Blue, Blue, Electric Blue

27. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (410) Gibt es „ultimative“ Gerätschaften? Eine Frage, die insbesondere die Audio-High End-Gemeinde plagt.

McIntosh VU-Meter

Ich habe es getan. Und zugeschlagen. Es mag hart klingen, aber: worauf soll ich warten? Irgendwann will man es wissen. Ob es nämlich soetwas wie das ultimative, finale, endgültige Gerät gibt. Auch wenn man die Antwort schon kennt: nein, gibt es nicht.

Aber es gilt, die Grenzen auszuloten. Die Grenzen des technisch Machbaren (hier geht immer noch mehr). Und die Grenzen des individuell Leistbaren (hier geht tendenziell eher weniger). Aber es tut gut, etwas im Haus zu wissen, an dem sich alle sonst verfügbaren Verstärker, Receiver, Aktivboxen, PAs und sonstige Audio-Krücken messen lassen. Und messen lassen werden müssen.

Es ist so: ich habe einen McIntosh MA 6900 erstanden. Das ist – Kennern aus der HiFi-Gemeinde muss man’s nicht erklären, sie bekommen automatisch wässrige Augen – ein Verstärker des US-Traditionsherstellers McIntosh Laboratory Inc. in Bighamton, New York. Ja, einer jener Boliden mit den herstellertypischen, blau leuchtenden VU-Metern!

Der MA 6900 ist bei weitem nicht das mächtigste und teuerste Teil dieses Fabrikanten, aber es sollte – um die Diktion des Autoherstellers Rolls-Royce aufzugreifen, der einst die Motorleistung seiner Fahrzeuge nobel-zurückhaltend als „ausreichend“ deklarierte – genügen. Zudem wird es nicht mehr gebaut (es muss mich also niemand der Schleichwerbung verdächtigen), gilt aber bereits als Klassiker.

Der gegenüber dem ursprünglichen Preis verlangte Obolus, der den Audio-Durchlauferhitzer gerade noch leistbar macht, ergibt sich aus seinem Second Hand-Status und dem Liebhaberwert. Jedenfalls muss sich der Vorbesitzer, der meinte, er wolle den 41,7 Kilogramm schweren Mac „nur in gute Hände legen“, nicht den Kopf zerbrechen über seriöse Zukunftsaussichten.

Ob ich enttäuscht werde oder nicht, wird sich weisen. Erst neulich habe ich gegenüber einem – ebenfalls vom Vintage-HiFi-Virus befallenen – Freund betont, die eigentliche Befriedigung liege darin, exzellente Musikwiedergabe mit tunlichst kostengünstiger Hardware zu erreichen. High Fidelity ist (und gleich hebt wohl das Geheul der Zahlenfetischisten und High End-Esoteriker an) zu sehr von äusseren Umständen – etwa der Aufnahme, der Raumakustik oder dem persönlichen Hörvermögen – abhängig und die Kombination verschiedenster Geräte ein geradezu alchemistisches Experiment und Glücksspiel, dass sich allein aus dem Preis, der Wattzahl und dem Ruf eines „legendären“ Verstärkers kaum etwas ableiten lässt.

Ich werde Sie jedenfalls vom Grad meiner Befriedigung unterrichten (eben auch, weil der Verstärker als Messlatte für aktuelles Equipment dienen soll). Es wird nur andernorts nachzulesen sein als an dieser Stelle. Ich geh’ jetzt mal den McIntosh anwerfen.


Reichweitenangst

21. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (409) Ist es abenteuerlich, in einem Tesla nach Venedig aufzubrechen? Ein Testbericht, Folge zwei.

Tesla-Test

Ich schreibe diese Kolumne, während ich als Beifahrer in einem Tesla Model S sitze und über die Windgeräusche des rechten Außenspiegels sinniere. Sie erscheinen mir irritierend hoch, was an einem schlecht dichtenden Gummi des Fensters liegen mag. Aber das ist – erst recht bei einem (rein konstruktiv auch nicht mehr ganz taufrischenNeuwagen – ein Luxusproblem. Also eine Marginalie.

Wenden wir uns Essentiellem zu: Reichweite, Reichweite, Reichweite. Das ist bei einer Tour Wien/Venedig und retour in einem Elektroauto (fast) alles, worum’s sich dreht. Gerade hat meine Reisegruppe die „Supercharger“-Station in Treviso verlassen. Dauer des Aufenthalts: knapp eine Stunde. Der Kaffee ist gut, aber gern hätten wir uns den Zwischenstopp erspart.

