Drohnenkrieg

30. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (326) Werfen Sie mal einen Blick gen Himmel: kreist da eine Drohne? Es werden bald mehr werden.

Drohne mit Kamera

Als ich das allererste Mal davon hörte, hielt ich es – zugegeben – für einen Witz. Das weltgrösste Online-Versandkaufhaus Amazon wolle in Zukunft seine Pakete per Mini-Drohnen ausliefern, hiess es.

Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, hatte das nicht als Vision in den Raum gestellt („Ich weiß, das klingt nach Science Fiction, ist es aber nicht!“), sondern als handfestes Vorhaben seines Unternehmens. 2013 war man schon mitten in der Erprobungsphase. Die unbemannten Luftfahrzeuge – 8 Motoren, Tragkraft 2,3 Kilogramm – würden von lokalen Logistikzentren aus starten und könnten binnen einer halben Stunde jeden Konsumenten erreichen. Nur die Genehmigung der Behörden stünde noch aus.

Mit meiner von Staunen durchzogenen Skepsis – der Technikexperte Sascha Pallenberg („Mobile Geeks“) erklärte den Plan sogleich zur „Marketing-Luftnummer des Jahres“ – war und bin ich nicht allein. Zugleich tauchen aber immer mehr Meldungen über ähnliche Pläne auf. Und immer mehr ganz reale Drohnen am Himmel. Sony – im Verbund mit dem japanischen Robotik-Experten ZMP – stellte erst unlängst den Prototyp eines Senkrechtstarters für Firmenzwecke vor. In jedem Elektrogroßmarkt und spezialisierten Online-Shop liegen die Dinger längst reihenweise in den Regalen.

Unbemannte Flugkörper, Miniatur-Helikopter und skurill geformte Drohnen, meist bestückt mit Action Cams, schwirren, kreisen und trudeln über unseren Köpfen. Und machen nicht nur manchen Nachbarn, sondern zunehmend auch die Behörden nervös. Die „just for fun“-UFOs sind latent absturzgefährdet, behindern den Flugverkehr und werfen vielfältige juristische und legistische Fragen auf. Einen an Nutzwert und –Last orientierten Regelbetrieb gibt es noch nirgendwo. Ausser beim Militär.

Aber auch andere Mächte haben die – je nach Anzahl der Rotoren – Quadro-, Hexa-, Okto- und sonstigen Multicopter am Radar. Der US-Bundesstaat North Dakota erlaubt demnächst mit Tasern und Reizgas bewaffnete Polizei-Drohnen. Schmuggler, Drogenhändler und technikaffine Kriminelle halten mit eigenen grenzüberschreitenden Entwicklungen dagegen. Medizin-Drohnen sollen auf raschestem Wege Defibrilliatoren und Medikamente transportieren.

Spielzeug für Erwachsene? Der amerikanische Munitions-Hersteller Snake River Shooting sieht das anders. Die Flugkörper seien die am schnellsten wachsende Bedrohung „für Freiheit, Privatsphäre und Sicherheit.“ Folgerichtig bietet man ein wirksames Gegengift für die Invasion der Roboter-Insekten: ferromagnetische Drohnen-Munition für die haushaltseigene Schrotflinte. Die Jagd ist eröffnet.


Schweigeminute

24. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (325) Die digitale Sphäre ist ein idealer Durchlauferhitzer für Medien-Aktionismus. Aktuelles Beispiel: die „Schweigeminute (Traiskirchen)“.

raoulhaspel_001

Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich diese Kolumne rasch und beiläufig formuliere. Ich habe gerade Besseres zu tun. Im wahrsten Sinn des Wortes.

Im Augenblick versuche ich herauszufinden, wie die zuständigen Ansprechpartner bei Apple und Amazon heissen. Und wie man sie an einem Freitagnachmittag erreichen könnte. Denn ich möchte versuchen – ahnend, dass ich damit scheitern werde –, diesen Giganten der digitalen Welt von einem grossen Wunder im kleinen Österreich zu erzählen. Und sie dazu zu bewegen, ihren Teil dazu beizutragen. Das kostet die Konzerne eventuell ein paar Euro, bringt dafür aber jede Menge Aufmerksamkeit. Und Respekt.

