamten Planeten lösen – und zwar (größtenteils) ohne erdrückende Nebenwirkungen wie Kohlendioxid-Ausstoß oder radioaktive Abfälle.

Nach zehnjähriger Vorbereitungszeit gelang den Wendelstein 7-X-Betreibern des Greifswalder Max Planck-Instituts dieser Tage erstmals experimentell die Plasmaerzeugung – zunächst mit leichter beherrschbarem Helium statt Wasserstoff und nur für eine Zehntelsekunde. Aber es ist ein wichtiger Zwischenschritt. Während andere Nationen einen anderen Reaktor-Typ („Tokamak“) favorisieren, hält man in Deutschland und Japan am potentiellen Dauerbetriebs-Garanten Stellarator fest.

Optimisten hoffen, dass so bis spätestens Ende des Jahrhunderts ein zentrales Menschheits-Thema abgehakt werden kann. Endgültig. Pessimisten verneinen: zu gefährlich, zu kompliziert, zu teuer, zu spät. „Schau ma mal“-Pragmatiker dürfen wohl – eine durchaus tröstliche Zwischenbilanz – noch viele Sonnenzyklen lang Benzinkanister füllen und Solar-Panels aufs Hausdach schrauben.


Ol’ Blue Eyes

12. Dezember 2015

Die Medien-Festspiele zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra rufen unzählige Erinnerungen wach. Ein Eintrag zum Nachhall des bedeutendsten Entertainers des 20. Jahrhunderts.

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Den Versuch ist es wert: welche Bilder, Assoziationen, Wissensbruchstücke werden zutage gefördert, wenn wir einmal nicht die grosse Bedeutungsmaschine Google anwerfen, sondern unsere eigene Erinnerung? Ein rundes Jubiläum – in diesem Fall der hundertste Geburtstag – einer Ikone der Populärkultur ist ein probater Aufhänger. Wer war Francis Albert Sinatra, genannt Frank? Und was verkörpert er anno 2015, siebzehn Jahre nach seinem Tod?

Noch nicht verblasst ist das Bild des US-Superstars mit Anzug, Krawatte und – lange Zeit ein Markenzeichen – Hut, ein soigniertes Lächeln als ironische Note ultimativer bürgerlicher Eleganz und Strahlkraft. Dann natürlich jene Top-Hits (unter mehr als 1300 Songs, die Sinatra im Lauf seiner Karriere einspielte), die dem Begriff „Evergreen“ mehr als gerecht werden (und vom Sänger oft eher geringgeschätzt wurden), darunter „Strangers In The Night“, „My Way“ oder „New York, New York“. Kollaborationen wie etwa jene mit Sammy Davis jr. und Dean Martin – gemeinhin als „The Rat Pack“ etikettiert –, die auch farbenprächtige Assoziationen mit Whiskygelagen, unzähligen Affären und der Showwelt von Las Vegas zeugen. Und natürlich die ewig hinter vorgehaltener Hand vorgetragenen vermutlichen Querverbindungen zur Mafia, die bis heute nicht restlos geklärt sind.

Das Teenager-Idol der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hingegen ist, wenn überhaupt, nur in den USA noch nicht gänzlich der Erinnerung entschwunden. Hierzulande ging Sinatras Aufstieg Hand in Hand mit der Nachkriegs-Dominanz der amerikanischen Kultur, der im Sturmlauf eine Invasion der Herzen gelang. Es gibt ein Leben vor dem Tod, war ihre Botschaft, und Coca Cola, Elvis Presley und Frank Sinatra ihre Sendboten. „Der liberal denkende, radikale Individualist verachtete Konformismus und Kommerzdenken“, postulierten die Veranstalter des „Sinatra Tributes“ in der Wiener Staatsoper im Juli dieses Jahres. „Tragisch, dass er wegen seiner Beliebtheit beim Establishment in seinen letzten Jahren als Symbolfigur des Geldadels missinterpretiert wurde.“

Tatsächlich kann sich Frank Sinatra wider die Memorabilia-Kitsch-Industrie nicht mehr zur Wehr setzen. Der Sohn italienischer Einwanderer, aufgewachsen am Hudson River im unmondänen Hoboken gleich gegenüber Manhattan, hatte sein Erweckungserlebnis 1933 beim Besuch eines Konzerts von Bing Crosby: der schmächtige High School-Abbrecher (O-Ton des Schulrektors: „Keine wie immer geartete Begabung“), Werftarbeiter und zeitweilige Sportjournalist wollte danach raschest in die höchsten Entertainment-Zirkel aufsteigen. Was ihm zielstrebig gelang. Die ersten Kassenschlager mit den Big Bands von Harry James und Tommy Dorsey, regelmässige Sendungen in der damals mit der Musikindustrie eng verflochtenen Radiolandschaft und wachsende Ambitionen als Filmschauspieler (etwa in Fred Zinnemanns „Verdammt in alle Ewigkeit“), die auch ein Zwischen-Tief wieder geradebogen, halfen kräftig nach.