Allein: der Versuch, den Wagen am Vorabend am Lido in Venedig (dort sind Autos erlaubt) an einer Agip-Tankstelle aufzuladen, schlug fehl. Zwar ist der Kofferraum voller Kabel und Stecker, aber nichts passt. Italienische Starkstromanschlüsse unterscheiden sich von österreichischen; das Haushaltsnetz des Hotels wollten wir nicht testen. Mobilität in einem E-Car, zumal bei längeren Reisen, ist eine Frage der Infrastruktur und vorausschauender Planung. Sowie offensiver Gelassenheit. Ich summe, ganz entspannt, Songzeilen aus dem Bilderbuch-Hit „Bungalow“ vor mich hin: „Baby, leih‘ mir Deinen Lader… Ich brauch‘ Power für mein‘ Akku… Komm‘ vorbei mit Deinem Skoda.“

Jemals schon von „Reichweitenangst“ gehört? Der Fahrer, selbst schon leicht geladen, merkt an, die Anzeigen des Tesla hätten „die Verlässlichkeit von Wettervorhersagen“, nur weil das Riesen-Display irgendwo auf der Höhe von San Caterina ankündigt, wir würden Villach mit 18 Prozent Batterie-Restkapazität erreichen, während es eine halbe Stunde vorher noch 35 Prozent waren. Gut, die sportlichen Zwischensprints auf der Autobahn, um den lästigen Alfa Romeo 4C abzuhängen, kosten Strom. Und vielleicht hätten wir die Bedienungsanleitung studieren sollen – die durchgängig allzu optimistischen Reserven gelten wohl nur für Teslas ohne Zusatzpassagiere und Gepäck. Und das bei optimalen Wetterbedingungen (meint z.B: ohne Nutzung der Klimaanlage).

Aber wir sind an einer tunlichst realistischen Nagelprobe interessiert. „Das Auto kostet zuviel Zeit und Nerven“, vernehme ich von der Rückbank. Das ist Klagen auf hohem Niveau. Zumal Rastpausen doch als erholsam empfunden werden. Und der Strom (noch) gratis ist. Alles eine Frage der Gewöhnung. Schließlich erreichen wir – nach drei Zwischenstopps – Wien.

Ich frage den Fahrer, Besitzer eines kleinen Fuhrparks, ob er seinen Jaguar XJ Diesel, Baujahr 2006, gegen den Tesla tauschen würde. Er schüttelt den Kopf. „Der Insane-Modus“, also die volle Beschleunigung des Elektromotors, „ist ja nett. Aber, ehrlich: im Alltag auch ein bisserl gaga. Das führ‘ ich dreimal Freunden vor, und das war’s dann. In punkto Öko-Gesamtbilanz liegt die alte Benzinkutsche, wenn ich sie noch zwanzig Jahre lang fahre, locker gleichauf. In punkto Windgeräusche hat sie die Nase sowieso vorn.“


Ladetätigkeit

14. Mai 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (408) Ist es abenteuerlich, in einem Tesla nach Venedig aufzubrechen? Ein Testbericht, Folge eins.

Tesla Wien

Erstmals hatte ich ein grünes Kennzeichen-Taferl vorn und hinten drangeschraubt an einem Testauto. Es signalisiert (und das seit Anfang April), dass es sich bei diesem Vehikel um ein rein elektrisch betriebenes Kraftfahrzeug handelt. Der Gesetzgeber hat angekündigt, damit bestimmte Erleichterungen zu verknüpfen – welche, ist strikt föderalistisch Landes- und Kommunalsache – und so Elektromobilität generell fördern zu wollen.

Schön und gut. Aber. Von der freundlichen Radikalität, mit der z.B. in Norwegen E-Autos forciert werden, ist man hierzulande meilenweit entfernt. Es ist wie immer ein bissl ein mutloses Hin und Her, meist mit Seitenblick auf den Gesetzgeber in unserem Nachbarland Deutschland (dessen mächtige Auto-Lobby nicht gerade als tolldreist innovationsfreudig gilt). Und so ausgestaltet, dass man niemandem richtig weh tut. (Apropos: ich bin gespannt, wie Kern, Kurz & Co. demnächst hundertausenden Diesel-Fahrern erklären wollen, dass man auf’s falsche Pferd gesetzt hat.) Jedenfalls wird sich der E-Auto-Marktanteil von hierzulande 0,2 Prozent nicht schlagartig erhöhen.