Es ist so: vor ein paar Tagen wurde ein junger Mann bei uns im Büro vorstellig. Ein Künstler, der eine Idee hatte. Wie wäre es, dem lauten Getöse und Getriebe des Alltags und dem lärmenden Hickhack der Politik und Medien etwas entgegenzusetzen? Und zwar gezielt in der akuten Frage der Flüchtlichtlingswelle und des beschämenden Umgangs damit. Der Mann heisst Raoul Haspel, sein Vorschlag ist mittlerweile auf Platz eins der Download-Charts gelandet. Und wird wohl bald auch, dazu muss man kein Wahrsager sein, die offizielle Ö3 Top 40-Hitparade erobern.

Zu hören ist – nichts. „Schweigeminute (Traiskirchen)“ ist kein Song, der Robin Schulz, Sido oder Helene Fischer Konkurrenz machen will. Er zwingt uns nur zu einem kurzen, irritierenden Moment des Nachdenkens. Nebeneffekt: die Einnahmen aus dem Download der Sechzig Sekunden-Stille gehen an Organisationen, die im Flüchtlingslager Traiskirchen mehr bewirken können und wollen als der träge Staatsapparat Österreichs.

Das Echo war – und, ja, ich gebe zu, als Medien-Profi und Labelbetreiber hat mich das auch überwältigt – enorm. Von der „ZiB“ bis zur „Zeit“, vom „Spiegel“ bis zur „FAZ“, von der BBC bis zu “Le Monde” gab und gibt es breite Berichterstattung. Natürlich tauchten auch gleich kritische Stimmen („Eigenwerbung!“) und wissende Spötter auf, die meinten, Raoul Haspel hätte seine Idee bei John Cage („4’33“), der Schweizer Caritas oder sonstwem geklaut. Es gibt aber kein Copyright auf Schweigen, wie lang es immer dauern mag. Und die digitale Moderne mit ihren ultrakurzen “Click/Like/Share/Buy”-Um- und Durchsetzungs-Halbzeiten ist ein wunderbarer Durchlauferhitzer für positiven Aktionismus dieser Bauart…

Pardon, grad’ läutet das Telefon! Ich hoffe, die Corporate Social Responsibility-Abteilung von Amazon oder Apple ist dran. Wir hören uns (nicht).


Aus-Zeit

14. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (324) Reflexion, Baby! Warum Abschalten oft mehr bringt als Hochaktivität – jedenfalls dem non-maschinellen Wesen Mensch.

Lem Memoiren

„The future’s so bright I gotta wear shades“ sangen einst die US-Country-Rocker Timbuk 3. Freilich war das eher skeptisch gemeint denn zukunftsgläubig. Jedenfalls rutscht mir der Satz immer ins Gedächtnis, wenn ich – wie jetzt gerade – im Freibad im nördlichen Niederösterreich herumliege und mit der Seele baumle. Jack Nicholson-like mit schwarzer Ray Ban-Sonnenbrille vor den Augen, die Sonne brennt gnadenlos.

Und die Lektüre ist keine allzu leichte. Stanislaw Lems „Memoiren, gefunden in der Badewanne“ habe ich zuletzt in der Pubertät verschlungen – ohne damals zu verstehen, worauf der polnische Science Fiction-Philosoph hinauswollte. Das Buch nochmals aus dem Regal des Feriendomizils hervorzuholen, macht jedenfalls anno 2015 doppelt Sinn. Und, wie fast immer bei Lem, auch mächtig Spaß.

Denn die bereits 1961 verfassten „Memoiren“ (eigentlich: „Aufzeichnungen eines Menschen des Neogen“) lesen sich wie eine prophetische Zustandsbeschreibung der Jetzt-Zeit. Rezensenten etikettieren das Buch wahlweise als „satirische Farce“, „surrealistische Anti-Utopie” oder „eine Schmähschrift auf die absolute Bürokratie und den totalen Polizeistaat, in dem alles und jeder gelenkt, einem geheimen Zweck untergeordnet und von Spitzeln überwacht wird.“ (so Lems deutscher Verlag Suhrkamp). Dass die Geschichte in einem Land namens „Ammer-Ku“ spielt – ein kaum verhohlener Fingerzeig auf die USA – ist so trefflich wie nebensächlich.

