Zukunftsmusik!

27. Mai 2020
Wienmusik 2020 Foto Peischl Enturf 06

Was ist das für eine Wirtschaft?“ So formulierte es ein Freund in einer elektronischen Flaschenpost. „Was ist das für eine Wirtschaft“, lautete die komplette Botschaft, „die nach wenigen Wochen zusammenbricht, weil wir keine Dinge mehr kaufen, die wir nicht brauchen?“ Punkt.

Das nenne ich eine dringliche Frage. Und eine brisante. In Wahrheit stellt sie unser gesamtes ökonomisches System infrage, und die Antworten, die der Konsument – ein ähnliches Fabelwesen wie „der Wähler“ oder „der kleine Mann von der Straße“ – zur Zeit gibt, sind recht unfreundlich. Die Coronavirus-Krise mache uns, lese ich gerade im Netz auf der ORF-Startseite, trotz Lockerungen nachhaltig vorsichtig. Die Pandemie hat den Menschen die Konsumlaune verdorben. Ein sinkendes Haushaltseinkommen, Reisebeschränkungen und ein stark vermindertes Kultur- und Sportangebot lassen das Geldbörsel zu. Respektive die Kreditkarte ungezückt.

Ich sage es offen: im Sport kenne ich mich nicht aus, aber für die Kunst wird das ein Problem. Denn die, die den schönen Spruch im Mund führen, Kunst und Kultur seien ein unabdingbares Lebens-, ja Überlebensmittel, sind leider in der Minderzahl. Wiewohl: können Sie sich Ihren Alltag ohne Musik, ohne Literatur, ohne Bilder an der Wand vorstellen? Freilich stehen in jedem durchschnittlichen Haushalt schon jede Menge Bücher, Tonträger und künstlerisch wertvolle Staubfänger en masse herum – und es gibt wohl nicht wenige, die die letzten Tage genützt haben, um sie abzustauben und neu zu entdecken. Und das mit den Live-Events ist gerade, frei nach Helmuth Qualtinger, „ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“

Der Bedarf an noch unbekannten Ideen, Interpretationen und Werken ist dennoch nicht ganz zum Erliegen gekommen. Das ist die frohe Botschaft. Und die Chance für jeden Kreativen: was jetzt Auge, Ohr und Ganglien des Betrachters erreicht, wirkt oft doppelt. Doppelt intensiv, doppelt belebend, doppelt nachhaltig. Der Idealfall wäre ein weit verbreiteter Hunger nach frischen Kulturprodukten. Eventuell verbunden mit einem radikal neuen Denkansatz: was kommt hier wem wie zugute? Unterstützen wir mit dem Kauf eines Buches, eines Bildes oder einer CD Kreative direkt? Agenturen, Verlage, Labels, Buchhandlungen, Record Stores, Galerien? Oder gehts gedankenlos träge und dröge weiter mit der Anfütterung von Amazon, Spotify & Co. (die einmal mehr massiv zu den Krisengewinnern zählen).

Ich habe in eigener Sache einen Vorschlag zu machen: meine Label-Mitstreiter/innen und ich basteln gerade wieder an einer Musik-Compilation. Titel: Wien.Musik 2020. Quasi ein tönendes Jahrbuch der Stadt, ein Querschnitt durch das Beste der lokalen Szene. Wir haben überlegt, ob es Sinn macht, die Reihe in diesem Katastrophenjahr fortzusetzen. Und beschlossen: gerade jetzt!

Weil aber spezielle Zeiten spezielle Massnahmen erfordern, machen wir gleich zwei CDs. Ein handfestes, extra dickes Paket als Statement des Überlebenswillens. Vorbestellbar (und damit auch mitfinanziert) per Crowdfunding. Das ist heutzutage der eleganteste Weg, Interesse und Solidarität zu zeigen und ein neues, bedürfnisorientiertes Wirtschaften zu ermöglichen. Damit wurden schon Nachtlokale gerettet, Innovatoren beflügelt und Visionen materialisiert. 

https://wemakeit.com/projects/wien-musik-2020

Es würde mich freuen, wenn Du mit an Bord bist! Der Ton der Zukunftsmusik liegt in unseren Händen.  

Energie! & Grüße allseits. 

P.S.: Die Ausgaben der Vorjahre (ab 2010) sind noch bestellbar – hier: https://www.monkeymusic.at/store 

(Coverfoto WIEN.MUSIK 2020: Gerhard Peischl, Gestaltung: Christoph Stiller)


Maschinenraum – (k)ein Vorwort

29. April 2020

Buchcover

Es ist ein Tag der Arbeit, und dabei schreiben wir noch gar nicht den 1. Mai. Ich sitze an diesem Text, einem Vorwort, weil ich meine, dass ein Buch ein Vorwort braucht. Tatsächlich ist das Vorhaben, ausgewählte Kolumnen aus über zehn Jahren zu versammeln und neu auszubreiten, nicht selbsterklärend. Zumal im Feld des Technischen und in Zeiten wie diesen, wo sich viele Einschätzungen von anno dazumal relativieren oder längst ins Gegenteil verkehrt haben. Wer möchte heute noch dem menschlichen, eventuell aber auch nur männlichen Drang, in einem schicken Sportflitzer mit Verbrennungsmotor unbekümmert durch die Landschaft zu brausen, das Wort reden? Oder sich spontan in einem Flugzeug gen Afrika oder Asien verfrachten lassen, wenn gerade die größten Fluglinien der Welt zur Disposition stehen?

Es sind seltsame Tage, in denen dieses Buch entsteht. Sie werden an vorderster Stelle eine Kolumne finden, die als Botschaft an einen Freund gedacht war – Peter Glaser. Es war der mehr oder minder charmante Versuch, dem österreichischen Autor, der seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet,  ein Vorwort abzuringen. Er hat auch gleich zugesagt, zu meiner Freude, denn ein paar definitiv kundige einleitende Worte zu diesem Kompendium hoffentlich halbwegs kundiger Texte sind mehr als bloßes Beiwerk. Sie adeln das Buch, den Verlag und den Autor. Allein: ich erreiche Peter seit Wochen nicht, und die letzte Botschaft, die mich via Personal Message auf Facebook erreichte, klang gar nicht gut. Was mit den Umständen zu tun hat, mit Corona, der Bürokratie, der Ratlosigkeit, der körperlichen und seelischen Verfassheit in Phasen wie diesen. Die vielen  Fragezeichen und alles Gute wünschenden Buchstaben meiner immer dringlicheren Depeschen an den erhofften Verfasser dieses Einleitungstextes blieben ab Mitte März unbeantwortet. Ich hoffe dennoch, Peter Glaser baldigst ein „Maschinenraum“-Exemplar überreichen zu können. Persönlich, mit Freude, Dank und Erleichterung.

So liest sich dieses Buch auch ein wenig mehr wie ein persönliches Logbuch als ursprünglich gedacht. Tagesaktuell war das Gros der Kolumnen nie, aber es kam zu den geplanten Kapiteln über die Vergangenheit und die Zukunft – ohne die wohl kein halbwegs unterhaltsames Werk zum Thema Technik  im weitesten Sinn auskommen kann – noch eine Abteilung zur Gegenwart dazu. Dass sie uns morgen (und das kann dann schon der Tag sein, an dem Sie diese Zeilen erstmals lesen) hoffnungslos veraltet, schräg und falsch beurteilt vorkommt und wir das C-Wort nicht mehr annähernd riechen können (oder wollen), mag sein. Aber die Lachhaftigkeit vieler Konzepte, Konstruktionspläne und Visionen von einst ergibt sich schon bei der Lektüre ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte alter Wirtschafts- und Technikmagazine. „Life is what happens while you’re busy making plans“, wusste schon John Lennon. Wir sollten die vergilbten Ideen von gestern dennoch studieren, weil sie uns auch jede Menge über die aktuelle Situation erzählen. Und den Weg dahin.