Aber hoffentlich doch merkbar. Der Politik traut man in Österreich – aus Gründen – wenig zu, der Ball liegt bei den Autokonzernen. Und hier gibt es bekanntermassen einen, der alle anderen vor sich her treibt: Tesla. Die Fahrzeuge des 2003 gegründeten US-Herstellers sind bislang, polemisch formuliert, rollende Entwicklungslabors für gutbetuchte Drittwagenbesitzer.

Aber sie sind im Alltagsverkehr sichtbar. Und gelten en gros als attraktiver, gangbarer Ansatz für den Individualverkehr der Zukunft (im Rahmen eines größeren, nachhaltigen Transport-Gesamtkonzepts, wie Tesla-Gründer Elon Musk nicht müde wird zu betonen). Da auch ein für Durchschnittsverdiener, die z.B. täglich vom Land in die Stadt und retour pendeln, leistbarer Tesla („Model 3“) in Aussicht gestellt wurde – er soll 2018 kommen und kann bereits vorbestellt werden –, könnte das für die gesamte Sparte E-Mobil ein kräftiger Turbo sein.

Aber so lange kann ich nicht warten. Es gilt zu testen und zu fahren und zu prüfen, was da ist. Das mir bereits bekannte Modell S etwa. Bislang habe ich mich damit nur von der Bundeshauptstadt aus nach Graz gewagt (und bin mit etwas Müh’ und Not zurückgekommen). Jetzt aber sitze ich gerade in einer – pardon, Mercedes! – roten S-Klasse von Tesla, Version: P100D (das ist die allerstärkste) und sause damit gen Venedig. Ein Abenteuer? Ein Wagnis? Eher: eine der vielen Nagelproben, die taugliche E-Autos bestehen müssen.

Schon stellt sich die erste elektrisierende Frage: Soll ich in Graz oder erst in Villach von der Autobahn abfahren, um Strom nachzutanken? Fortsetzung folgt.


Nur Fliegen war schöner

30. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (406) Aerodynamisch optimierte Fahrzeuge waren einst Kennzeichen der Moderne. Wo sind sie hin verschwunden?

Opel GT

Im Dasein eines Technik-Kolumnisten gibt es auch erfreulich entspannte Momente. So wurde ich dieser Tage eingeladen, mit einem Fahrzeug des Opel-Museum-Fuhrparks an einer Oldtimer-Rallye in der Südsteiermark teilzunehmen. Vergnügungen dieser Art hatte ich bislang als Hobby älterer, gutsituierter, blechverliebter Herren eingestuft.

Nun: zumindest das erste Prädikat kann ich nicht mehr gänzlich aus der Welt räumen. Baujahr 1962 trifft Baujahr 1969 (Sie dürfen sich aussuchen, welches Sie mir zuordnen) – das schien mir jedenfalls eine gute Ausgangssituation für eine Spazierfahrt durch die steirischen Weinberge zu sein.

Es wurde aber harte Arbeit. Denn einerseits packt Männer in solchen Situationen immer der Ehrgeiz – auch wenn es nicht um Geschwindigkeitsrekorde geht (Als Startnachteil hatte ich zudem nicht die geringste Ahnung von Roadbooks, Strafpunkten und Sollzeiten.) Andererseits lässt sich ein Sportwagen aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht wie ein heutiges, modernes Auto bewegen. Definitiv nicht. Dabei ist ein Opel GT – ich fuhr also die „Baby-Corvette“ – mit seinen 90 Pferdestärken eigentlich mehr ein Möchtegern-Sportler. Schon das Treten der Kupplung oder das Ausklappen der Scheinwerfer verlangt aber erstaunliche Kräfte. So gurkt man minder flott durch die Gegend.

Aussehen tut ein GT (Werbeslogan: „Nur Fliegen ist schöner“) aber, als liefe er 300 Kilometer pro Stunde. Problemlos. Das liegt an seiner Aerodynamik. Im Gegensatz zu den oft biederen Opel-Großserienfahrzeugen sollte dieser scharf geschnittene Zweisitzer einst bei der Jugend punkten. Tatsächlich wurde er ein Erfolg – und wirkt optisch ungebrochen hinreissend. Was mich zu der Frage bringt: warum schaffen das heutige Designer kaum je? Oder bin ich so retro-fixiert, dass mich die Formensprache der sechziger und siebziger Jahre, der Heydays der Benzinseligkeit, in Psycho-Geiselhaft hält?

Abseits rein ästhetischer Urteile gilt es festzuhalten: Windkanal-Tests, Luftwiderstands-Optimierung per Computer und Aerodynamik-Feinschliff sind anno 2017 selbstverständliche Routine. Man(n) macht nicht mehr viel Wind um niedrige cW-Werte. Eine gewollt futuristische Formensprache – einst die Metapher für technischen Fortschritt schlechthin, wie der Prachtband „Stromlinienform. Die Faszination des geringen Widerstands“ (Herausgeber: Horst-Dieter Görg, erschienen 2016 im Olms Verlag) belegt – gilt heute als überholt. Die Verbesserungen stecken in den Details.