„Was dort das stets am Leib getragene Dechiffriergerät, ist hier das permanent Informationen ein- und auslesende und umwandelnde iPhone“, resümierte die Neue Zürcher Zeitung. „Was im Roman das Monster einer papierlastigen Bürokratie, sind heute aus dem Netzverkehr zusammengesaugte Riesenarchive und digitale Datenbunker – die nicht nur, wie wir inzwischen wissen, von Milliardensummen, sondern vor allem von einer universalen Paranoia des Verdachts gespeist werden.“

Man tut gut daran, bisweilen das Smartphone auszuschalten, den Alltag abzuschalten und in das Reich vergilbter Zukunftsprognosen und gewitzter Anti-Utopien abzutauchen. Reflexion, Baby! Jede Denkmöglichkeit ist in Big Data-Land längst Realität. Die Science Fiction-Elite von damals – jedenfalls ihre hervorragendsten Vertreter wie Lem, Philip K. Dick oder J. G. Ballard – wusste so einiges über den Pappenheimer Mensch. Und, nein, es ist kein Stilbruch, sich die Lektüre auf den E-Book-Reader runterzuladen. NSA & Co. lesen auch im Urlaub gerne mit.


Schutzengel an Bord

9. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (323) Mit „OnStar“ setzt Opel auf die smarte Verbindung von maschineller und menschlicher Intelligenz.

Opel OnStar

Ich blätterte die aktuelle Ausgabe der „AutoRevue“ durch, bekanntermassen die eleganteste Fachzeitschrift der Motorwelt, und stolperte über einen Satz. Eigentlich war es nur eine Bildunterschrift. „Worauf es mittlerweile bei Autos sehr ankommt“, stand da zu lesen, „ist ein gewaltiger Bildschirm und die dort spielbaren Möglichkeiten der Informationstechnologie.“ Soweit, so banal. Erst recht im Vergleich mit den zukunftsdeuterischen Informationen und grenzphilosophischen Kommentaren im Rest des Hefts.

Aber die knappe pragmatische Erkenntnis trifft den Nagel auf den Kopf. Jedenfalls dachte ich das still bei mir, als General Motors Austria dieser Tage den neuen Opel Astra vorstellte. Man konnte das Auto – für den Hersteller ein wichtiges Volumen-Modell, in der hiesigen Zulassungsstatistik Nummer 2 in seiner Klasse gleich hinter dem VW Golf – noch nicht fahren. Nur anschauen. Und mit dem Design-Chef, dem Connectivity-Experten und den lokalen Spitzenmanagern plaudern.

Nun: zum Design kann man nur gratulieren, zum generellen Opel-Aufschwung – die Marke setzt nach ihrer existenzbedrohlichen Krise inzwischen sehr auf Dynamik und Lifestyle – dito. Was mich interessierte, war „OnStar“. Ein System, mit dem man einen markanten Vorsprung zu sonstigen Brot- & Butter-Herstellern herstellen will. Der neue Astra hat es als erstes europäisches GM-Modell vom Start weg an Bord.

Kurzgesagt handelt es sich bei „OnStar“ um einen automatisierten Notruf mit zusätzlichen Kompetenzen. Die computerisierte Intelligenz des Fahrzeugs wird genutzt, um etwa im Fall eines Verkehrsunfalls selbsttätig Kontakt mit der Opel-Europazentrale in Luton (Grossbritannien) aufzunehmen. Wesentlich ist, dass dort keine Schaltkreise tätig werden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Da in jedem Astra in Zukunft auch serienmässig eine SIM-Card verbaut ist, klingeln die „OnStar“-Engel durch, ob man etwas tun könne und, wenn ja, was. Im Extremfall verständigen sie Rettung und Polizei. Man kann die netten Damen und Herren – bis dato sind es 56 Callcenter-Cracks – per Knopfdruck aber auch nach dem Reifendruck fragen. Oder nach der nächsten Tankstelle.