Was will dieses Buch, was will die ihr zugrunde liegende Kolumne (die erstmals 2009 in der “Presse“ erschien, wofür es Christian Ultsch und Rainer Nowak zu danken gilt, und die seit 2017 in der „Wiener Zeitung“ abgedruckt wird, hier geht der Dank an Christina Böck, Bernhard Baumgartner und Ex-Chefredakteur Reinhard Göweil)? Kurzgesagt: ein Begreifen ermöglichen. Technik – von Low- bis High Tech, vom Schreibtisch-Gadget bis zum Kernfusionsreaktor – durchdringt unser Dasein. Unsere Welt ist, ob wir das wollen oder nicht, zum „Maschinenraum“ geworden. Ihn zu betrachten, zu beschreiben, zu vermessen und letztlich zu verstehen (zumindest halbwegs), ist ein Gebot der Stunde (die durch die Rasanz der Entwicklung oft nur mehr Sekundenbruchteile zählt). Bisweilen findet sich keine Gebrauchsanleitung.

Jede hinreichend fortschrittliche Technologie sei von Magie nicht zu unterscheiden, hat der britische Autor Arthur C. Clarke einst postuliert. Hier aber geht es um Entzauberung. Der gemeinsame Abstieg in den „Maschinenraum“ ist der Versuch einer lustvollen, nicht mit Fachsprache, Hard Facts und technischen Details überfrachteten Expedition in den Alltag eines Durchschnitts-Users. Das ist wesentlich: alle Beobachtungen, Anmerkungen und Einschätzungen erfolgen aus der Sicht eines kritischen Konsumenten, nicht eines Experten.

Wie für jeden Autor, für jede Autorin gilt auch für mich: wir schreiben gegen das Sterben an, gegen das Vergessenwerden, gegen den Lauf der Dinge. Wie lange wird der Laptop, in dessen Tastatur ich gerade klopfe, noch klaglos laufen? Was kann uns Neo-Virologe Bill Gates über die Vergänglichkeit erzählen, welches Smartphone nutzt der Papst (und schaltet er es während eines Gesprächs mit Gott aus)? Wird die Zukunft mehr Technik, mehr Verstehen, mehr Lösungen bringen oder weniger? Und kann, nein: muss Fortschritt gegebenenfalls das Überleben der Menschheit sichern? Fragen über Fragen. Ich beginne abzuschweifen.

Zeit, umzublättern.

„MASCHINENRAUM. Gebrauchsanleitung für den modernen Alltag“ erscheint Ende Mai 2020 im Milena Verlag. Das Buch kann ab sofort vorbestellt werden. 


Handshake mit dem Großen Bruder?

7. April 2020

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. An einer potentiell hilfreichen App entzündet sich das Misstrauen des gläsernen Staatsbürgers. Ausgerechnet!

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Extra nochmal nachgezählt: ich habe aktuell 106 Apps auf meinem Smartphone installiert. Seit vorgestern eine mehr, aber dazu später. Von diesen Apps – Miniprogrammen, die eine spezielle Funktion erfüllen – greift mehr als die Hälfte ungeniert auf mein Adressbuch zu oder meine Facebook-Freundesliste, schaltet nach Bedarf Kamera und Mikrofon ein (und der Bedarf erscheint erstaunlich oft gegeben), zeichnet meinen Standort auf, die Bewegungsdaten und den Browser-Verlauf. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sie sich für mein Gewicht, den Pulsschlag und die Blutdruckwerte interessieren.

Freilich kann man das Gros der Greifarme dieser Datenkraken ausschalten, aber die Werkseinstellung ist zunächst auf Neugier programmiert. Und nicht wenige Nutzer vergessen, den Auslieferungszustand nicht wörtlich zu nehmen und die entsprechenden Um- und Einstellungen vorzunehmen. Aus Bequemlichkeit, aus Schlendrian, aus Unwissen. Oder auch (oft gehört!), weil man „eh nichts zu verbergen hat“. Für Konzerne, deren Geschäftsmodell sich in Big Data-Schürfrechten erschöpft, ein gefundenes Fressen. Dass generell kaum eine Applikation oder Social Media-Bassena unseres digitalen Lebensstils den Implikationen der Datenschutzgrundverordnung genügt – wiewohl wir ständig lästige, kleingedruckte Regelwerke von Broschürenstärke wegklicken –, ist eh Allgemeingut.

Umso erstaunter war ich, als nun in den letzten Tagen einer potentiell hilfreichen, ja lebensrettenden App besonderes Misstrauen und vorauseilender Hohn entgegenschlugen. Sie wurde (und wird) vom Österreichischen Roten Kreuz angeboten, allein das sollte vertrauensstiftend sein. Die App, legér „Stopp Corona“ benannt, ist dazu gedacht, den Verbreitungswegen des Virus auf die Schliche zu kommen. Und User zu warnen, wenn sie mit Menschen in Berührung waren, die später positiv getestet werden. Relativ unkompliziert („single purpose“), elegant und unbestechlich. Gut, dass Nationalratspräsident Sobotka – ein Oberlehrer vor dem Herrn – vorschnell hinausposaunte, er spräche sich für eine verpflichtende Installation auf dem Handy jedes Staatsbürgers aus, war kontraproduktiv. Allein die Idee liess unzählige Bedenkenträger, Komplettverweigerer und Querulanten hinter den Büschen hervorspringen. Dass Fachleute zwar forderten, den Quellcode (die DNA des Programms) offenzulegen und einige Details nachzuschärfen, sonst aber wenig Übles – und schon gar nichts komplett Verwerfliches – diagnostizierten, beruhigte die Gemüter kaum. Misstrauen rules OK. Einmal dämonisiert, immer dämonisiert.

Nun denn: Teert mich, federt mich, sprecht Gebete und politische Bannflüche! Ich habe es getan. Ich habe die Corona-App runtergeladen. Um sie zu testen. Sie macht eigentlich nichts anderes, als per digitalem „Handshake“ (via Bluetooth oder via Mikro per Ultraschall) auf Knopfdruck (oder bald auch automatisch) eine Art anonymisiertes Begegnungstagebuch anzulegen. Sollte ich eine Benachrichtung erhalten, weiß ich, dass ich potentiell angesteckt wurde. Mehr nicht. Es werden weder meine Spaziergänge getrackt noch mein YouPorn-Konsum entlarvt, und es gibt auch, pardon!, keine Direktverbindung mit dem Führerbunker von Sebastian Kurz.

Lästern mag man eventuell über die Finanzierung der App-Entwicklung durch einen Versicherungskonzern. Oder darüber, dass man einmal mehr einen eigenen Weg geht und nicht auf ähnliche, rückhaltlos transparente Konkurrenzprodukte im EU-Ausland setzt. Da wir freilich im Zeitalter des ritualisierten Misstrauens leben (und das, jammerschade!, nicht ganz zu unrecht), solche Apps aber einer gewissen Verbreitung bedürfen, um zu funktionieren, ist das Ding leider schon tot. Derweil Covid-19 noch quicklebendig unter uns weilt.