Und freilich sind für ältere Herren Autos, in denen man mehr liegt (und das knapp über dem Straßenasphalt) als sitzt, auf Dauer nicht ratsam. Kann mir bitte jemand elegant-unauffällig aus dem GT helfen?


Uberdruber

21. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (405) In Österreich fahren Taxi-Standesvertretung und Gesetzgeber gern im Rückwärtsgang in die Zukunft.

Uber

Früher habe ich mich noch gewundert. Etwa darüber, dass man, wenn man am Flughafen in Schwechat ein Taxi bestieg, um nach Wien zu gelangen, auch für die Rückfahrt des Fahrzeugs löhnen musste. Adäquat galt’s für die umgekehrte Strecke zum Flughafen: der Wiener Taxler durfte am in Niederösterreich gelegenen Großstadt-Airport keine Fahrgäste aufnehmen. Und war somit gezwungen, eine Leer-Re-Tour zu machen. Bis hinter die Landesgrenze. Bezahlen durfte diese, sagen wir mal: eigenwillige Regelung der staunende Lohndroschken-Nutzer.

Als solcher bin ich dann glatt einmal – wozu ist man Journalist? – beim Obmann des Fachverbands der Taxi-Betreiber vorstellig geworden. Mit der simplen Frage, was das denn solle. Denn es mache ja nicht nur ökonomisch keinen Sinn, sondern auch ökologisch. Und überhaupt. Ja, seufzte mein Gegenüber. Er sehe das genauso. Und es hagle Beschwerden. Aber der Gesetzgeber schreibe dies der Branche so vor. Und die Wirtschaftskammer hätte es so empfohlen. Und überhaupt: wir seien in Österreich. Da komme man mit Vernunft und ohne Lobby nicht weiter.

Nun haben sich die Zeiten geändert. Soweit ich weiß (ich nehme schon lange keine Taxis mehr zum Flughafen, sondern billigere Mietwagen oder die Schnellbahn), müssen zumindest die Fahrgäste – wohl einem generellen Preisdruck geschuldet – nicht mehr diese Landesfürsten-Taxe bezahlen. Und freilich umgehen auch die Fahrer jeglichen bürokratischen Unsinn laufend (immer unter Gefahr, von üblen Kollegen angezeigt zu werden). Aber ganz scheint man zwischen Wien und Niederösterreich noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Auch wenn die frischgebackene Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner verkündet, wir stünden „mitten im Zeitalter der Digitalisierung“.

Warum? Man werfe einen Blick in den aktuellen Entwurf einer städtischen Verordnung zur Neuregelung der Rahmenbedingungen des Fahrdienstvermittlers Uber. Ja, das ist der Gottseibeiuns des traditionellen Taxi-Gewerbes! Nun will ich hier keine Diskussion anzetteln, ob dieser Internet-basierte Dienst die strahlende Zukunft des Lohndroschken-Gewerbes repräsentiert (eher nicht, weil ja selbstfahrende Autos bald gar keine Chauffeure mehr benötigen) oder doch eher ein glanzlackiertes trojanisches Pferd neoliberaler Disruptionsseligkeit ist.

Was aber gar nicht geht, ist die Wiederkehr jener absurden Regelungen von vorgestern unter dem Deckmantel allgemeiner Branchen– und Menschenfreundlichkeit. Da soll doch, diesem Verordnungsentwurf zufolge, glatt für Uber-Fahrer in Hinkunft dieselbe „Rückkehrpflicht zur Betriebsstätte“ gelten wie für Lenker herkömmlicher Mietwagen, Flughafentaxis und Shuttle-Limousinen. Statt sie für alle aufzuheben.

Immerhin dürften die genauen Mindestmaße für Taxischilder fallen. Schmähohne. Dass prinzipiell hierzulande nur mehr der Rückwärtsgang eingelegt werden darf, ist dagegen ein übles, defätistisches, überdrüberes Gerücht.


Schöner Wohnen

15. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (404) Virtual Reality ist derzeit ein Fall für Militärlabors, Dark Rooms und Kinderzimmer. Das kann – und wird – sich rasch ändern.

Real Estate

Wie heißt nochmal jener Science Fiction-Roman, in dem die reale Welt nur mehr eine öde, verarmte Katastrophenzone ist, der Bevölkerung aber – Stichwort: Virtual Reality (oder waren es Drogen?) – ein Leben auf einem blühenden Planeten vorgegaukelt wird?