Eine interessante Perspektive. Denn Opel wird sich solch ein Service nicht aus Jux leisten. Apple Car Play und Android Auto – um die kommenden Connectivity-Systeme beim Namen zu nennen – hat (bald) jeder. Den elektronische Schutzengel „eCall“ sowieso, weil demnächst EU-Pflicht. Den persönlichen Butler hätte ich aber eher in der Luxusklasse vermutet.


Überraschungseffekt

1. August 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (322) Muss es immer ein Apple iPhone sein? Die Antwort darauf fällt überraschend eindeutig aus.

lg-leon-lte

Im Urlaub tat mein iPhone plötzlich keinen Mucks mehr. Es liess sich nicht mehr laden, nicht mehr starten, kurzum: nicht mehr sinnvoll nutzen.

Nun besitze ich noch ein Modell – unter Insidern: ein 4S –, das Lifestyle-Aposteln und Gadget-Freaks wahrscheinlich längst als obskures Museumsstück erscheint. Es ist aber keine vier Jahre alt, äusserlich noch gut in Schuss und hat mir bislang treue Dienste geleistet. Ob sich die Reparatur des Teils noch lohnt – wahrscheinlich ist ja nur der Akku ex –, werde ich wohl in Kürze wissen. Ich frage da inzwischen doch lieber den verschmitzt lächelnden Shopbetreiber ums Eck als den offiziellen Apple-Service, der für Routine-Handlangungen ungeniert Apothekenpreise verrechnet.

Um die Zeit zu überbrücken, wo mir das Gerät nicht zur Verfügung steht, habe ich ein Ersatzhandy erstanden. Ja, ich gestehe: ein Billig-Teil mit Android-Betriebssystem (Version 5.0.1 „Lollipop“) namens LG Leon. Das Ding sieht zwar klar weniger wertig aus als ein iPhone (doch keinesfalls unedel), kostet aber auch tatsächlich nur einen Bruchteil des Prestige-Bombers. Keine 130 Euro nämlich.

Was mich nun echt überrascht hat – man merkt meine Marktferne und Interessenlosigkeit, was den ewigen Strom neuer und neuester Handy-Marken und -Modelle betrifft –, war die Qualität des LG. Und die Ausgereiftheit von Android (die man als Apple-Jünger ja gern ungeschaut leugnet). Das Mobiltelefon kann alles, was man braucht und auch alles darüber hinaus, was man längst gewohnt ist von Smartphones. Das Display ist ausreichend hell und scharf, die Bedienung flüssig, die Kamera passabel. Die Sprachqualität ist besser als beim alten 4S. Das Leon beherrscht auch LTE, und, ja, es ist ein wahrer Segen, auf Standard-Netzteile (Micro-USB) und einen Slot für SD-Erweiterungskarten (Apple, schau oba!) zugreifen zu können. Mit den 8 Gigabyte On Board-Speicher kommt man klarerweise nicht weit.

Das ist übrigens der Grund, warum ich das betagte iPhone nochmals zum Leben erwecken will: die darin fix verbauten 64 Gigabyte Speicher haben damals richtig Geld gekostet. Vielleicht reichts ja noch zur Zweitkarriere als überqualifizierter iPod. Denn ich überlege ernsthaft, das LG Leon als Erstgerät zu behalten.

Eventuell sollte man öfter konservative Komfortzonen verlassen und neue Hard- und Software testen? Den Sparstrumpf freut’s wohl. Ich geh’ jetzt und werf’ mal einen Blick auf das neue Windows 10. Oder gar Linux als ewige Alternative.


Einmal Ausschalten, bitte!

26. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (321) Autos können – als rollende Computer – mittlerweile fast alles. Sie überfordern damit viele.

Navi

Letztes Wochenende hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Es begann, wie viele Denkwürdigkeiten, ganz harmlos.