Generation Business-Punk

6. November 2019

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. Wie geht Zukunft? Ein “neues Standardwerk” will Antworten geben. Ärger ist angebracht.

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“Die Welt, die ihr nicht mehr versteht” – das ist, zugegeben, ein aufreizender, anstachelnder Titel für ein Buch. Er sagt: kauf mich!, schau rein, da lernst Du was. Fürs restliche Leben. Freilich nur dann, wenn man sich eher dem “ihr” zurechnet als der durch eine unsichtbare Trennlinie separierten Schar der Auskenner rund um den Buchautor Samuel Koch. Wobei: Schar ist es aus Sicht von Koch keine. Sondern eine ganze Generation. Die Jungen. Tutti completti in Geiselhaft genommen. Mit dem alten, forschen Distinktions-Trick: wir hier, die da. Ich gehöre nicht dazu. Denn ich verstehe schon den Untertitel des Buchs nicht: “Inside Digitale Revolution”. Ist das jetzt Jugendsprache? Ein Druckfehler? Oder kann da jemand nur schlampig Englisch?

Ich habe mir das Buch bestellt, nachdem ich ein recht kurzweiliges, weil keckes Interview mit Samuel Koch im “Standard” gelesen hatte. Der junge Mann, 1994 in Deutschlandsberg in der Steiermark geboren und eingeführt als Schüler-Lobbyist und digitaler Unternehmer (was immer das sein mag), holte sich dort im Online-Forum gleich jede Menge virtuelle Watschen für seine provokanten Wortspenden. Andererseits sind Großkotzigkeit und  Aufbegehren ein natürliches Privileg der Jugend. Ich beschloß also, mich ernsthaft mit seiner Botschaft auseinanderzusetzen. Zumal ein vertrauenswürdiger Entrepreneur, der EU-Jugendbotschafter (was immer das sein mag) Ali Mahlodji, das Buch so anpreist: “Samuel Koch hat den eindringlichsten Wegweiser ins digitale Zeitalter geschrieben. Ein Werk, das auf den Tisch jedes Erwachsenen gehört.”

Da liegt es nun. 156 Seiten stark. Man braucht nicht lange, um es zu lesen. Auch, weil man irgendwann dazu übergeht, das Buch nur mehr durchzublättern und mal hie einen Absatz zu studieren und da ein, zwei Gedanken wahrzunehmen. Immerhin. Es ist nicht so, dass dieses Werk keine Gedanken enthielte. “Kein Respekt mehr vor der Tradition”, wie es Ali Mahlodji formuliert, “nur mehr vor der Vernunft.” Aber warum ist dann zwei Seiten weiter schon von einem “eisigen Gegenwind gegenüber der Digitalisierung” die Rede, wenn eh alles rasant in diese Richtung treibt? Doch lassen wir Youngster Samuel selbst zu Wort kommen: “Ich fordere euch auf, euch zurückzuziehen, oder euren Rückzug jetzt vorzubereiten.” Jössas. Warum? “Ihr habt den Anschluss an den technologischen Wandel, der alle Lebensbereiche durchzieht, verloren.”

Kurzum: hier regiert – noch – ein “überholtes Modell Mensch”, das einfach im Weg steht. Ich fühle mich mäßig angesprochen. Mache aber auch gern Platz, nicht nur in der vollen Straßenbahn.  Auftritt Koch, ganz Generation Business-Punk: “Ich habe eine Mission. Sie besteht darin, jungen Menschen unternehmerisches Denken beizubringen.” Immerhin kommt in diesem Umfeld Greta Thunberg mehr Einfluß zu als dem Erfinder des Geilomobils (den Samuel Koch angeblich berät). Und schließlich rutschen sogar Straßenschlachten ins visionäre Radar. Die politische Position des Buchautors bleibt unklar. Am ehesten ist es wohl die eines neoliberalen Utopisten mit autoritär-anarchistischem Drall. Vielleicht gehts auch nur um ein Business-Modell. Original-Ton: “Mit links oder rechts hat das nichts mehr zu tun.” Elon Musk, deine Jünger.

Das ist grundsätzlich nicht unsympathisch. Zumal, so eine eingeflickte These des Mediziners Johannes Huber, ein Übergang vom “Homo brutalis” der Vergangenheit zum “Homo amans” der Zukunft in Aussicht gestellt wird – ein friedlicherer, sozialer, empathischer und technikverbundener neuer Mensch. Und für die regressiven Alten sind dann immerhin Pflege- und Kuschelroboter da. Als post-profitkapitalistisches Konzept winkt final eine vage Aussicht auf forcierte Selbstverwirklichung vor – Medizintechnik 8.0! Homo tempo! – spätem Tod. Zukunftspessimismus? Auch ein überholtes Modell. “Wir brauchen den Fortschritt zur Rettung der Welt.”

Wie genau die Welt gerettet werden kann und soll, wo uns doch die Zeit davonläuft (Rasanz ist aber grundsätzlich positiv!), bleibt leider offen. Letztlich werden viele Themen in diesem manisch mutigen Manifest zumeist nur sehr oberflächlich angerissen. Und manchmal sind die Deckungsungleichheit von Realität und Koch-Rezept richtig ärgerlich. Dass “in der digitalen Wirtschaft Unternehmen ihre Kunden nicht mehr steuern und manipulieren können wie in der analogen”, das wollen mir die Propheten des Cyber-Elysiums allen Ernstes unterjubeln? Und, nein, Big Brother möchte ich auch dann nicht als Freund, wenn man ihn zum “wahrscheinlich mächtigsten Sozialdemokraten aller Zeiten” erklärt. Dass Politik einmal weltweit “endlich richtig sexy” werden wird – auch so eine Prophezeiung aus dem Handgelenk – , werde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben.

Ich will nicht zynisch sein: es wäre leicht, dieses Manifest in Grund und Boden zu argumentieren. Aber es zu lesen, ist kein Fehler. Das Buch (wohl eine Art Voraussetzung, um mit Vorträgen und Consulting Kleingeld machen zu können) ist auf eine widrige Weise sehr lehrreich. “Wir denken anders”, schreibt Samuel Koch. Ich glaube, er irrt. Gewaltig. Aber dem Jungspund das genauer zu erklären, dafür fühle ich mich nach der Lektüre einfach zu alt.


Reset.

24. April 2019

Dieses Werk gibt uns allen die Chance, einen Künstler neu zu entdecken. Anders, intensiver, anmutiger, mutiger als je zuvor. Anmerkungen zum neuen Album von Bernhard Eder. 

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Da war dieser junge Mann – hagerer Typ, verletztliche Erscheinung, leicht scheuer Blick –, und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon einige Jahre her. Sieben Jahre, um genau zu sein. Bernhard Eder, so hieß dieser Mann, hatte gerade sein Album „Post Breakup Coffee“ herausgebracht. Ich erfuhr erst später, dass es bereits sein viertes veröffentlichtes Werk unter eigenem Namen war, und dass er da bereits eine Vorgeschichte mit einer Band mit dem leicht fragwürdigen Namen Wa:rum hatte.

Seltsam: so jung – und schon so lange unterwegs? Entschuldigen Sie, dass ich die abgegriffene Metapher bemühe (und in Folge dann auch ein Quantum Pathos), aber, ja, ich ahnte, dass es eine Reise war. Eine Reise zum Wesenskern der Musik, zum Zentrum des Universums, zum eigenen künstlerischen Ich. Und ich ahnte vage, dass ich einsteigen würde in Eders fragiles Vehikel und diese Reise begleiten. Zumindest ein Stück weit.