Ab den sechziger Jahren galt Sinatra als der US-Top-Entertainer schlechthin, gründete seine eigene Plattenfirma Reprise, die er mit exorbitantem Gewinn an Warner Music weiterverkaufte und verkündete 1971 – nach dem Gewinn aller einschlägigen Grammys, Oscars und obligaten Ehrenmedaillen – erstmals seinen Bühnenabschied. Den er knapp zwei Jahre später widerrief. Gerade die siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sollten den Grandsigneur des Glitter-Business kommerziell die Ernte des Lebens einfahren lassen. Dreimal war Sinatra auch live in Wien zu hören, ein Auftritt vor 175.000 Zuschauern in Rio de Janeiro ging ins Guiness Buch der Rekorde ein. „Er könnte den Menschen das Telefonbuch vorsingen“, soll Sangeskollegin Dionne Warwick einmal angemerkt haben, „und es würde ihnen immer noch gefallen.“

Letztlich ist es das, was Sinatras Bedeutung bis heute ausmacht: die Individualität, sprich: die Einzigartigkeit interpretatorischer Anstrengung in einem Mainstream der Mittelmässigkeit zu verdeutlichen. Und dabei ungeheuerlich leichtfüssig und unverschwitzt zu wirken, im besten Sinn also: cool. Dieses Talent beeinflusste unzählige Künstler, von Ella Fitzgerald bis Miles Davis. “Er war ein Perfektionist“, weiss der Konzertveranstalter, ehemalige ORF-Manager und Buchautor („Frank Sinatra und seine Zeit“) Johannes Kunz. „Er hat nichts dem Zufall überlassen, das kann man auch den Aussagen von Musikern entnehmen, mit denen er gearbeitet hat, wie etwa Count Basie oder Quincy Jones.“

Sinatra starb nach einem – und man kann deklamieren, dass es sich hier nicht um eine Floskel handelt – künstlerisch, kommerziell und karrieretechnisch höchst erfüllten Leben am 14. Mai 1998 an den Folgen eines Herzinfarkts. Was wird bleiben von dem Entertainment-Titan des 20. Jahrhunderts? Ein rauschender Festakt. Ein in Details ambivalentes Bild. Und ein – möglicherweise ewigwährender – Nachhall eines Menschen, der die Nacht, in der sich die Gesetze des Tages auflösen, zu besingen wusste wie kein Zweiter.


Wir sind die Roboter

6. Dezember 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (339) Wir sind die Roboter. Was aber, wenn uns Maschinen unseren Job streitig machen?

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Die Arbeitslosigkeit in Österreich steuert auf ein Rekordhoch zu. Man muss nicht an die schmerzlichen vorweihnachtlichen Großpleiten á la Zielpunkt erinnert werden, um generell eine trübe Stimmung zu orten. Ende September waren knapp 400.000 Personen arbeitslos gemeldet, in Wien stieg die Rate mit einem Plus von 17,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich an. Noch 2013 hatte Österreich die niedrigste Arbeitslosenquote der EU, mittlerweile wurde das Land von sechs anderen überholt. Besonders ältere Arbeitnehmer haben kaum mehr eine Chance auf einen sinnvollen Job.

Sonder Zahl existieren Vorschläge, wie dieser unguten Situation zu begegnen wäre. Von Arbeitszeitsenkung über neue, flexible Job-Modelle, die auch perspektivisch Selbständigkeit ermöglichen, bis hin zu Strafzahlungen für Betriebe, die offensiv Senioren entsorgen. Letzteres übrigens oft, doppelt zynisch, auf Kosten der Allgemeinheit.

Nun bin ich weder AMS-Berater, Gewerkschaftsführer noch Experte für Konjunkturbelebung – aber ein ziemlich penibler Beobachter des Alltags. Und meine These lautet: das ist alles nicht radikal genug gedacht. Denn die nächste industrielle Revolution – Historiker haben ihr den Versionszettel 4.0 aufgeklebt – schickt ihre Sendboten schon voraus: intelligente Maschinen, Roboter, Smart Factories, das „Internet der Dinge“.

Es wird einfach nicht mehr so viel Arbeit geben in Zukunft. Oder, präziser: es wird mehr Arbeit geben denn je, aber sie wird uns zu einem grossen Teil von Maschinen, Computern und Steuerprogrammen abgenommen. Eigentlich ein Zustand, den die Menschheit jahrtausendelang ersehnt hat – der jetzt aber, mitten in einem sich immer merkbarer manifestierenden Umbruch, für Irritationen und Probleme sorgt. Es eröffnen sich Fragen, die ans Eingemachte gehen.

Welche Arbeit z.B. kann nicht durch noch so ausgeklügelte Hard- und Software ersetzt werden? Woran misst sich wirkliche (sprich: sozial wirksame) Produktivität? Wie verteilt man Erträge in einer Freizeit- und Überflussgesellschaft? Ist ein Job in Zukunft ein Privileg? Wenn ja, wie qualifiziert man sich dafür? Darf man Maschinen Macht über Menschen geben? Lassen sich in einer post-industriellen, digital vernetzten Welt Armut, Hunger, Unbildung abschaffen? Und so weiter und so fort.

Wir sollten diese Fragen stellen. Und mit Nachdruck bei Politik, Arbeiter- und Wirtschaftskammer, Gewerkschaft und, ja, StartUp-Investoren deponieren. Oder, eventuell zielführender, individuell nach Antworten, Zukunftsmodellen, Alternativen zu einem leise bedrückenden Status Quo suchen. Arbeit en masse!


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