Das bin doch nicht ich

16. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (368) Facebook verzerrt unsere Gesichter zu Fratzen. Vorsätzlich. Oder spiegelt es nur unser wahres Ich?

Zeichnung WG zensored

Si tacuisses… Hättest Du geschwiegen, hätte man Dich weiterhin für einen Philosophen gehalten. Was schon die alten Lateiner wussten – nämlich, dass man sich um Kopf und Kragen reden bzw. schreiben kann –, scheint in der Gegenwart noch nicht angekommen zu sein.

Einer Gegenwart, die nicht nur den Irrsinn des Terrors, der religiösen Verhetzung und der blutigen politischen Inszenierung kennt, sondern auch sogenannte „first world problems“. Probleme, die bei genauerer Betrachtung meist banalen Befindlichkeitsschwankungen und alltäglichen Luxusjuckreizen geschuldet sind. Derlei forciert Zwist und Hader, die wie aus dem Nichts entstehen – und offenbar zum unabdingbaren Grundinventar der conditio humana zählen.

Sie ahnen, worauf ich anspiele? Ja, es geht (auch) um das aktuelle Hickhack zweier Fixgrössen der jüngeren österreichischen Autorenlandschaft, das um die Frage entbrannt ist, ob es eine Schnittmenge zwischen Literaturkritik und Sexismus gibt. Und, wenn ja, wie damit umzugehen ist. Dass die – notwendige und berechtigte – Debatte darüber behend zum Scherbengericht gerät und bei Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie endet, ist so bedauerlich wie symptomatisch. Und fast unvermeidbar. Ich sage dies, weil ich freiwillig unfreiwillig Zeuge der Entstehung dieses Streits wurde. Und leider auch meinen Teil dazu beigetragen habe. Indem ich, wider besseren Wissens, in eine Facebook-Diskussion eingestiegen bin.

Facebook ist aber – wie fast alle heute existenten Social Media-Erscheinungsformen – weder ein soziales noch ein seriöses Medium. Es ist, und das ist die Erkenntnis vieler Jahre intensiver Involviertheit, ein Durchlauferhitzer zutiefst menschlicher Verhaltensweisen und Regungen. Ein Perpetuum Mobile der Aufschaukelung. Und ein Katalysator der Polarisierung. Facebook lebt davon, mittels undurchschaubarer Algorithmen, vorsätzlicher Filterung, geschickter Wirklichkeitsverzerrung und oberlehrerhafter Zensur ein Affentheater zu inszenieren, bei dem wir gleichzeitig Akteure und Zuschauer sind. Die Eintrittskarten sind gratis (sie kosten uns nur Lebenszeit), mit der Bandenwerbung verdient Marc Zuckerberg Milliarden. Durchschauen tun die gefrässige Clickbaiting-Maschinerie nur die allerwenigsten, beherrschen nur jene, die bewusste Entsagung üben.

Was unterscheidet nun aber die neuen Medien von den althergebrachten – Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen? Leider wenig. Sie agieren, bis auf wenige Ausnahmen,  nach denselben Regeln – Stichwort: Ökonomie der Aufmerksamkeit – und unter denselben kapitalistischen Grundkonditionen wie die zwiespältigen Paradeunternehmen der post-analogen Medienwirtschaft. Und beziehen ihre Rohstoffe und Neuigkeiten zunehmend aus dem verseuchten Terrain der Konkurrenz. Die heiße Druckluft aus den Echokammern des eigenen Ichs wird gerade dort gierig aufgesogen (und weiter aufgeheizt), wo Abkühlung Grundvoraussetzung für ernsthafte Kommunikation wäre.

Schweigen ist, so scheint es, keine Option. Ich fürchte, dafür ist der Mensch nicht gebaut.


Ein Loblied auf die Registrierkasse

8. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (367) Schau einer an: Registrierkassen haben auch ihre Vorteile. Nicht nur für den Finanzminister.

ARCHIVBILD/THEMENBILD: DAS BRINGT 2016: REGISTRIERKASSENPFLICHT / BETRUGSBEKÄMPFUNG

Der Witz ist ja: was der Staat von seinen Bürgern verlangt, schafft er selbst nicht umzusetzen.