Und hier sitze ich heute und halte ein neues Album in Händen. Das siebente. Es ist jenes Album geworden, dass ich mir von Eder gewünscht habe (ohne dass wir am Weg dahin je darüber ein Wort verloren hätten). Es heisst „Reset“ und dieses Detail ist wohl das einzige, wo ich – mit anderen – einen kleinen Schubser gesetzt habe, denn der Urheber dieser Kollektion von gerade einmal acht Stücken wollte es zunächst nicht so nennen. Aber fiele Ihnen ein besserer Titel ein für ein Album, das tatsächlich eine Zäsur, eine Neudefinition, ein Reset ist?

Bernhard Eder war bislang fast die idealtypische Verkörperung des Singer/Songwriter-Bildes, das wir längstens seit Bob Dylan vor unserem geistigen Auge haben. Wie aus dem Geschichtsbuch: Typus vergeistigter Künstler, zerschlissene Hose zu abgewetzter Jeansjacke, schwarzer Gitarrenkoffer samt Inhalt. Das steht ihm gut, und das ging eine schöne Zeitlang gut. Nicht umsonst verstieg sich der „Rolling Stone“ zur Anmerkung, „der Songwriter-Pop der Stunde kommt aus Österreich!“

Aber es gerann zum Klischee. Und wurde – nein, langweilig wurde es nicht. Denn da waren immer wieder denkwürdige, zutiefst berührende, in sich selbst und seinem Tun (und Lassen) ruhende Live-Auftritte. Da waren kleinere und größere Songtreffer, die man z.B. auf FM4 oder Radio Eins hören konnte – und die in einer besseren Welt wirkliche Hits geworden wären. Ich sage nur: „Turn On“! Und da waren auch sensible Aneignungen der halben Pop-Historie, versammelt auf dem 2016 erschienenen Album „Remake“, das von Depeche Mode bis Radiohead, von David Bowie bis zu den Pet Shop Boys vor großen Namen nicht zurückschreckt. Dass dann auch noch ein 10 Inch-Vinyl mit weiteren, live eingespielten Coverversionen unter dem Titel „Remodel“ erschien, war nur folgerichtig. Dazu muss man gar nicht Roxy Music studiert haben. Aber es hilft.

Nun also „Reset“. Ein Neustart. Welcher Natur? Eine komplette Redefinition? Ja und nein. Aus dem „Spezialisten für gefühlvoll-ruhiges, zumeist reduziert angelegtes Musikgut“ („Falter“) ist kein zackiger Post-Punk-Rüpel geworden. „Reset“ ist dennoch ein Dokument eines ästhetischen Wandels – dem vom traditionellen Singer/Songwriter zum experimentierfreudigen Multiinstrumentalisten. Im Gegensatz zu den bisherigen Alben sind die Songs allesamt auf alten Heimorgeln, einem Pocket Piano oder basierend auf Samples entstanden. File under Electronica? Die bis dato omnipräsente Gitarre rückt jedenfalls weit in den Hintergrund. Oder ist völlig verschwunden.

Zudem wurden Elemente von einigen Songs in den letzten zwei Jahren für Theaterproduktionen verwendet – u.a. am Volkstheater Wien, Max Reinhardt Seminar oder Landestheater St. Pölten, wo Eder Musik und Sounddesign für diverse Inszenierungen beisteuerte. Ob „Reset“ nur ein kurzer Haken ist, eine launige Episode oder möglicherweise ein markanter Wendepunkt in seiner künstlerischer Karriere – darauf vermag ich Ihnen keine Antwort zu geben. Bernhard Eder wahrscheinlich auch nicht.

Wichtiger erscheint (und da fällt mir eine Prognose leicht): dieses Album ist ein geschlossenes, ein überzeugendes Werk. Eines, das bleiben wird. Eine Konzentration auf und von Schönheit. „Reset“ hat, lässt man sich darauf ein, alles, was den inneren Melancholiker in uns zutiefst jauchzen lässt. Stücke wie „Hell“ (samt verstörendem, allegorisch als Stop-Motion-Puppenspiel inszeniertem Video), „Aliens, pixelated“ oder „Last Dance“ fügen sich zu einem dunklen, aber zugleich hell strahlenden Reigen. Bernhard Eders Stimme, sein vielleicht größtes Asset, ist das verbindende Element.

Kurzum: „Reset“ gibt uns allen die Chance, einen Künstler neu zu entdecken. Anders, intensiver, anmutiger, mutiger als je zuvor.

Album-Live-Präsentation: am Freitag, 26.04.2019 um 22.00 Uhr im Volkstheater Wien, „Rote Bar“. Vorgruppe: On Bells. Karten hier

www.bernhardeder.net

 


Si tacuisses

17. April 2019

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. Sensationsgier ist ein Social Media-Leitmotiv. In Sondersendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat sie nichts verloren.

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Ich halte mich für relativ abgebrüht, was das Thema Medien betrifft. Das gilt sowohl für die traditionelle Medienlandschaft wie auch für die neuen Eckpfeiler der Digitalsphäre (die gemeingültige Bezeichnung „Social Media“ rührt von den Anfängen dieser Plattformen her, als ihre negativen gesellschaftlichen Auswirkungen und ihr Disruptionspotential kaum noch merkbar waren). Was sich aber dieser Tage rund um den Brand der Notre-Dame-Kirche in Paris entzündet hat auf Facebook, Twitter und – im Windschatten der neuen Leitmedien – auch anderswo, gibt zu denken.

„Der Brand brachte symbolhaft zum Ausdruck, was viele dumpf unausgesprochen fürchten: dass es mit Europa langsam zu Ende geht“, verkündete etwa ein Politprophet auf Twitter. Nachsatz: „Aber das Gerüst steht.“ Wem würden Sie diesen pathetischen Schwachsinn zutrauen? Victor Orbán? Andreas Mölzer? Gerald Grosz? Dem Identitären-Vordenker Martin Sellner? Nein: es war der Mediensprecher des Bundeskanzlers, der derartiges von sich gab.

Nun ist der Pariser Dom tatsächlich keine profane Allerwelts-Kirche, sondern ein jahrhundertealtes Baudenkmal ersten Ranges. Und für viele Franzosen ein Symbol des politischen, nationalen, kulturellen, religiösen Selbstbewußtseins. Meinetwegen gilt das auch europaweit. Aber dass umgehend der Untergang des Abendlandes ausgerufen wird, weil unglücklicherweise bei Renovierungsarbeiten ein Feuer ausbricht, ist schon speziell weit hergeholt. Ist der Wunsch Vater des Gedankens? Man würde sich vice versa wünschen, dass politische Denker und Lenker in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf bewahren. Und nicht reflexhaft einstimmen in den Chor der Menetekel-Rufer.

Generell quollen die Medien in diesen Tagen über vor Emotionen, die der Katalysator – für manche nur ein „Steinhaufen“, für andere, doch etwas überraschend, der ewige Mittelpunkt des Gedankenuniversums – eruptiv freilegte. Zu den Betroffenen gehörten nicht nur demonstrativ sensible Seelen („Es tut wirklich körperlich weh #NotreDame“), sondern auch jene unausweichlich antagonistische Fraktion, die den Dom sofort als Tempel einer menschenverachtenden Religion identifizierte und das Feuer als reinigendes Fanal (eine „Strafe Gottes“ kann es ja für Atheisten schwerlich sein). Und dann waren da freilich auch sofort alle Moralhuber zur Stelle, die das Ereignis mit verhungernden Kindern in Afrika oder kenternden Flüchtlingsbooten im Mittelmeer gegenrechneten. Puh.