Die Antwort „The Matrix“ gilt nicht, weil es zu diesem visionären Film keine direkte Romanvorlage gibt. Freilich könnte es „Der futurulogische Kongress“ von Stanislaw Lem gewesen sein – muss ich glatt mal wieder lesen! – oder „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ von Philip K. Dick. Eventuell sogar der Urahn aller modernen Dystopien: „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley? Nein, doch nicht. Letztlich habe ich wahrscheinlich eine vage Erinnerung in meinem Kopf, die ein Amalgam aus vielen Quellen ist, gepaart mit eigener Fantasie. In knapp fünfzig Jahren Lektüre und Filmbetrachtung kommt einiges zusammen.

Aber eigentlich ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nebensächlich. Es geht mehr um die Assoziationen, die der harmlose Begriff „Virtual Reality“ (also: künstliche Realität) auslöst. Denn einerseits steckt diese Technologie noch in den Kinderschuhen. Andererseits ist man heute bereits soweit, dass, grob geschätzt, die Rechnerleistung in jedem dritten Privathaushalt ausreicht, um einigermaßen überzeugende künstliche Welten hochzuziehen. In ihnen lassen sich Stunden, Tage, Wochen verbringen. Sofern die VR-Brillen-Gemeinde mit realer Nahrungszufuhr aus Mutters Küche rechnen darf.

Die Porno-, Pop- und Computerspiele-Industrie jubiliert (weil sie fast unbegrenzt neue Spielfelder entwerfen kann), die traditionellen Kinostudios und Medienhäuser schlafen einmal mehr, von den Militärlabors weiß man wenig bis nichts. Tatsache ist, dass in den Kinderzimmern dieses Planeten gerade unzählige futurulogische Kongresse stattfinden, von denen wir nur ahnen.

Gibt es eigentlich für schnarchnasig erwachsene Menschen wie Sie und mich keine Virtual Reality-Träume? Oh, doch. Sogar sehr konkrete. Ein vergleichsweise banales, aber sehr eindrucksvolles (und, wichtiger noch, verkaufsträchtiges) Feld ist etwa Property Technology, kurz: Proptech – die Verbindung von IT und Immobilengeschäft. Entsprechende Hard- und Software ermöglicht virtuelle 3D-Rundgänge durch bestehende oder erst zu errichtende Wohnungen oder Häuser. Und zwar so überzeugend und realistisch, dass es einfach keiner tatsächlichen Führung durch lästige Makler mehr bedarf. Verknüpft mit Big Data-Kontoröntgenbildern der potentiellen Käuferschar macht ein solches Real Estate-VR-Paket den Verkäuferjob sogar weitgehend überflüssig.

Ehrlich gesagt: noch habe ich Zweifel. Es menschelt ja immerzu bei solchen Geschäften. Aber für eine Branche, die es in der Gegenwart oft genug nicht mal schafft, aussagekräftige Beschreibungen oder halbwegs scharfe Fotos ihrer teuren Objekte herzustellen, wäre es ein wirklicher Sprung in die Zukunft. Eventuell lassen sich ja – virtuell vorteilhaft für beide Seiten – auch Bruchbuden solchermaßen dauerhaft aufhübschen.


Die Rache des Digitalen

11. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (403) Wenn schon Audio-Streaming, dann mit den richtigen Geräten – hier zwei aktuelle Highlights.

Streamer

Natürlich ist es für einen kolumnistisch aktiven Funkberater nicht der Weisheit letzter Schluß, wenn am Ende einer Betrachtung herauskommt, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden möge.

Zumal, wenn man danach trachtet, nicht einfach nur schöngeistig vor sich hin zu philosophieren, sondern auch tunlichst handfeste und sachdienliche Hinweise zu geben. Davon lebt ja eine ganze Sparte des Technik-Journalismus: das jeweils beste, praktischste, preiswerteste Angebot am Markt zu identifizieren. Und möglichst spannend und kundig zu beschreiben.

Insofern will ich meine vorwöchige Epistel – Sie erinnern sich? Es ging um die schwierige Entscheidung, ob man denn nun zwecks persönlichen Musikgenusses endgültig auf Streaming umsteigen solle – nachbessern. Vorweg aber noch ein Erkenntnis, die ich der Lektüre des druckfrischen Buches „Die Rache des Analogen“ von David Sax (Empfehlung!) abgerungen habe: es geht in unserer heutigen Konsumwelt fast ausschliesslich um Lustgewinn.