Seit 41 Jahren (!) blockieren die Länder und Gemeinden Österreichs jeglichen Fortschritt in Sachen einheitlicher und transparenter Rechnungslegung, die eine essentielle Voraussetzung für eine vernünftige Finanzgebarung wäre. Wirklichen Einblick, z.B. für den Rechnungshof, gibt es auch in Zukunft nicht.

„Eine föderale Bösartigkeit der Sonderklasse“ nennt das der „Presse“-Journalist Josef Urschitz – was eher noch untertrieben ist, wenn man bedenkt, dass z.B. der in Niederösterreich dafür jahrelang zuständige, als Spekulant agile, nunmehrige Innenminister S. gerade Scharfmacher gegenüber Mindestsicherungsbeziehern spielt. Politisches Kleingeld macht auch Mist, aber die grossen Beträge sind anderswo zu holen.

Das denken sich freilich auch tausende Geschäftsleute, denen man die Registrierkassenpflicht aufs Auge gedrückt hat. Seit 1. Juli gibt es keine Ausreden und Schonfristen mehr: wer dabei erwischt wird, Waren ohne Rechnung zu veräussern, darf sich auf einen eingeschriebenen Brief des Finanzamts freuen.

Dass das Parlament in letzter Sekunde Ausnahmen für gemeinnützige Vereine und Körperschaften (und, wenig wundersam, auch für Vorfeldorganisationen von Parteien) geschaffen hat, ist für jene, die sich täglich mit dem Zettelwerk herumschlagen müssen, eher kein Trost. Das Thema wird uns noch monate-, wenn nicht jahrelang juristisch und emotional beschäftigen – mittlerweile wird die Registrierkassa und ihr überdimensionaler Symbolwert ja sogar von Popgruppen besungen und von Kabarettisten analysiert.

Aber ist so ein Ding automatisch des Teufels? Ich sage: nein. Und gelte dabei gemeinhin nicht als Freund überbordender Bürokratie. Doch ein funktionierendes Computer-Kassensystem, eventuell in direkter Verbindung mit einem Warenwirtschaftsprogramm, kann einem auch Arbeit abnehmen: jene der peniblen Verwaltung der Ein- und Ausgänge, der Lagerhaltung, des Controllings und der internen Abrechnung. Selbst ganz simple, billige Software-Lösungen liefern hoch interessante Statistiken und Auswertungsmöglichkeiten. Smarte IT-Kassen schupfen die Daten gleich in die Buchhaltung oder zum Steuerberater weiter. Von der Rechtssicherheit bei Steuerprüfungen ganz abgesehen.

Meine Behauptung lautet also: nicht wenige, die anfänglich rumgemosert haben über die Kosten und Komplexität einer Registrierkasse, haben inzwischen auch ihre Vorzüge erkannt. Und sind heimlich heilfroh, ihren Angestellten auf die Finger schauen zu können und aussagekräftige Zahlen frei Haus geliefert zu bekommen.

Wenn es der Finanzminister nun auch noch schafft, das vorbildhaft seinen Kollegen in den Ländern und Gemeinden zu verklickern, spende ich beim nächsten Feuerwehrfest glatt ein paar Cent für die Parteikassa. Auch ohne Rechnungszettel.


Im Bett mit Sargnagel

1. Juli 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (366) Mehr Gefühl, Spaß und Kurzweil, weniger Fakten und Wirklichkeit: Willkommen in der Echokammer des eigenen Ichs!

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Ob Stefanie Sargnagel beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt nun den einen oder den anderen Preis gewinnt: egal. Irgendeinen Pokal wird sie abräumen. Sicher.

Und womit? Mit Recht. Als Hohepriesterin hellwacher Wurschtigkeit erzählt sie uns mehr über uns und unsere Zeit, als uns vielfach lieb ist. Jedenfalls mehr, zynischer und zielsicherer als der anämische Literaturregelbetrieb. Und das, ohne gravitätische 700-Seiten -Wälzer zu verfassen. Ob da oder dort ein Beistrich fehlt oder der sog. gute Geschmack verletzt wird, ist zweitrangig, Verstörung dagegen unabdingbar. Sargnagel (eigentlich: Sprengnagel) macht ihrem Namen alle Ehre – und sie ist wie beiläufig zur Stimme ihrer Generation herangereift. Respekt!