Man ist dieses Tohuwabohu ja gewohnt in Zeiten wie diesen. Wirklich überraschend war dann aber, dass selbst altgediente Medienprofis ihr indiviuelles Quantum an Trauer, Betroffenheit, Aufgeregtheit und, ja, Hysterie vom ORF widergespiegelt sehen wollten. Stantepede. Ausgerechnet. Dass der heimische Sender nicht umgehend eine Live-Coverage á la CNN inszenierte, wurde als Totalversagen des öffentlich-rechtlichen Systems gedeutet. Zwar sprach die Dichte und Qualität der Berichterstattung von Martin Thür & Co. klar dagegen – aber mit dem Tornado an (wenig ereignisreichen) Bildern, Infobrocken, Gerüchten, Mutmassungen, Zynismen und an- und abschwellenden Apokalypse-Schreien, die auf den Online-Plattformen Platz griffen (und greifen), können die alte Tante Fernsehen und das UKW-Dampfradio freilich nicht mithalten.

Und wissen Sie was? Gut so.


Das freie Internet

22. März 2019

Sind wir nicht alle – bis auf Herbert Kickl eventuell, Kim Jong Un und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas – für ein weltweites, verbindendes, offenes Netz ohne Restriktionen, Widrigkeiten oder gar Zensur?

Internett

Keine Gegenstimme. Unser Wunschdenken in allen Ehren. Allein: ich beginne der Vorstellung vom „freien Internet“ zu misstrauen. Es startete wie jede von Aufklärungswillen, Fortschrittsgeist und Idealismus getriebene Idee, Institution und Ideologie: hoffnungsvoll. Die Realität hat alle rasch eingeholt. Gilt auch für die schöne neue Digitalwelt. Hat das von Alphabet/Google, Facebook, YouTube, Twitter, Instagram, Amazon und Apple (to name just the most obvious players) parzellierte, eingezäunte, datengeschürfte und portioniert vermarktete Web noch viel mit der Vision von einst zu tun?

Jetzt ist es wieder in (fast) aller Munde: das freie Internet. Es soll abgeschafft werden, zerstört, getötet. Angeblich. Quasi als Kollateralschaden. Weil ein paar Politiker/innen auf EU-Ebene es wagen, gegen die offensichtlichsten Konstruktionsfehler des New Business im Netz vorzugehen – die Ertrags-Abzocke kreativer Drittleistungen, die tolldreiste (und oft erpresserische) Ausnutzung mono- oder oligopolistischer Machtstrukturen (erst kürzlich ist Google wieder zu einer EU-Strafe von 1,49 Milliarden Euro wegen Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung verurteilt worden), die willfährige oder auch „nur“ erzwungene Datenblockade oder, vice versa, -Offenlegung gegenüber Geheimdiensten und Regierungen (von China bis zu den USA), die ungenierte kapitalistische Gewinnmaximierung unter Ausnutzung jeder Gesetzeslücke, Reaktionsverzögerung und Uneinigkeit z.B. der EU-Länder. Wir alle zahlen brav faire Steuern (auch wenn wir sie oft als unfair empfinden), die globalen Riesen lachen darüber. Und über uns, die wir sie beiläufig, aber ständig und weithin gratis mit Content fett und stark machen. Und unsere Politiker/inn/en nicht dazu zwingen, dem unhaltbaren Zustand ein Ende zu machen.

Bis dato. Ich will hier nicht die Details der möglichen, eventuell demnächst kommenden EU-Novelle zu Urheber- und Leistungsschutzrecht (ja, mit den wild umstrittenen Artikeln 11 und 13) ausbreiten, originell anders bewerten als viele Expert/inn/en oder neu aufrollen. Ja, ich teile die Sorge, was „Upload-Filter“ betrifft. Aber sie existieren bereits (etwa als „Content ID“ bei YouTube). YouTube sieht sich dadurch gezwungen, Inhalte zu lizensieren (die Verträge mit AKM, GEMA usw. sind allerdings Geschäftsgeheimnis…) Und freilich könnte es noch unbequemer werden in Zukunft für uns alle (mich eingeschlossen), was die Hollodero-scheißmirnix!-Nutzung und potentielle Monetarisierung fremder Fotos, Videos, Texte, Musikstücke, Artikel, kreativer Konzepte und Ideen betrifft. Aber: zuvorderst für Google & Co. Als Begleitmusik kann man auch die Ungerechtigkeit der Welt generell, das Risiko- und Ertragsverhältnis von althergebrachten Creative Business-Infrastrukturen (z.B. Verlage, Record Companies, Verwertungsgesellschaften) zu Urheber/inne/n und das Copyright als (behaupteterweise) überholtes Recht ins Spiel bringen. Aber man sollte dieses Spiel nicht zu offensichtlich mit gezinkten Karten spielen.

Mein Instinkt sagt: die Datenkraken und Profitmaschinen der Gegenwart und, absehbar, auch der Zukunft haben mit einem „freien Internet“ wenig bis nichts am Hut. Sie stehen, ähnlich wie schon bei der #DSGVO, primär im Visier einer eigenständigen und (im besten Wortsinn) eigenwilligen europäischen Politik (und es gibt wohl wirklich wenige Mandatare egal welcher Fraktion, die das gesellschaftlich disruptive Verhalten von Google & Co. einfach abnicken wollen und werden). Apropos: ich mag viele (oft auf Falschinterpretation beruhende) Auswirkungen der DSGVO auch nicht. Aber. Man kann die mühsam erdachten, lange und intensiv erörterten und verhandelten und in Details immer noch vagen, unbeholfenen oder absehbar zu bürokratischen Maßnahmen kritisch betrachten – aber es ist eine Regung von politischem Willen, wo man der EU lange Regungslosigkeit vorgeworfen hat.

Eine gute Entwicklung? Möglicherweise. Möglicherweise auch nicht. Es gibt Gegenstimmen. Man kann sie, insbesondere in den sozialen Medien, kaum übersehen und überhören. Tausende Aktivist/inn/en, die z.B. morgen hier – www.piratenpartei.at/save-your-internet-oesterreich-und-wi…/ – auf die Straße gehen, protestieren für oder gegen etwas, das ihnen – und das wird jetzt der Mehrheit der kritischen Geister nicht gefallen – doch ziemlich einseitig, schablonenhaft dramatisch und seltsam konform vorgekaut wird (der kurze Text der Piratenpartei Österreichs ist dafür leider symptomatisch). Gehen sie geschicktem Lobbying, wirtschaftspolitischer Camouflage und massiven Business-Interessen auf den Leim? Kaum. Es ist ihre eigene Lebenswelt und Sicht der Dinge.

Aber würden sie wirklich für ein tatsächlich freies Internet eintreten, müssten die Fronten neu und anders abgesteckt werden. Nein? Vielleicht wird man sich in zehn, zwanzig Jahren daran erinnern, beim Marsch wider die Institutionen an der falschen Straßenecke abgebogen zu sein? Ich hoffe nicht.

P.S.: Feedback jeder Art ausdrücklich erwünscht.


Lernprozess

18. Januar 2019

MASCHINENRAUM / WIENER ZEITUNG. Der Rennfahrer Walter Röhrl hat eine Meinung zu Elektroautos. Und dann noch eine. Man kann sich von ihm etwas abschauen.