Kurioserweise lässt sich dieser immaterielle Faktor nicht zwingend mit dem Grad erhöhter Bequemlichkeit verknüpfen (eine Domäne des Digitalen!) – bisweilen eher mit dem Gegenteil. Wer würde sonst anno 2017 altertümliche Vinylscheiben aus Papierhüllen holen und umständlich auf einem Plattenspieler applizieren wollen?

Genug sinniert. Frägt man mich nach probaten, zeit(geist)gemässen Streaming-Tools, habe ich auch ein paar Tipps auf Lager. Den Boomster XL der Berliner Firma Teufel etwa. Das ist so ziemlich der mächtigste Ghettoblaster am Markt, den man via Bluetooth mit dem Smartphone oder Tablet bespielen kann. Es gilt die alte Rock’n’Roll-Regel: Volumen kann durch nichts ersetzt werden („Der Teufel Boomster XL ist anders als der nette Bluetooth-Lautsprecher von nebenan“, beschreibt es netzwelt.de).

Dass man mit diesem Monster (am Netz oder per Akku) auch angenehm füllig tönenden Radiosprechern lauschen oder eine Spontan-Party beschallen kann, liegt auf der Hand. Ratschlag: wenn Sie ein gerade noch mobiles – zehn Kilo! – Zweitgerät für den Schrebergarten erwerben wollen, hören Sie sich den XL-Boomster an. Teufel auch! Klingt fast nach einer ernsthaften Stereoanlage. Und das ist nicht nichts.

Apropos Stereoanlage: da gibt es immer mehr eierlegende Wollmilchsäue am HiFi-Hardware-Markt. Und das zu wirklich erschwinglichen Preisen. Den Verstärker NC-50DAB von Pioneer etwa, der zugleich CD- und Network-Player ist, so ziemlich jedes Format und jeden Streaming-Dienst (außer Apple Music) abspielen kann und auch den Anschluß eines Plattenspielers zulässt. Früher hat man dazu Kompaktanlage gesagt – zwei Lautsprecher angehängt und alles ist spielbereit. Ich habe das Gerät gerade im Test. Und, ja, es klingt erstaunlich erwachsen.

Richtig warm werde ich mit den Digitaldingern aber immer noch nicht. Obwohl sie alles richtig machen. Kann es sein, dass mein Lustzentrum nach Fehlern, Kompliziertheit und ewiger Herumgschistelei verlangt?


Frühjahrsputz

1. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (402) Bei nächster Gelegenheit könnte auch die CD-Sammlung ausgemustert werden? Nur, wenn man nicht an Dingen, Hüllen, Erinnerungen hängt.

Aufstieg

Ich entnehme die Themen, die hierorts verhandelt werden, ja gerne der Bassena des 21. Jahrhunderts: Facebook. „Die großen Fragen des Lebens“ riss dort etwa die Autorin Sibylle H. neulich an, freilich mit einer Portion Selbstironie. Denn es ging um eher Profanes. „CDs sämtlich entsorgen und Spotify?“ lautete ihre Frage an die kommunikationshungrige Meute. „Oder doch nicht? Erfahrungsberichte, bitteschön.“

Aber gern doch. Rasch wogte die Debatte. „CDs sind auch schön zum Anschauen“, meinte eine Freundin. „Ich würde sie vermissen“. Unterstützung fand dieser Standpunkt von deutlich originelleren Stimmen: „Für jede CD, die man weggibt, stirbt irgendwo auf der Welt ein Kätzchen.“ Andere rieten zur dringenden, weil zwingenden Sublimierung der Tonträger, die vor gerade mal dreißig Jahren noch das Nonplusultra der digitalen Moderne verkörperten. Motto: „Ich habe alle CDs entsorgt und bin ein glücklicherer Mensch“.

Wankelmütige Geister suchten dagegen Zuflucht in pragmatischen Lifestyle-Modellen: „Spotify ist super, um in Neues reinzuhören und seine niederen Musikgelüste zu befriedigen.“ Aber: „Es ist nochmals ein anderes Gefühl, eine CD oder Schallplatte aus der Hülle zu nehmen und feierlich abzuspielen.“ Eine notorische Ö1-Hörerin stolperte mitten in die Diskussion mit der doch verblüffenden Frage: „Was ist Spotify“? Geschenkt. „Leider machen – so oder so – nur Radikallösungen Sinn“, merkte der gestrenge Musikkritiker an (es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er Hubert von Goisern-CDs rituell verbrennt). Letztlich, ein Tenor, sei alles Geschmackssache.