Die Autorin, die gern „einfach nur im Bett liegt“ und dabei Bewunderung und Hass wie ein Elektromagnet anzieht, erzählt uns gelegentlich auch etwas über Technik. Und ihre Beziehung zu Technik. Online. „Erst wollt ich kein Internet daheim, weil es ein Zeitfresser ist“, gab sie dem „Standard“ zu Protokoll. „Deshalb hatte ich den Fernseher, weil ganz ohne Berieselung ist es auch blöd in der Wohnung. Im Internet hat man nur die Informationen, die man sich selbst sucht, im Fernsehen kommt halt immer irgendwas.“ Eine Tierdoku etwa. Über Löwen. Wer käme auf die Idee, einfach so im Internet nach Löwen und ihrer Lebenswelt Ausschau zu halten?

So banal diese Erkenntnis auch scheinen mag: sie ist hoch brisant. Denn „das Internet“, das sind anno 2016 zuvorderst soziale Medien wie Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram, YouTube, LinkedIn, Tinder und und und. Gewiss auch Suchmaschinen, für viele die einzigen Wegweiser im digitalen Labyrinth. Wie finde ich sonst überhaupt Frl. Sargnagel? Klagenfurt? Einen Freund bzw. eine Freundin? Mehr Löwenstories und Katzenbilder? Das Fernsehprogramm? Von der realen Welt ganz zu schweigen. Existiert die überhaupt noch?

Apropos: warum muss man eigentlich vom Bett oder Sofa aufstehen und z.B. wählen gehen (und das zum wiederholten Male) – liesse sich das nicht auch per Like erledigen? Daumen rauf, Daumen runter? Emoji nach Belieben hintnach. Wie’s ausgegangen ist, werden mir dann schon Freunde mitteilen. Oder so. Althergebrachte Medien braucht’s dafür nicht, die stehen sowieso unter „Lügenpresse“-Verdacht.

Okay, das war eine sehr zugespitzte Zusammenfassung des Status Quo in Sachen Social Media. Wenn aber, wie diese Woche, eine Meldung die Runde macht, Facebook (Werbeslogan: „Mehr von dem, was Dir gefällt“) werde demnächst an seinen Algorithmen schrauben und Hard News zugunsten Wortmeldungen von Freunden und Bekannten zurücknehmen, ahnt man, in welche Richtung es geht.

Willkommen in der wohlig temperierten Filterblase! Gegenstimmen? Ausgeblendet. Rüpelhaftigkeit, Hysterie, Abstinenz, Sexismus, Verschwörungstheorien, Gewaltphantasien? Anderswo. Da können noch so viele den Finger erheben. Oder in den Holzmedien rumgeistern. Noli me tangere.

Gut, wenn man dann mindestens noch eine Sargnagel in der Echokammer rumplärren hört.


Tagtägliche Erleuchtung

26. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (365) Überdimensionale, hochauflösende TV-Monitore machen Beamer im Wohnzimmer zunehmend überflüssig.

TV Zukunft

Die Lust auf wandfüllende TV-Bilder ist nach dem Ausscheiden der österreichischen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM in Frankreich deutlich zurückgegangen. Zumindest bei mir.

Man muß schon ein bekennender Sport-Fanatiker sein, um nun jedes weitere Match zu verfolgen – wobei: das Live-Erlebnis im Stadion kann kein noch so scharfer, noch so großer, noch so moderner Screen ersetzen. Und auch kein High-End-Beamer. Oder doch? Die hochauflösenden Bilder, die man uns als Bit-Strom mitten ins Wohnzimmer schickt, zeigen ja die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter, wie sie auch Peter Handke nicht lebensnäher beschreiben könnte. Schweißtropfen für Schweißtropfen. Und Zeitlupenwiederholungen gibt es in „real life“ nicht.

Und, ja, spätestens beim Finale werden wir uns alle wieder um ein probates Schau-Erlebnis kümmern. Freund Z., der einen sauteuren JVC-Projektor sein eigen nennt (laut seiner Aussage „der Ferrari unter den Beamern“) und gern auch für ein adäquates kulinarisches Rundherum sorgt, gilt in meinem Bekanntenkreis als erste Adresse für den Genuß derartiger TV-Highlights.