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Ich bin, zugegeben, auf Facebook und Twitter gelegentlich recht provokant unterwegs. Denn: wenn diese Kommunikations-Durchlauferhitzer einen Sinn haben – außer zum manischen Zeit-Totschlagen zu verleiten -, dann ist es die Konfrontation. Die Konfrontation mit anderen Menschen, Meinungen, Standpunkten.

Im schlimmsten Fall gerät man mit Holz- und Hitzköpfen aneinander, die notorische Rechthaberei und apodiktische Binsenweisheit  rasch in Beschimpfungen oder gar Drohungen umschlagen lassen (gottseidank eine Minderheit, die sich solchermaßen selbst disqualifiziert). Man darf derlei Narren (und, nicht selten, auch Närrinen) übrigens durchaus blockieren, wenn einem am eigenen Seelenheil gelegen ist.

Positiv dagegen, trifft man auf klare, doch konstruktive Widerrede – die vice versa zunächst provokant erscheinen mag. Gib’s mir! Nämlich: Argumente, Fingerzeige und Informationen, die sich als denkwürdig im Wortsinn, weil wohlüberlegt, faktisch zutreffend und die Diskussion bereichernd erweisen. Sie wirken dann wie ein Katalysator. Im besten Fall ergibt sich ein wirklicher Dialog, ja mehr: ein Lernprozess.

Ich musste an dieses salbungsvolle Leitmotiv meines Social Media-Zugangs denken, als ich neulich ein kurzes Video postete, das ich irgendwo in den Tiefen von Facebook entdeckt hatte. Zufällig, ich schwör’s! Es zeigt den bekannten deutschen Rallye- und Rennfahrer Walter Röhrl, eine Legende in seinem Metier. Röhrl schimpft darin, angestachelt von einem Motorjournalisten, auf Elektroautos. Durchaus subjektiv wohlbegründet. „Auch nicht uninteressant“, hatte ich den Beitrag provozierend neutral einmoderiert. Mehr hatte es nicht gebraucht.

„Alter weißer Mann!“, hob der Sturm der Entrüstung an. „Soi mit seinem Porsche in Oasch geh’n.“ Die Georg Danzer-Paraphrase erschien aber noch nicht scharf genug. „Automobilsaurus Rex!“ „Megaignorant!“, „Gekaufter Pseudojournalismus!“, „Benzinbruder-Meinungsmanipulationsforum!“ „Bezahlte Vorurteile eines inkompetenten Vollhonks… Und Du verbreitest diesen Schrott auch noch!“ Und ein paar Unhöflichkeiten mehr.

Mein sachter Einwurf, man mache es sich dermassen vielleicht etwas zu einfach, verhallte dröhnend. Ich hatte auch einen – im Facebook-Kontext lässlichen, für einen um Objektivität bemühten Journalisten groben – Fehler gemacht. Und nicht die Quelle des kurzen Videos recherchiert. Mein Posting hatte nur einen kurzen Ausriss gezeigt (worauf mich ein wirklicher Facebook-Freund höflich hinwies). „Für das, was ich unter Autofahren verstehe“, sagt Röhrl da, „wird das Elektroauto nie eine Lösung sein.“ Nachvollziehbar.

Der Treppenwitz an der Sache ist: der Rennprofi fuhr dann auch – im Windschatten von Tesla hochgezüchtete – Elektrorenner von Mercedes und Porsche. Schauen Sie sich die Videos im Netz an, sie sind leicht zu finden: das Staunen des alten Mannes – der körperlich und geistig wohl fitter ist als die meisten seiner Kritiker – spricht Bände.

Dass manch Mitstreiterin und Mitstreiter in diesem lehrreichen Thread lieber über Kleinwagen, Wasserstoffantrieb, den E-Auto-Hype und „toxische Männlichkeit“ debattiert hätte, ist wieder eine andere Geschichte.


Echt gute böse Lieder

22. Juli 2018

Sir Tralala ist David Hebenstreit ist Sir Tralala. Das Multitalent aus Wien legt mit seiner im September erscheinenden Song-Kollektion „Echt Gute Böse Lieder“ ein spätes, dafür ordentlich gereiftes und radikal verstörendes Meisterwerk vor. Man sage nicht, es hätte keine Vorwarnung gegeben.

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Es gibt ja, oberflächlich betrachtet, einige schrullige Typen in der aktuellen österreichischen Szene. Vom hoch sympathischen Nino aus Wien, der wirkt, als stünde er immer leicht neben sich, bis Voodoo Jürgens, dem Vorstadt-Strizzi aus Tulln, vom studierten Sprachwissenschaftler-zum-Donauinselfest-Magnet Marco Michael Wanda bis zum intellektuell ungreifbaren Wolkenkuckucksheim-Brudi Yung Hurn.

Und dann gibt es David Hebenstreit. Alias Sir Tralala. Er toppt sie alle. Bei einer präzisen Analyse seiner Qualitäten offenbart sich, dass er tiefer bohrt, rückhaltloser rumort und abgründiger die Realität verdichtet als alle zuvor Genannten. Und die haben schon ordentlich was drauf, keine Frage. Ihr Erfolg ist verdient. Weil dieses Handvoll – es gäbe tatsächlich noch einige mehr zu nennen – dieses Land und seine Befindlichkeit mit einer lakonischen Erzähllaune, unerhörten Tiefenschärfe und liebevollen Detailtreue vermisst. Und ihre Pop-Reportagen aus dem Inneren der Deix’schen Seelenkammern uns lässig als Unterhaltung verkauft.

Man kann nun nicht behaupten, Sir Tralala wäre ein Neuzugang in dieser Gesellschaft. Aber er hat nun endlich – nicht erstmals, aber letztlich fast – sein künstlerisches Vermögen in eine konventionelle Form gegossen: ein Album. „Echt gute böse Lieder“. Es erscheint Anfang September 2018 auf Schallter/monkey. (Vertrieb: Rough Trade), trägt aber, so unverkennbar wie unsichtbar, auch seinen eigenen Label-Stempel: Autonomos Lordship Records. Der Mann weiß, was er will. Was er kann. Und was er tut.

Man erinnere sich: als Hebenstreit a.k.a. Tralala um die Jahrtausendwende mit seinem Debutalbum „Flying Objects, They Don`t Have a Brain“ erstmals in die österreichische Subkultur vordrang, hörte man den Krach bis nach Deutschland. Während im Bayerischen Rundunk der Geisteszustand des Musikers diskutiert wird, hilft er – von Wien aus – Clubs, Labels und Kollegen auf die Sprünge, musiziert als Gast auf mehr als dreißig veröffentlichten Alben, komponiert und produziert Musik zu Kino- und Fernsehfilmen, geht mit Naked Lunch auf Nightliner-Tour, bereichert als Instrumentalist die Bühnenauftritte von Soap & Skin, Der Nino aus Wien, der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune und vielen anderen, produziert nebenher einen Tonträger für die Band des noch völlig unbekannten Voodoo Jürgens, veranstaltet Wanda mit einem Budget von 120 Euro, die für dieses Salär eine Stunde lang Nirvana-Coverversionen spielen, und steht bei bislang rund eintausend Konzerten in zwölf Ländern selbst auf der Bühne. Für Vollständigkeitsfanatiker: David Hebenstreit ist am 18.10.1978 in Wien geboren und hat Harmonielehre, Orchesterspiel, Violine und Gehörbildung, am Landeskonservatorium in Klagenfurtstudiert.