So ging es hin und her. Ich lachte ein wenig still in mich hinein. Und musste an eine Meldung denken, die mir kurz zuvor untergekommen war. Sie lautete: Erstmals in der Geschichte der US-Tonträgerindustrie sind mehr als die Hälfte der Einnahmen aus Streaming-Lizenzen erzielt worden. Tatsächlich rangieren Spotify, Apple Music, YouTube & Co. (über letzteres Angebot wird noch zu reden sein) aktuell bei 51,4 Prozent aller „Revenues“, also Geldrückflüsse, Downloads machen unter einem Viertel aus, physische Tonträger – darunter auch der in der Nische boomende Absatz von Vinyl – gar nur mehr 21,8 Prozent.

In den USA, wohlgemerkt. Hierzulande ist man konservativer. Aussterben wird die CD nicht ganz und gar so schnell – aber die Zahlen, Kurven und Trendanalysen sprechen Bände. Online-Radio, das in Amerika auch schon ein wesentlicher Faktor ist, gilt in Österreich als Exotikum. Noch. Facebook scharrt schon in den Startlöchern. Und doch sind alle Zweifel über den finalen Siegeszug der Digitalfraktion auch 2017 längst nicht ausgeräumt.

Dass Spotify durch die Bank quasi als Synonym für Streaming-Dienste genannt wird – Gratulation an die Spotify-Marketingabteilung! -, ist wahrscheinlich eine Altersfrage. Erwachsene, die die direkte Konkurrenz meist gar nicht kennen, mögen Werbeeinschaltungen und das kreative Chaos von YouTube wohl weniger – auch wenn es gratis ist (und dabei für die Künstler geheimgehalten niedrige Summen via AKM, GEMA & Co. abwirft). Jugendlichen ist’s egal.

Mir auch: es darf jeder nach seiner/ihrer Facon glücklich werden.


Wechselkurs

19. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (401) Schon mal von Bitcoin und Blockchain gehört? Nein? Wird dann aber mal höchste Zeit.

Neue Währung

„Ich könnte mir ein künftiges Jahrtausend denken, das unser Zeitalter der Technik anstaunte, wie wir die Antike bewundern, und Maschinen ausgrübe wie wir Statuen.“

Das aufreizende Zitat stammt von Christian Morgenstern. Aber es enthält einen Irrtum, den der 1914 verstorbene, höchst fantasievolle Literat nicht antizipieren konnte: mit massigen, mechanischen Gerätschaften klassischer Bauart – symbolhaft: Dampfmaschinen – haben Technologien des 21. Jahrhunderts selten etwas gemein. Das Internet etwa. Ist es eine Meta-Maschine? Nur die Summe unzähliger miteinander vernetzter Computer? Oder etwas, das unsere Begrifflichkeit längst übersteigt?

Darüber mögen sich Philosophen den Kopf zerbrechen. Ich bin gerade damit beschäftigt, den Internet-Phänomenen Bitcoin und Blockchain auf den Grund zu gehen. Soviel weiß ich bereits: sie haben zwingend miteinander zu tun. Die (Krypto-)Währung – oder ist es eher ein Zahlungssystem? – Bitcoin ist ja für netzaffine Auskenner längst ein Faszinosum.

Man liest immer wieder von Menschen, die Bitcoins wie Gold „schürfen“, von einem radikalen Umbruch unseres Finanzsystems, von Rekordhochs und dann wieder dramatischen Abstürzen des Bitcoin-Wechselkurses in „reale“ Währungen. Wenn diese Erfindung aktuell besser performt als jede Aktie auf diesem Planeten, werden jedenfalls nicht nur Computer-Nerds hellhörig, sondern auch Börsenmakler.

Soviel in Kürze (der FM4-Journalist Christoph Weiss hat es mir konzentriert nahegebracht): Bitcoin ist schlichtweg ein Internet-Protokoll. Wie TCP/IP, HTTP oder POP/SMTP löst es ein spezifisches Problem. Im Fall des Bitcoin-Protokolls ein Problem, das vor 2008 als unlösbar galt: die Übertragung von Wert direkt zwischen Netz-Usern. Ohne dritte Partei. Abgesichert wird es durch die Blockchain – quasi eine dezentrale Datenbank in einem mittels Kryptographie und „Proof of Work“ inhärent abgesicherten Peer-to-Peer-Netzwerk.