Angefixt von der meterbreiten Bilddiagonale in seinem Haushalt, habe ich selbst auch einen Beamer erstanden. Einen, hüstel, deutlich billigeren. Und, ja, das BenQ-Gerät mit immerhin 3000 Lumen Leuchtkraft kann im Direktvergleich sogar einigermassen mithalten – jedenfalls soweit, dass ich nicht den zehnfachen Preis für einen Projektor auszugeben bereit wäre. Aber eine notorische, weil prinzipielle Schwäche können beide Lichtkanonen nicht verbergen: eine gewisse Flauheit und Flachheit des Bildes. Zumindest, solange man den Raum nicht verdunkelt.

In diesem Zusammenhang wurde ich an eine Exegese erinnert, die mir der ORF-Experte M. schon vor Jahren zukommen hat lassen: die nachdrückliche Unterscheidung von Auf- und Durchlicht. Dargestellt am Beispiel von Kirchenfenstern, den „ersten Bildschirmen“. Dem staunenden Volk zur allgemeinen Erbauung und Erleuchtung zur Verfügung gestellt von der römisch-katholischen Kirche, dem, so M., „wahrscheinlich scharfsinnigsten, sicher langlebigsten und vermutlich (…) erfolgreichsten Medienhaus der Geschichte.“ Eine zumindest nicht unoriginelle Betrachtung.

Meine These lautet weit nüchterner: wenn die LCD- und OLED-Schirme (und was immer technisch noch kommen mag) in immer grössere Dimensionen wachsen und zugleich – der 4K-Standard ist längst definiert – noch schärfer, kontrastreicher, hochauflösender, preisgünstiger werden, ist ihre Zukunft eine strahlend helle. Nur für Beamer seh’ ich fortan eher schwarzgrau.


Abseitsfalle

25. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (364) Wettfieber unter Televisionären: verschwindet der Beamer nach der Fußball-EM endgültig im Schrank?

Beamer

Mein Fernseher kommt nur noch selten zum Einsatz. Ja, bei Diskussionssendungen, ausgewählten Politik- und Kulturbeiträgen oder Großereignissen drücke ich mit einer gewissen Verlässlichkeit die On-Taste. Die „Zeit im Bild“ sehe ich mir inzwischen meist am Laptop an, wann und wo immer mir gerade danach ist. Der Rest des Programms (und das gilt nicht nur für den ORF) scheint für Menschen konzipiert zu sein, die nichts Tröstlicheres mehr in ihrem Leben suchen und finden. Und, ja, der Flatscreen mit einer Diagonale von 50 Zoll – das war vor einigen Jahren noch gigantisch, heute ist es fast schon Mittelmaß – ist natürlich der Bildschirm der Wahl, wenn DVDs, BluRay-Discs oder Netflix ins Spiel kommen.

Womit wir wieder einmal dem schon – vergleichsweise antiquiert wirkenden – Terminus „Heimkino“ nachspüren. Halt! War da nicht noch was? Ja: Sport. König Fußball regiert doch gerade das Geschehen! Die Anbieter von Fernsehgeräten verkaufen in solchen Phasen zwischen zehn und zwanzig Prozent mehr als sonst, frohlockt der Österreich-Chef von Samsung in einem „Kurier“-Interview. Der alte, noch funktionierende TV-Monitor wird in der Regel ins Kinder- oder Schlafzimmer verfrachtet, ins Wohnzimmer kommt ein neuer Schirm mit mehr Zoll und Pixel. Und dem einen oder anderen unerwarteten Talent – etwa dem, seine Besitzer auszuspionieren („Dazu sage ich gar nichts“, so der zitierte Samsung-Manager. „Dazu gibt es offizielle Stellungnahmen der Konzernleitung.“)

Was mir aber doch recht deutlich auffällt: kaum jemand spricht mehr von Beamern und Projektoren. Auch in den Verkaufsprospekten der Elektromärkte spielen sie nur mehr eine untergeordnete Rolle. Sind sie aus der Mode geraten? Können sie nicht wirklich mithalten mit 75 Zoll-4K-Schirmen? Hat niemand mehr das Bedürfnis nach metergroßen Bilddiagonalen? Fehlt es an Innovationen? Ist der Markt gesättigt? Fragen über Fragen. Ich muss das jetzt mal ernsthaft recherchieren.