Der Freund der Mutter meiner Freundin bat mich, ihm das Navigationssystem seines neu erstandenen Autos zu erklären. Die Marke tut nichts zur Sache, Navis gleichen einander in Sachen Bedienungsführung ja weitgehend. Dachte ich jedenfalls. Denn kaum hatten wir ein paar Runden um den Häuserblock gedreht und ich meinem staunenden Beifahrer klargemacht, dass er die trotz lieblicher Frauenstimme absolut herrischen Ansagen („In vierhundert Metern scharf rechts!“) jederzeit „overrulen“ könne, ertönte seinerseits die unschuldige Frage: „Und wie kann ich das Ding jetzt wieder ausschalten?

Ich gestehe: ich habe eine Viertelstunde gebraucht, das herauszufinden. Denn auf meinem Uralt-Navi in meinem Uralt-Van drücke ich dazu nur einen Knopf. Hier aber versteckte sich die absolut essentielle Funktion der Instant-Mundtotmachung geschwätziger elektronischer Helferlein in einem Unter-Unter-Menü eines Untermenüs. Natürlich hätte ich auch kurz in der Bedienungsanleitung nachlesen können – die, zweiteilig, dem On Board-Infotainmentsystem gleichviele Seiten widmet wie dem restlichen Fahrzeug –, aber das erschien mir dann doch zu demütigend. Wo doch so viel die Red’ ist von „Usability“, selbsterklärenden Funktionen und quasi ultimativer Trottel-Sicherheit.

Nun sind heutzutage Autos mobile Computer, ständig mit dem World Wide Web verbunden und demnächst auch für unser Leben letztverantwortlich („eCall“) – aber die Komplexität der Systeme überfordert viele. Gelegentlich auch „Maschinenraum“-Schreiberlinge. Ich bin ja gerade in der glutheissen Toskana unterwegs, mit einem riesigen Opel Vivaro Tourer (eigentlich steckt ein Renault unter der Blechhaut, erklärte mir ein mitreisender Auskenner).

Ein höchst praktisches, effizientes und erstaunlich bequemes Fahrzeug, sag’ ich Ihnen. Nur: bis heute bin ich nicht draufgekommen, warum man immerzu das Reiseziel neu ins Navi eingeben muss, wenn man zwischendurch mal das Radio bedient oder die Audio-Einstellungen ändert… Derlei lästige Details können einem die Pracht und Herrlichkeit der übrigen Technik doch ein wenig vermiesen. Wahrscheinlich liegt der Fehler eh bei mir, Irren ist ja bekanntlich menschlich. Dafür hat Opel übrigens gerade „OnStar“ erfunden, den „persönlichen Online- und Service-Assistenten“. Den ruf’ ich demnächst an. Und erzähl’ Ihnen dann, was er mir unter Experten so geflüstert hat.


Last Man Standing

19. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (320) MP3, das Format, das die digitale Musikrevolution beflügelte, ist zwanzig Jahre alt. Und sieht immer noch einigermassen frisch aus.

MP3

Da kann Neil Young noch soviel wettern und zetern: er wird den digitalen Geist im gegenwärtigen Musik-Business nicht mehr in die Flasche zurückzwingen.

Ganz unrecht hat die knorrige Rock’n’Roll-Legende ja nicht, wenn sie von „the worst quality in the history of broadcasting or any other form of distribution“ spricht, also dem Status Quo der vielen Download- und Streaming-Services, die die CD dennoch längst alt aussehen lassen. Youngs Fazit: er zieht sein Ouevre von Spotify, Apple Music, Deezer & Co. ab. Spötter meinen ja, der „Heart of Gold“-Schöpfer höre selbst wohl nicht mehr richtig – denn nur wenigen Feingeistern gelingt es, den Unterschied zwischen 320kbit-MP3-Files und höherwertigen Quellen präzise zu orten – und er wolle wohl den von ihm mit entwickelten „Pono“-Player promoten.

Wie immer auch: die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Streaming ist auf dem Vormarsch. Quasi unaufhaltbar. In diesem Zusammenhang registriert man mit Erstaunen, dass das dafür wesentliche Audio-Format – MP3 – mittlerweile den zwanzigsten Geburtstag feiert. Es war ausnahmsweise nicht Silicon Valley, wo die Audio-Revolution seinen Ausgang nahm, sondern eine Arbeitsgruppe am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen in Deutschland unter der Leitung von Prof. Karlheinz Brandenburg. Was man im Sinn hatte, war eine brauchbare Audio-Qualität bei der Übermittlung digitalisierter Töne via Internet. Was nach jahrelanger Tüftelei herauskam, hatte für Musikbranche die „Sprengkraft einer Atombombe“, wie es das Avantgardemagazin „de:bug“ beschrieb.