Das klingt reichlich kompliziert, läuft aber auf eines hinaus: jede Aktion (und damit auch jede Transaktion) ist völlig transparent, automatisch und zeitgleich auf zigtausenden Rechnern rund um den Globus gespeichert. Jede Änderung dito. Vertrauen, strikt mathematisch definiert. „Bitcoin ist nicht digitales Gold oder Geld fürs Internet“, weiß Weiss. „Bitcoin ist das Internet. Das ist der Grund, warum es die Welt verändern wird.“

Nun: neulich hörte ich einen langen Vortrag, warum es zumindest die Musikindustrie auf den Kopf stellen könnte. Die ist mir aber zunehmend wurscht. Nicht egal ist mir die Zukunft per se. Insofern bin ich für solche Ezzes doch recht dankbar.


Entweder. Oder.

11. März 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (400) Wir wollen alle nur eins: das Beste. Aber bei Alltagstechnik ist es nicht leicht aus dem unübersehbaren Angebot herauszufischen.

Headz

Eine der wenigen Musikmanagerinnen dieses Landes – höchste Zeit, dass es mehr werden! – stellte dieser Tage auf Facebook eine Frage. Und erhoffte Antwort. Die Frage war ungewöhnlich knapp und konkret formuliert: „Bose QuietComfort 25 oder Sony MDR-1000X?“

Dazu muss man wissen, dass es sich um Kopfhörer handelt. Und zwar zwei jener besonders gefragten Modelle, die einerseits noch bezahlbar sind, andererseits den aktuellen Stand der Technik repräsentieren. Und dabei tunlichst gut klingen. Solche Kopfhörer gibt es von etlichen Markenherstellern (gelegentlich gesellt sich auch ein Newcomer dazu) – etwa von Sennheiser, Teufel, Philips, JBL. Und einigen mehr.

Die mit Blick auf das Sony-Modell implizit erwünschte Features-Kombination Bluetooth – also kabellose Übertragung der Musik, etwa vom Handy – und Noise Cancelling beherrschen aber in wirklich brauchbarer Qualität nur wenige. Letztere Eigenschaft, also die Unterdrückung des Umgebungslärms, ist eine langjährige Domäne des US-Herstellers Bose. Kein Wunder also, dass das Spitzenmodell – hier wäre es eigentlich der QuietComfort 35, der Nachfolger des kabelgebundenen Modells 25 – in jeder einschlägigen Bestenliste auftaucht.

Nun ist das so eine Sache mit Bestenlisten. Viele riechen verdächtig nach Marketingzuschüssen und Promotion-Tamtam, nachvollziehbare Wertungen liefern die wenigsten. Es gibt einige löbliche Ausnahmen (auch wenn sich der kommerzielle  Hintergrund nicht leicht recherchieren lässt) – etwa die Online-Plattformen AllesBeste.de oder Netzwelt.de. Speziell fokussiert ist Kopfhoerer.de. Im englischsprachigen Raum finden sich solch clever gestrickte Konsumenten-Wegweiser, oft mit Bewegtbild, weit häufiger, einige gelten auch als wirklich kritisch und weitgehend verlässlich. Auch die altbekannten HiFi-Magazine mischen mit.

Wie immer, wenn man sich für Produkte der Unterhaltungselektronik-Welt interessiert, ist ein Quercheck im Web angebracht (das gilt auch für den sogenannten „Marktpreis“). Man möge sich in punkto Glaubwürdigkeit ruhig auf den eigenen Instinkt verlassen: reine PR-Lobhudeleien riechen rasch verdächtig.

Nun führt AllesBeste.de aktuell den Sony MDR-1000X als „besten Kopfhörer mit Noise Cancelling“, er hat den bisherigen Favoriten aus dem Hause Bose abgelöst. Das muss noch nichts heissen. Aber exakt hier beginnt der persönliche Testparcours, sprich: der notwendige direkte Zweiervergleich. Mit eigenen Ohren. Ich sage Ihnen: der Sony kann gewiss nichts schlechter als sein Konkurrent, klingt subjektiv etwas neutraler (Geschmackssache!) und besitzt einige clevere Details (etwa die Steuerung an der Ohrmuschel oder die intuitive „Talkthrough“-Funktion).

Aber, wie gesagt: Sie werden um eine lustvolle finale Hands On-Entscheidungsfindung nicht herumkommen (und Sie können Online-Versandhäuser ärgern, in dem Sie beide Kontrahenten bestellen und das unterlegende Modell kommentarlos zurückschicken; ich empfehle aber doch den Fachhandel). Ausser Ihnen fehlt partout die Zeit.

Das Befragen der Crowd trägt dagegen – Ausnahmen bestätigen die Regel – mehr zur Verwirrung bei als zur Klärung. Weil: „X kenn’ ich nicht, aber Y ist super“ und vice versa: eh, danke.


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