Denn: gelegentlich verspreche ich Dinge, die ich dann nicht halte. Nicht absichtlich freilich, sondern dem unerbittlichen Verdrängungswettbewerb neuer und neuester Technik-Highlights geschuldet. Aber der so lange schon geplante Testvergleich zwischen einem Billig-Beamer (ich habe extra einen BenQ TH681 erworben) und einem zehnmal so teuren Exemplar muss jetzt – oder nie – über die Bühne gehen. Der Besitzer des High End-Geräts ist Fußballnarr. Und damit genügend abgelenkt, um über das absehbare Kabel-Wirrwarr in seinem Wohnsalon nicht in Verzweiflung zu verfallen.


Ungeheuer Maschinensteuer?

12. Juni 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (363) Eine “Maschinensteuer” brauchen wir nicht, tönt es aus konservativen Industrie- und Politik-Bastionen. Und was, wenn doch?

Kassomat

Der Job einer Supermarkt-Kassierin ist sprichwörtlich: mühsam, oft stupide, unterprivilegiert, schlecht bezahlt. Aber es ist ein Job. Und die Damen – ich sehe kaum Männer an den Kassen – meines Stamm-Einkaufszentrums in Wien-Favoriten machen ihn gut. So gut, dass Kunden nicht selten ein Lächeln über die Lippen kommt. Ein flotter Gruß. Und das eine oder andere Wort der Anerkennung für die routinierte, gelassene, zügige Abwicklung der Konsumentenschlange vor der Bezahlschranke. Hart erarbeiteter Respekt.

Nun hat die Geschäftsleitung der Supermarkt-Kette beschlossen, Selbstabwicklungskassen zu installieren. Versuchsweise zunächst. Zusätzlich zu den personalisierten Kassen gibt es jetzt Automaten („Kassomat“), die es ermöglichen, seinen Einkauf selbst abzurechnen. Es klappt nicht auf Anhieb (und oft, ähnlich wie bei den Ticketautomaten am Flughafen, nur unter absurden Widerspenstigkeiten) – aber es ist wohl die Zukunft.

Noch flüchten sich die humanoiden Kassen-Profis in die Perspektive, dass Maschinen fehleranfällig sind, der Erklärung bedürfen und überwacht werden müssen. Aber es liegt die Ahnung eines Umbruchs in der Luft. Die netten Damen mit den flinken Fingern werden ihren Job verlieren. Die Supermarkt-Kette wird vice versa mehr Profit machen. Solange es noch Supermärkte, wie wir sie heute kennen, gibt.

Ich mag das Wort „Maschinensteuer“ nicht. Es ist kalt, es ist technokratisch, es verheisst – und, ja, ich bin selbst Unternehmer – nur eine drückende Steuer mehr. Aber wir werden als Gesellschaft nicht umhin kommen, über das Thema „Arbeit im 21. Jahrhundert“ zu reden. Und die bereits heute deutlich merkbaren Faktoren, die unsere Vorstellung davon und die gelebte Praxis des Arbeitsmarkts auf den Kopf stellen. Das Automatenkassen-Exempel ist in diesem Kontext fast banal, aber plakativ. Disruptive Technologien und Entwicklungen nennen es Experten, eine neue industrielle Revolution (Kennziffer 4.0), das „Internet der Dinge“, das auch vor unserem Büro nicht halt macht. Vor dem Fabrik-Fließband. Und erst recht vor der Computerkasse.

Weltumspannende Konzerne, die mehr und mehr unseren – zunehmend digitalen – Alltag bestimmen, gerieren sich als Garanten des Fortschritts und omnipotenter Glücksverheissungen. Der Staat als jahrtausendealte Institution der menschlichen Selbstorganisation hat da vergleichsweise graues Haar am müden Kopf, die Politik sieht dito alt und verbraucht aus. Und oft, Stichworte: Arbeits- und Finanzmarkt, Migration, Bildung, Umwelt – unendlich ratlos. Man könnte darob ins Philosophieren kommen, Aufsätze schreiben, ganze Bücher.

Als Nebenerwerbs-Kolumnist, der nicht automatisch der Depression zuneigt, stelle ich nur eine einzige Frage: werden uns die retten, die – wie Politikroboter – reflexhaft Zeter und Mordio schreien, wenn die Idee einer „Wertschöpfungsabgabe“ (das ist ein viel schöneres und trefflicheres Wort als „Maschinensteuer“, es gibt auch noch andere) auch nur andiskutiert wird?


Eine Vorahnung vom Ende

28. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (362) Der Millarden-Streit um die Abgaswerte des Benzin- und Dieselmotors ist ein Symptom des Wettkampfs um die Mobilität der Zukunft.