Ich erinnere mich noch haargenau daran, dass ich 1998 in einem „Zeit“-Artikel das Thema erstmals aufgriff – und unter Kollegen (ich arbeitete damals in Hamburg als Manager für die Plattenfirma MCA) nur Hohn und Spott erntete. „Das ist doch nur etwas für Computer-Nerds!“, so der Tenor. „Wie soll so etwas die prächtige, mächtige Musikindustrie gefährden?“

Nun: binnen weniger Jahre ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Zwar gibt es immer noch silbrig glänzende Compact Discs und einen bemerkenswerten Vinyl-Retro-Hype, aber allein der Umstand, dass Apple nochmals einen neuen iPod auflegt, wird schon staunend belächelt. Und Neil Young wird, so meine Prognose, auch nicht auf ewig der “Last Man Standing” inmitten des Mainstreams des Musikvertriebs sein (was sich freilich in verschiedene Richtungen deuten lässt).

Um Audio-Qualität geht es ja bei dieser Diskussion, auch wenn Young und andere Prediger anderes verkünden, eher nicht. Ungelöst sind inmitten des Streaming-Hypes dagegen wesentliche Fragen: wie sollen Künstler/innen in Zukunft gerecht bezahlt werden? Werden sich Fans an Abo-Modelle gewöhnen? Werden Spotify & Co. je profitabel sein? Kann man überhaupt noch von einer Musikindustrie sprechen? (und hätte eine negative Antwort nicht auch positive Implikationen?) Und: wie lange wird es dauern, bis auch das Format-Kürzel MP3 vergessen sein wird?


Funkstation

12. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (319) Wird der Werbespruch „Anstecken und Lossurfen!“ dank LTE österreichweit zur erfreulichen Realität?

T-Mobile Home Net Box

„Hohe Ansprüche. Das verbindet uns.“ Oho! Da spricht mich der Geschäftsführer ja recht direkt an. Und das „im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ von T-Mobile Austria. „Ich will, dass Sie unser LTE-Netz selbst testen.“

Da ist der gute Mann, wie avisiert, hierorts an der richtigen Adresse. Man kann die aktuelle Werbekampagne des zweitgrössten Mobilfunkanbieters des Landes leise belächeln, aber, ehrlich gesagt: mir taugt sie. Denn die offensive Abkehr von der Schneller-Größer-Besser-Formel der Konkurrenz, die sich bei Netztests oft nur in praxisfernen Marginalien niederschlägt, erscheint mir so clever wie notwendig. Und das Angebot, die vierte Generation des Mobilfunks („Long Term Evolution“, kurzum LTE) ohne Risiko auszuprobieren, ist wirklich kundenfreundlich.

Ich habe in diesem Kontext zunächst das Samsung-Smartphone S6 Edge getestet. Und bin nach ein paar Tagen, durchaus zufrieden mit dem eindrucksvollen Stück Technik, auf eine „Home Net Box“ umgestiegen. Hinter dieser Bezeichnung steckt eigentlich ein Huawei E5170 Internet-Router, versehen mit dem Branding des lokalen Providers. Das Modem im annähernd würfelförmigen Plastikteil versteht sich auf alle gängigen Mobilfunk-Technologien, nur die topaktuelle LTE-Variante 6 (LTE Advanced, maximal 300 Mbit/Sek.) fehlt. Dennoch kann die zweiteilige Box – Dock und Router-Modul mit Akku, der das Ding auch mobil macht – eine gute Alternative zu herkömmlichen, leitungsgebundenen Internet-Modems sein. Mit WLAN-n , einem Ethernet-Anschluss und bis zu 32 Geräten, die man solchermassen mit dem World Wide Web vernetzen kann. Es gilt – mit etwas Optimismus – der Werbespruch: Anstecken und Lossurfen!