Sir Tralala (Foto H. Partej)

Nun also das opus magnum: „Echt Gute Böse Lieder“. Abstruse Liebesballaden, Außenseiter-Hymnen, Familiendrama-Begleitmusik und Song-Kleinode über weltumspannende Arschlöcher stehen da zur Verkostung parat, auch Tod und Teufel bekommen den ihnen zustehenden  Raum und Rang. Kompositorisch greift Sir Tralala in die Vollen: US-Traditionals reiben sich an artifiziellen Western-Soundtracks, eine (von Jörg Gaisbauer eingespielte) einsame Pedal Steel-Gitarre prallt auf eine Wand pompöser Orchester-Arrangements, letztlich kommen sogar Dub Step und mongolische Obertongesänge ins Spiel. Referenzen sind etwa Johnny Cashs „Folsom Prison Blues“, frühe Alben von Tom Waits, aber auch Spätwerke von Moondog, Roy Harper, Georg Kreisler und Franz Bilik. Das sogenannte Neue Wienerlied darf, pardon!, ein bissl scheißen gehen.

Die Texte? Parental advisory, explicit lyrics. „Auf jeden Fall verleiht das Album einigem Sprachlosen eine Sprache“, so Hebenstreit, „das erschien mir wichtig. Es ist definitiv kein Easy Listening-Album, die Texte sind teilweise wirklich böse, die Absicht dahinter ist eine gute. Die Stichworte dazu: Paradoxe Intervention, Dinge zur Sprache bringen, Randgruppen eine Stimme geben. Ich arbeite viel mit literarischen Ichs, singe über Themen, die mir nahe gehen. Man stelle mir aber bitt’schön nicht die obligate Authentizitätsfrage (Nachsatz: ausser Du willst, dann tu es)“.

Das spektakuläre, weil enorm kunstfertige und die Atmosphärik des Albums trefflich widerspiegelnde Cover von Jörg Vogeltanz ist Bildern von Hieronymus Bosch nachempfunden. Wieder David Hebenstreit im O-Ton: „Ein zentrales Element in Boschs Werken ist ja der „Wayfarer“. Bei mir heisst das dann „Der uroide Wanderer“. Ein wenig zieht sich auch da der Text des alten Traditionals  „Wayfaring Stranger“ wie ein roter Faden durch den Song, freilich ist  meine Version auf hiesige Verhältnisse umgemünzt.“  Bosch durfte bleiben.

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Die produktive Getriebenheit von Sir Tralala offenbart sich auch im Umstand, dass er den guten bösen Liederreigen fast komplett alleine eingespielt, programmiert, gesungen, aufgenommen und gemischt hat („Damit mir keiner reinpfuscht!“). Begleitet wurde der selbstausbeuterische Irrsinn von einem umzugsbedingten kompletten Abbau und Neuaufbau des eigenen Studios. Nur der letzte Song des Albums stammt von einem alten Bekannten, einem Wirt in Zwerndorf im Marchfeld, „da hab’ ich seinen Gesang und sein Gitarrespiel aufgenommen und einen elektronischen David Lynch-Suspense-Soundtrack „made in Austria“ draus gemacht.“ Die obligate Procol Harum-Orgelballade darf freilich auch nicht fehlen. Das Lied heisst „Du liebe Sau“ und ist, so Hebenstreit,  „ein Role Model-Song für ewig spätpubertäre Liebhaberinnen und Liebhaber dysfunktionaler Abhängigkeitsliebesbeziehungsleidenschaften“.

Kurzum: „Echt Gute Böse Lieder“ ist eine Gnackwatsch’n im Namen des Humanismus. Es handelt sich um ein Themenalbum in deutscher Sprache, teils Wienerischem Dialekt. Jahrelang aufgesogene Bösartigkeiten werden in Liedform komprimiert und leiten als paradoxe Spiegelbilder den Hörer an der Hand zurück in die Menschlichkeit. Folgerichtig tragen die Songs Namen  wie „I sauf“, „Hundsblues“ oder „Schiach“ oder unausgewiesene, aber leidenschaftlich intonierte Untertitel wie „Heut’ reiss ich mir mein Herz raus und stopf es Dir in Dein Maul“. Die explizite Sprache ermöglicht ungewöhnliche Blickwinkel auf archetypische Motive. Facettenreicher Humor bringt, Überraschung!, den Zuhörer nicht nur zum Schmunzeln. Er trifft – auf entsprechende Grenzen und Nerven zielend – mit sprachlich bösartiger Überzeichnung auch hart in sein Ziel. Bei aller offensiv zur Schau gestellten Abgründigkeit lässt sich bei Live-Konzerten Sir Tralalas ein positiver, annähernd therapeutisch heilsamer Effekt beobachten.

Echt gute böse Lieder: man nehme sie und lebe damit. Nach Lust und Laune. Es macht wenig Sinn, einzelne Stücke herauszugreifen und vor Publikum zu sezieren. Wenn das Album-Format noch Sinn macht in Zeiten digitaler Wisch-und-weg-Ungeduld, dann hier. Man lege die CD ein oder, passender noch, die Vinyl-Scheibe auf, betrachte das Gesamtkunstwerk aus Cover, Texten und Bildern, und lasse sich hineinsaugen in einen abgründigen, mit Seelenschwere, Aberwitz und dunklem Samt austapezierten Schlund. Ja: man wird noch in Jahrzehnten raunen von diesem Stück dies- wie jenseitiger Popkultur.

http://www.hebenstreit-david.net

Sir Tralala ist live zu erleben hier:

  • Freitag, 27. Juli, 22.00h Woodstockenboi Festival, Stockenboi
  • Samstag, 28. Juli, 23.00h Popfest Wien, TU Prechtl-Saal
  • Donnerstag, 13. September, 21.00h Chelsea, Wien (Album-Präsentation)
  • Freitag, 28. September, Waves Festival, WUK Wien

(weitere Termine in Planung)


Danke, Stefan.

29. Juni 2018

Stefan Weber, der als Kopf der Gruppe Drahdiwaberl österreichische Popgeschichte geschrieben hat, ist nicht mehr. Eine Rede als Grunzer in das Graberl.

Weber

Lieber Stefan!

„Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“

Das stammt freilich nicht von Dir oder mir, sondern von Bazon Brock. Der ist auch Künstler. So wie Du es warst. Ich bin kein Künstler geworden, das hast Du bedauert, weil Du es befördert hast – und ich tu es inzwischen auch.

Ich bin ein Verräter geworden. Ein harmloser, beiläufiger, netter Verräter vielleicht, aber ein Verräter. Schon allein, weil ich doch ein paar tröstliche Worte finden will. Nein: finden muss. Stellvertretend für uns alle hier. Uns, die Du verwirrt, allein, kälter, ärmer zurückgelassen hast auf diesem verrückten Planeten.

Nun: einmal ist mir der Papst begegnet – und, sieh’ einer an, er hat nur freundliche Worte über Dich verloren. Freilich war es nicht der richtige Papst, also das Oberhaupt der katholischen Kirche, sondern ein Fake-Papst. Der, der bei den Drahdiwaberl-Shows immer den Papst gespielt hat, oder zumindest einen Erzbischof, mit Bischofsmütze, Ornat, Weihrauchfass und sonstigem Trara. Ich glaube, er hieß Dieter und war Ingenieur. Jedenfalls wohnte er in der Goldschlagstraße im selben Haus wie ich mit vierzehn, zwei Stockwerke drunter. Das hat mich mächtig beeindruckt damals: der Fake-Papst, die Drahdiwaberl-Connection, die hobbyistische Gotteslästerung. Ich glaube, ich habe damals erstmals im Lexikon das Wort „Teufelsaustreibung“ nachgeschlagen.