 

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„Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“ Ich zitiere diese Worte von Thomas Bernhard gern, aber im Augenblick erweisen sie sich in schmerzlicher Weise als besonders zutreffend. Diese Kolumne handelt vom Ende einer Gattung (oder zumindest einer Vorahnung ihres Endes) – und sie entstand an einem Ort, an dem Leben und Tod nah beieinander liegen: im Wartezimmer eines Krankenhauses.

Letzteres ist übrigens kein Ort des Schreckens für einen maschinengäubigen Menschen. Im Gegenteil: die Armada der Apparaturen in der Intensivstation eines Hospitals verheisst eine erhöhte Überlebenschance; die Fortschritte der Medizintechnik in den letzten Jahren und Jahrzehnten wären ein eigenes Buch wert; zumindest in der engeren Zielgruppe ein aufgelegter Bestseller. Aber das ist nicht das Thema, um das es hier gehen soll.

Warum schreibt der Gröbchen, werden Sie sich eventuell nach Lektüre der Kolumnen der letzten Woche gefragt haben, wieder so begeistert über Autos mit Verbrennungsmotoren? Treffliche Frage. Vor allem, da ich eigentlich ständig auf der Suche nach Alternativen war und bin. Vom E-Bike über kuriose Neben- und Seitenlinien der Evolutionsgeschichte individueller Mobilität bis hin zu den Schlüsselmodellen der Generation Tesla teste ich auf Herz und Nieren, was mir so unterkommt. Oder, besser: was einen Ausweg aus dem Status Quo eröffnen und befahren könnte.

Benzin- und Dieselmotoren werden uns noch einige Jährchen erhalten bleiben; die Ablösung durch Strom und/oder Wasserstoff konkretisiert sich zwar immer mehr (Apple, liest man, arbeitet bereits am Design von Ladestationen) – aber bei der faktischen Durchsetzung im Alltag haben Politik, Gesetzgeber und Konsument noch ein gehöriges Wort mitzureden. Zumal der Generationensprung dank der Vernetzung und Autonomisierung der Fahrzeugintelligenz (Stichwort: selbstfahrendes Auto) radikal ausfallen wird.

Ist es dann nicht pure Zeitverschwendung, über fabriksneue Old School-Modelle traditioneller Bauart zu berichten? Nein: siehe oben. Es schwingt zugegebenermassen auch eine Prise Mitleid und Sorge um VW, DaimlerOpel, Fiat, Audi, Renault, Mitsubishi & Co. mit: weltumspannende Konzerne, die wir für die rasche Marktdurchdringung fortschrittlicher Mobiltechnologien noch brauchen werden.

Es würde mich übrigens sehr wundern, wenn auch nur ein Autohersteller auf diesem Planeten beim akuten Abgasskandal nicht geschwindelt (oder zumindest die Grenzen der Legalität bis zum Anschlag ausgereizt) hätte – mit vorauseilender Rückendeckung durch die bequemen Nutzniesser der (im wahrsten Wortsinn billigen und nun für die Konzerne extrateuren) Schmähtandelei: uns allen, Fahrradkrieger/innen und Fußgänger ausgenommen. Und sind nicht die Pioniere und Autopiloten der Zukunft alle zufällig in den USA daheim? Merke: „Business is war!“ (Jack Tramiel, Atari). Wie immer auch: wie beim österreichischen Weinskandal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts könnte ein reinigendes Fanal auch eine ganz neue Denkschule  begründen. Tesla, UberGoogle und Apple alleine werden aber nicht alles zum Guten wenden (können).

Dass die Familien Piech & Porsche dagegen, wie gerade zu lesen stand, mit dem VW-Skandal – der eben kein alleiniger VW-Skandal mehr ist – ein paar Milliarden Euro verlieren, ist vergleichsweise wirklich lächerlich. Todernst.


Sonntagsmesse

20. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (361) Kraftfahrzeuge mit Benzin- oder Dieselmotor haben ihren höchste Reifegrad erreicht. Beweis: der neue 7er-BMW.

7er BMW

Welches Fahrzeug nehmen, wenn’s auf die Oldtimer-Messe nach Tulln (die an diesem Wochenende stattfindet) gehen soll? Das MX-5 Cabrio? Würde zum Wetter passen, ist aber dank Baujahr 1995 ein Youngtimer. Den giftgrünen Corsa OPC, den mir der freundliche Opel-Pressechef leihweise zur Verfügung gestellt hat? Damit ließen sich einige Privatrallyfahrer auf die Plätze verweisen, aber darum geht’s bei einem gepflegten Ausflug aufs Land eher nicht.