Nun sind die angekündigten Up- und Downloadgeschwindigkeiten in der Praxis – abhängig vorrangig vom Standort – oft nicht haltbar. Dennoch: ich überlege ernsthaft, ob wir die „Home Net Box“ nicht auch als Zusatzgerät im Büro einsetzen wollen. Zumindest für den Notfall. Denn arbeitstechnisch sind die ständigen Ausfälle der Internet-Verbindung (per Standleitung!) nicht nur ärgerlich, sondern nachgerade geschäftsschädigend. Und am Land gibt es immer noch jede Menge Funklöcher. Ob hier LTE, eventuell in Verbindung mit einem Flatrate-Tarif, einen eleganten Ausweg bietet? Probieren geht über Studieren.

Nun haben aber auch andere Mütter schöne Töchter, und T-Mobile hat kein Monopol auf das LTE-Netz in Österreich. Die Abdeckung erreicht bereits über 90 Prozent, und zwar bei allen Anbietern. Was absehbar wieder eine Preisschlacht begünstigt.

Man könnte sich also auch im Elektronikmarkt nach LTE-Routern umsehen, die für SIM-Cards aller Anbieter offen sind. Und, ja, es gibt sie – von Alcatel über Netgear bis TP-Link. Kostenpunkt: ab ca. 100 Euro aufwärts. Auch den Huawei-Würfel gibt es ohne T-Mobile-Bindung. Jetzt müsste man sich nur noch mit den Daten-Tarifen aller Provider auseinandersetzen. Oder greift gleich zum Rundum-Glücklich-Paket aus einem Haus.


Die vierte Generation

5. Juli 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (318) Ohne LTE geht im heutigen Mobilfunkverkehr nichts mehr. Wäre blöd, drauf zu verzichten.

LTE-4G

Das Dasein als Kolumnist ist ein gefährliches. Gelegentlich bricht man sich Hals & Bein (und das nicht nur sprichwörtlich), wird für ein schärferes Wort verklagt oder gar Opfer eines Shitstorms.

Am lästigsten aber ist – wenn Sie mir diese persönliche Anmerkung gestatten –, ständig nach Tipps, Urteilen und Fehleranalysen gefragt zu werden. „Du, bei meinem Computer geht der Drucker nicht“, zählt beispielsweise zu den Standard-Sätzen, die man als vermeintlicher Technik-Experte ungern zu hören bekommt. „Was soll ich machen?“. Ja, was weiß denn ich!? Die Waschmaschine gibt seltsame Geräusche von sich, der Fernseher hat Aussetzer, der Nachbarssohn braucht ein neues Handy zum günstigsten Tarif… Und das Orakel hat immer Saison. Sorry: ohne mich!

Denn ich bin weder Mechaniker, Ingenieur noch IT-Fachmann. Und schon gar kein Wunderwuzzi, der im ewig undurchschaubaren Tarifdschungel der hiesigen Telekommmunikations-Unternehmen blind den aktuell gültigen Pfad zum allerallerallertiefsten Dumping-Angebot findet.

Österreich ist ja das Land des Mobilfunks. 13,2 Millionen SIM-Karten sind im Umlauf, berichtet das Forum Mobilkommunikation, viereinhalb Millionen Mitbürger surfen via Handy, per Tablet oder am Computer. Das 2014 verbrauchte Datenvolumen betrug 181,71 Millionen Gigabyte. Glücklicherweise fallen die Preise der Provider gefühltermassen etwa so stark, wie der explodierende Bedarf an Bandbreite für Musik- und Video-Streaming, Ortungs-Dienste und Messenger-Services wie WhatsApp anwächst.