Du bist daran schuld, Stefan. Und vielem, um nicht zu sagen: fast allem, was danach kam. Es gibt, das sei uns allen Trost, eine schöne, wahre, gute Schuld.

Lieber Stefan, ich will Dich nicht langweilen mit Geschichten aus der Schulzeit. Und ja, ich habe einen Klassenbucheintrag verdient, weil ich heute kein Nacktfoto mitgebracht habe und keine lustige Verkleidung, nur ein paar Erinnerungen. Aber bei Dir hatte man nicht das Gefühl, Du mochtest Deinen Lehrerjob nicht – wie es bei Kollegen wie Ernst Jandl oder Friedrich Polakovics der Fall war. Friede ihrer Seele, aber sie haben das, glaub’ ich, eher als lästigen Job angesehen. Du nicht.

Wobei: beigebracht hast Du uns kaum etwas. Also: im rein handwerklichen Sinn. Ich hab Deine mit Rotring-Tuschestift gezeichneten Figuren ansatzweise imitiert, das war’s. Und die Themen der in Metall geätzten Schaubilder recht faszinierend gefunden: Jack The Ripper, Frauen mit großen Brüsten, monströse Polizisten, Schweinekram en masse.

Visitenkarten Weber

Faszination. Schaudern. Und eine Ahnung des Möglichen. Das war es, was Du mir, uns beigebracht hast. Freilich auch eine Ahnung des Unmöglichen als Komplementärmenge zum Möglichen – aber da hast Du die Grenzen weit, ganz weit hinausgeschoben in Richtung Ermöglichung. Unmöglich schien damals kaum etwas: etwa, dass 13-, 14jährige, noch ganz unschuldige Schülerinnen und Schüler bei Drahdiwaberl-Konzerten auftauchten und dort oft in den ersten Reihen zu finden waren. Und mit staunender, bisweilen schockierter Miene verfolgten, was da auf der Bühne abging. Nie zuvor hatten sie das Wort „Mulatschag“ gehört – was das bei Drahdiwaberl bedeutete, war eine Lektion fürs Leben.

Es war auch Anschauungsunterricht in Sachen Rock’n’Roll. Ein so beiläufiger wie brachialer Crash-Kursus. Das hiess: Chaos auf der Bühne, langhaarige Typen – man munkelte, der Sohn des Finanzministers wäre darunter –, brachiale Lautstärke, ein Freak-Parade sondergleichen. Dazwischen, daneben und darunter ein stoischer Peter Vieweger an der doppelhalsigen Gitarre, Thomas Rabitsch als Keyboard-Vorturner, überhaupt die Rabitsch-Brüder, kuriose Szenegrößen wie Lotte Pawek, Franzi Bilik, Jazz-Gitti, General Guglhupf oder Markus Spiegel als Sparefroh. Ilse Weber in unglaublich erotischem Dressing – und später auch Stefans Tochter Monika. Und und und. Und, ja, Hans Hölzel alias Falco in seiner Sgt. Pepper-Fantasieuniform.

Was da abging, war zweifellos das Offensivste, Ärgste und Obszönste, was sich ein menschliches Gehirn ausdenken konnte. Anarchie pur. Hieronymus Bosch, zum Leben erweckt. Es war das Gehirn des Stefan Weber, in dem dieser grellbunte, bisweilen hoch politische, manchmal nur comichaft überdrehte Kosmos entstanden ist.

Und, das scheidet unseren Helden von den vielen Maulhelden seiner und nachfolgender Generationen: er hat diese Vision auch in die Realität umgesetzt. Zum Leben erweckt. Auf die Bühne gehievt. Drahdiwaberl war eine einzige fleischgewordene, monströse, fiebrige Fantasie. Das fantastische Himmelreich des Stefan Weber. Genährt und immer wieder aufs neue befeuert von der Lust, dem Aktionismus, der Fantasie seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Und natürlich der Faszination des Publikums. Darunter eben die Schüler des BRG Wien 4 Waltergasse.

Zwischenbemerkung: ich glaube, die Schule ist immer noch – was ich so höre – eine liberale, gute. Aber Stefan Weber, Professor für Zeichnen und Handwerken und nebenher Privatdozent in Sachen Bühne, Blut & Beuschel, hätte da heute absehbar die ärgsten Schwierigkeiten. Political Correctness, you know.  Der Zeitgeist der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts war ein anderer, besserer. Weniger Slimfit-Anzüge weit und breit. Mehr positiv Verrückte. Und Leithammel, nein: Anti-Leithammel wie Stefan Weber waren massgeblich schuld daran.

Ich habe das Stichwort Faszination eingebracht: das ist es, was Kunst ausmacht. Und Kultur. Und Rock’n’Roll. Faszination muss geweckt werden, gekitzelt, provoziert. Und darin waren Stefan Weber und Drahdiwaberl große Meister. Deswegen überdauert die Faszination bei denen, die damit einmal angesteckt worden sind, jede Zeitspanne, jede reale Distanz, jede nachfolgende Modebewegung. Einmal Drahdiwaberl-Fan, immer Drahdiwaberl-Fan.

Die Faszination hat sich auch aus einem großen Staunen genährt: da stand ein Berseker auf der Bühne, der gegen die Welt anschrie, Gift und Galle spuckte und gelegentlich auch zu Revolver und Motorsäge griff. Grenzwertiger Theaterdonner! Privat aber, und, ja, auch in der Schule, warst Du, Stefan, der mildeste, freundlichste, netteste Typ, den man sich vorstellen konnte. Ein Mensch durch und durch. Okay: Bart und Haarwuchs standen im wüsten Kontrast dazu. Und manche Episode auf Schulschikursen z.B. verhindert, Dich noch im Nachhinein zum Übermenschen zu stempeln, bestätigt aber nur: nichts Menschliches war Dir, euch, uns fremd. Das wird selbst der ewig renitente Mitschüler Plöschberger bestätigen.

Was ich nun nicht möchte, ist, hier einen exakten Lexikoneintrag zur musikgeschichtlichen Historie und Bedeutung von Drahdiwaberl verlesen. Das sollen andere erledigen. Der Grunzer aus dem Graberl steht sowieso nur einem zu: Stefan Weber selbst. Jede, jeder, der dabei war, weiß, was war. Was wirklich war und was nur Dichtung, Mythos, Paranoia. Es ist auch gar nicht wichtig, das zu trennen und zu sezieren, denn das macht Rock’n’Roll auch aus: das Verschmelzen von Fantasie und Wirklichkeit. Das Ineinander-Fließen von Gut und Böse, von Druck und Widerstand, von Lärm und Stille. Die finale Vermählung von Leben, Krankheit und Tod.

Stefan hätte Bazon Brock auf die Schulter geklopft, aber milde lächelnd sein Eingangs-Zitat abgewandelt.

„Der Tod ist abgeschafft, die verdammte Schweinerei auf der Bühne muß weitergehen. Wer ein Wort dagegen spricht, ist ein Verräter.“

In diesem Sinne: danke Stefan.

Wir verraten Dich nicht.

P.S.: Wer sich mit Worten allein nicht zufrieden geben möchte: http://reinharddavid.at/DRAHDIWABERL/index.html


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