Letztlich habe ich mich für den neuen 7er-BMW entschieden. Weil diese Limousine – Modell 740d Xdrive mit M-Sportpaket – in besonders scharfem Kontrast zur Retro- und Bastler-Atmosphärik in Tulln steht. Und doch auch wieder nicht. Es handelt sich um ein Fahrzeug, das die Evolution des Dieselmotors auf höchster Stufe repräsentiert. Manche prophezeihen: auch auf letzter.

Doch das wäre Schwarzmalerei; das Bedürfnis nach Luxusdroschken konservativer Bauart wird nicht verschwinden, solange Ölraffinerien existieren. Kurioserweise gilt so ein 7er mit einem Startpreis von rund 100.000 Euro (ohne Extras) ja nur als Ikone der Oberklasse; wirkliche Top-Milliardäre würden ihn vielleicht dem Hauspersonal zur Verfügung stellen. Als einigermassen standesgemässes Einkaufswagerl.

Aber geht hier irgendetwas ab? Nein, nein und nochmals nein. Hingefläzt in streichelweichem, cognacfarbenem Nappaleder delektiert man sich in der „besten Luxuslimousine der Welt“ (Autorevue) am fein ziselierten Inventar, einer Bordelektronik auf neuestem Stand und jeglichem denkbaren modernistischen Schnickschnack (Laserlicht, Head Up-Display, Gestiksteuerung des Radios, Bowers & Wilkins „Diamond Surround“ Sound System, ein „Welcome Light Carpet“ genannter beleuchteter Einstieg und anderes mehr).

Ein- oder Ausparken tut der naturgemäss nicht gerade kleine, aber elegant geschnittene Wagen übrigens auch von alleine – das auszuprobieren habe ich mich ehrlicherweise nicht getraut. Wiewohl: den taufrischen 7er bei dieser autoerotischen Lektion für Fortgeschrittene inmitten der historischen Jaguar-, Mercedes-, Bentley- & Co-Parade am Tullner Messegelände beobachten zu dürfen, das hätte schon was.

Bewegen lässt sich der Reihensechszylinder mit 320 PS, obligatem Allradantrieb und Automatik übrigens wie ein Messer, das durch Butter fährt – Butter knapp vor dem Zerfliessen, wohlgemerkt. State of the Art. Nur der Fahrzeugschlüssel mit integriertem Touchdisplay, der erscheint mir dann doch etwas mickrig. Man kann damit weder telefonieren, fernsehen, den neuen Bundespräsidenten fernsteuern noch den Wagen in den Wolken parken. Da geht noch was.


Na Servus!

6. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (359) Fast-Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify: die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher.

Red-Bull-TV

Es passiert nicht oft im Leben eines Journalisten, dass man eine Kolumne zweimal schreibt. Wenn, gibt es dafür triftige Gründe. Einer davon ist potentiell, dass sich die Faktenlage, zu der man seine – mehr oder minder pointierte – Meinung absondert, verändert. Eventuell sogar in ihr diametrales Gegenteil.

Derlei passierte im Lauf dieser Woche. Bei Servus TV. Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den An/Aus-Schalter in diese und dann wieder in jene Richtung zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn in der Hand hat – weil er seit vielen Jahren ein Projekt betreibt, das Medien- und Marketingexperten Achtung abringt allein ob der schieren Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz und jenem Sender, der exemplarisch zeigt, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Saga von der Betriebsrats-Gründung als Anlassfall – die rechtliche wie politische Dimensionen beinhaltet, aber auch bizarr exzentrische oder gar abgefeimte Deutungen – möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Die eigentliche Botschaft (vorrangig an die Red Bull Media House-Chefetage) lautet: Fernsehen ist tot.

Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig ausgedient. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-) Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Da kann sich die Servus TV-Crew noch so ins Zeug legen. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Diversifizierung, Emotionalisierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – benötigt eine Vision, die mit der Realität auf Deckungsgleiche zu zwingen ist.

Was aber? Folgerichtige Frage. Servus TV als sentimentales Regional-TV-Fenster? Red Bull-Content (mit ganz anderem Zielpublikum) via Internet? Doch auch terrestrisch? Strictly Mobile? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen. Ein führender Mitarbeiter des Konzerns hat mir kommentarlos gleich einmal den Download-link zu einer App weitergeleitet. „Introducing a new 24/7 best of Red Bull TV experience and discover more premium content through curated channels updated daily. Welcome to an all new Red Bull TV app built from the ground up!“ Ah, da schau her.

Und noch ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!


Na Servus!

4. Mai 2016

MASCHINENRAUM. Aus dem Archiv der nie erschienenen „Presse am Sonntag“-Kolumnen. Heute: Aus für Servus TV, Böhmermann bei Spotify – die Krise der traditionellen elektronischen Medien wird offensichtlicher. 

Servus Journal

Was letztlich den entscheidenden Impuls gab, den Aus-Schalter zu betätigen, kann nur ein einzelner Mann beantworten. Der, der ihn gedrückt hat – nachdem er viele Jahre ein Projekt am Leben erhalten hatte, das Medien- und Marketingexperten Achtung abrang allein ob der schieren Vision, Dimension und Konsequenz des Unterfangens. Die Rede ist von Dietrich Mateschitz’ Servus TV, jenem Sender, der exemplarisch zeigte, dass Privatfernsehen (im wahrsten Sinn des Wortes) auch soetwas wie einen öffentlich-rechtlichen Impetus haben kann. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Jetzt kursieren Gerüchte – durchaus nicht dementiert vom Financier, im Gegenteil –, die geplante Gründung eines Betriebsrats wäre schuld gewesen an diesem Tiefschlag für die österreichische Kreativszene. Bei allem Respekt vor der möglichen, ja wahrscheinlichen Impulsivität eines Selfmade-Milliardärs: das ist lächerlich. Dafür ist Mateschitz einfach zu clever. Es ist – und, ja, ich bewege mich hier auf dem dünnen Eis der Spekulation – vielmehr so, dass diese demonstrative Geste („Seht her, ich lasse mir nicht von Gewerkschaft und Kammern in mein Unterfangen hineinpfuschen!“) nur eine Fußnote der ganzen Geschichte ist. Quasi die private Seite.

Die eigentliche Botschaft lautet: Fernsehen ist tot. Soll heissen: lineares, terrestrisches Fernsehen, wie wir es kannten, ist tot. Es hat mittel- bis langfristig kaum Perspektive. Ein ordentlicher Kaufmann, der nicht auf öffentliche (Teil-)Finanzierung zurückgreifen kann und mag, wird sich das Trauerspiel nicht ewig ansehen. Dafür ist der Red Bull-Konzern, der sich Servus TV quasi als hobbyistische Marotte geleistet hat, samt seinem obersten Vordenker und Lenker zu sehr auf Sieg getrimmt. Geld als Mittel zum Zweck – dem der Emotionalisierung, Diversifizierung und Sinnstiftung rund um ein letztlich banales zentrales Konzernprodukt – landet anno 2016 nicht mehr im Versuch, den Planeten (oder auch nur den Alpenraum) mit den Mitteln des vorigen Jahrhunderts zu erreichen. Sieht man von den Printprodukten des Red Bull-Medienhauses ab, die ausreichend Leser/innen erfreuen.

Was kommt jetzt? Folgerichtige Frage (denn: den Schwanz einziehen und Ruhe geben wird Mateschitz keineswegs). Red Bull-TV via Internet? On Demand? Pay per View? Visual Radio? Virtual Reality? Wir werden (es) sehen.

Nur ein kleiner Fingerzeig auf einen zeitlich koinzidenten Fall: plötzlich sprechen Jan Böhmermann – das ist der durch ein Erdogan-Schmähgedicht weithin berühmt gewordene Satiriker – und sein Kollege Olli Schulz nicht mehr deutschlandweit im Radio. Sondern wechseln zum Streaming-Dienst Spotify. Aber geht’s dort nicht nur um Musik? Und wie funktioniert Personality Broadcasting auf Abruf? Und sagt uns das etwas über die Perspektiven von linearem, terrestrischem Rundfunk?

Spannende Zeiten. Servus TV, hallo Zukunft!


Anm.: Diese Kolumne wurde am Morgen des 4. Mai 2016 verfasst und wenige Stunden danach aus Aktualitätsgründen wieder verworfen.


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