Einen Rat kann und will ich Ihnen aber taxfrei geben, sollten Sie sich nach einem neuen Smartphone (eventuell in Verbindung mit einem neuen Anbieter) umsehen: verzichten Sie nicht auf LTE! Es ist die vierte und mit Abstand schnellste Generation der Mobilfunkstandards, und mit Downloadraten bis zu 300 Megabit pro Sekunde ein Muss für die Anforderungen der Gegenwart – außer, Sie verschicken nachwievor SMS-Botschaften (Ihre Kids tun das nicht mehr) und laden alle heiligen Zeiten mal ein Foto hoch. Also sollten ihr Provider und ihr Gerät LTE beherrschen. Und das tun mittlerweile (fast) alle, mit einer Netzabdeckung bis zu 98 Prozent. Ungeachtet jeder „Breitbandmilliarde“, die Regierung und TelKos in die Zukunftstauglichkeit der Datenversorgung zu stecken versprechen.

Apropos Versprechen: „Ich will, dass Sie unser LTE-Netz selbst testen“, spricht uns der T-Mobile-Geschäftsführer Andreas B. in Zeitungsannoncen sympathisch direkt an. Den Gefallen tu ich ihm! Schliesslich werde ich dafür sogar bezahlt.


Märchenstunde

27. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (317) Was kann „Apple Music“, was die Konkurrenz nicht kann? Uns taxfrei rührige Märchen erzählen.

Apple Deal

Sie wollen ein modernes Märchen hören? Gerne doch.

Es geht so: der reichste Konzern der Welt möchte noch mehr Geld verdienen und startet ein neues Service. Es nennt sich „Apple Music“ und fungiert, nomen est omen!, als technische Plattform, die weltweit Musikproduzenten (also Musiker/innen und ihre Labels und Verlage) mit Konsumenten und Fans verbindet. Per Streaming. Was schlichterweise bedeutet, dass es keine Handelsware mehr gibt – nicht einmal mehr schnöde Datenpakete, die dauerhaft gespeichert werden*). Dafür aber ein Abonnement, das Zugriff auf eine schier unschöpfliche Datenbank bietet. Quasi die grösste virtuelle Jukebox der Welt.

Blöderweise gibt es dieses Service schon. Mehrfach. Der Platzhirsch heisst „Spotify“ und erfreut sich auch hierzulande wachsender Beliebtheit. Was wird nun Apple als Konkurrent, der mit Verspätung in den Markt drängt, anders, frischer, besser machen? Kurz gefasst: kaum etwas. Um aber dennoch für Aufhorchen zu sorgen, hatten die Marketing-Experten in Cupertino, USA eine forsche Idee: eine dreimonatige Gratis-Testphase für jedermann, der das Angebot unter die Lupe nehmen möchte. Die Sache hatte einen Haken: nicht nur der Plattform-Betreiber wollte an dieser Aktion nichts verdienen, sondern auch die Lieferanten sollten es nicht. Sie hätten ihre Musik dem Giganten Apple kostenlos zur Verfügung stellen sollen.

Es kam, was kommen musste: ein Aufschrei. Zuerst schreckstarr leise, dann immer lauter. Labels, Vertriebe, Interessensverbände und nicht zuletzt die Urheber erhoben Protest. Apple zeigte sich ungerührt, ja trotzig. Dann aber – und hier gleitet die Story ins Märchenhafte ab – meldete sich Taylor Swift zu Wort. Ein weiblicher Pop-Star, jung, schön, charismatisch. Und mit Millionen Followern auf Facebook und Twitter verbunden. „Wir bitten Sie nicht um kostenlose iPhones“, liess sie Tim Cook und sein Streaming-Team wissen. „Bitte verlangen sie von uns nicht, dass wir unsere Musik ohne Gegenleistung zur Verfügung stellen.“

Die Botschaft wurde erhört. Apple schwenkte plötzlich um. Die gute Fee Swift lobt, pardautz!, den vormaligen Bösewicht nun lautstark. Und lässt ihr neues Album „1989“ exakt hier exklusivSpotify darf sich aus der Ferne grämen, Swift hatte schon vor Monaten ihr Repertoire zurückgezogen – vertreiben.

Mein Instinkt sagt: etwas an dieser Geschichte ist faul. Oberfaul. Aber die Welt will nun mal Märchen hören. Am liebsten per kostenlosem Audio-Stream.

Anm.: *) Apple Music bietet – via iTunes Store – eine “Buy”-Funktion, die dauerhaftes Abspeichern ermöglicht.


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 146 Followern an

%d Bloggern gefällt das: