Archive for Februar, 2004

Gewinner, wo man hinhört

23. Februar 2004

Alle Jahre wieder ein Quell der Verblüffung und (unfreiwilligen) Heiterkeit: der Radio-Test. Fünf Dutzend Privatsender gegen die Phalanx des ORF – es bewegt sich kaum etwas, trotzdem nur frohe Mienen in den Chefetagen. Wie das?

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Es gibt ja kaum eine frappantere, kurzweiligere Lektüre als die Resultate des halbjährlichen Radiotests. Präziser: die Radiotest-Ergebnisse in Kombination mit den nachfolgenden Erläuterungen und Kommentaren der Sender-Geschäftsführer. Denn seltsamerweise gibt es, obwohl die Zahlen – die mit Zielrichtung Werbewirtschaft tunlichst korrekt erhoben werden – oft ganz anderes aussagen, fast nur Sieger, kaum je Verlierer des rituellen Branchen-Kräftemessens.

In der Gewandtheit, ungeachtet schlechter Werte und objektiver Hörerverluste (lassen wir die „statistische Schwankungsbreite“ mal beiseite) das Ergebnis schönzureden, können noch so manche Parteistrategen von den Hörfunk-Cracks lernen.

Im Fachblatt „A3 Boom!“ liest sich das dann etwa so: „Radiotestergebnisse sind rein quantitative Daten und deswegen für uns nie Anlaß, über qualitative Veränderungen nachzudenken – nur ein Narr würde dies tun“, so „Antenne Kärnten“- und „Antenne Steiermark“-Chef Oliver Pokorny. Natürlich ist Pokorny trotz fetter Minuszahlen bei beiden Sendern kein Narr. Sondern „exzellent unterwegs“. Ein Narr, wer anders denkt.

Rührend auch der Ansatz von Radio Wien-Landesdirektorin Brigitte Wolf, das Abstinken ihres Senders gegen „Radio Arabella“ umzudeuten. „Nun, der Radiomarkt in Wien ist ein echter Markt. Ein von Profis umkämpfter Markt.“, so die etwas überraschende Erkenntnis. „Und nichts wäre verlockender, als in solch einem Markt Qualitätskompromisse zu machen. Damit macht man leicht Quote. Das ist aber mit mir nicht zu machen.“ Ah ja. Der öffentlich-rechtliche Spagat, diesmal andersrum. So kann man Ö3 natürlich auch vor Kannibalisierung schützen.

Bei „Antenne Wien“ und „Antenne Salzburg“ hat man gegen den mächtigen Konkurrenten sowieso eine absolute Überidee „konsequent weiterentwickelt“ und „weiterhin verschärft“: das penetrante Abnudeln und Abdudeln von „Superoldies und Tophits von heute“. Mich überrascht, daß Geschäftsführerin Corinna Piller dafür keinen Innovationspreis einfordert, aber das wäre angesichts eines konsequent weiterentwickelten und weiterhin verschärften Hörer-Minus wohl doch etwas tolldreist.

Energy 104,2 – eher auf der Gewinnerstraße unterwegs – schaltet hingegen Anzeigen, wo man knallig herausstreicht, die „Nr.1 in der werberelvanten Zielgruppe 14-49“ zu sein. Leider vergißt man dabei Ö3 & Co. auch nur zu erwähnen. Und so weiter und so fort.

Muß man, wenn man Ultrakurzwellen aussendet, selbst verstrahlt sein? Ja, meint der „Humorfacharbeiter“ Dietmar Wischmeyer, der lange selbst in der deutschen Radiolandschaft unterwegs war – und zwecks Dekontamination einen überaus trefflichen Beitrag über die „Geschichte des Privatradios“ verfasst hat. Zu finden hier.

Keine Sorge, Mister Pokorny: die Öffentlich-Rechtlichen bekommen dort auch ihr Fett ab. Und womit? Mit Recht.

Fehlt nur noch, daß die Propheten des Formatradios bei FM4 einreiten. Aber angeblich hat Mike Haas – einer der Pioniere der Verelendung der deutschsprachigen Radiokultur – bei den letztjährigen Münchner Medientagen den Jugendsender schon über den grünen Klee gelobt. Der Mann spürt wohl, daß selbst die kritiklosesten Nachbeter seiner Kommerz-Klischee-Bibel schon Überdruß- und Ablaß-Erscheinungen zeigen. Wird Zeit, ein neues Lehrbuch zu schreiben. Das kann man dann sicher gegen teures Geld den – ratlosen, aber natürlich unglaublich dynamischen, wortgewandten und beim nächsten Radiotest mit absoluter Sicherheit erfolgreichen – Machern in den Chefetagen andrehen.

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Das Ende der Stein-Zeit

23. Februar 2004

Showdown in den Chefetagen der Musikindustrie. Her mit den Enthüllungs-Biographien von Stein, Renner & Co.!

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„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ lautet ein alter chinesischer Spruch. Wohlgemerkt: es handelt sich keineswegs um einen frommen Wunsch, mit dem man Freunde zu bedenken pflegt. Im Gegenteil. „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ gilt als Fluch.

Nun: wir leben in interessanten Zeiten. Zweifelsohne. Kollegen, die in jenen Branchen tätig sind, denen die Aufmerksamkeit von „Sound & Media“ gilt, wissen davon ein Lied zu singen. Egal, ob Klagelied, lethargisches Mantra oder Spottgesang – es ist im Regelfall in Moll gestimmt. Nicht wenige retten sich in Zynismus (Wer hat nicht gerade das „Ich bin in der Musikindustrie – holt mich hier raus!“-Scherzkeks-File in seinem Outlook-Eingangsfach vorgefunden?). Viele geben auf. Freiwillig oder gezwungenermaßen.

Womit wir beim Thema wären. Die spannenden Zeiten resultieren schlichtweg aus dem größten Umbruch der letzten fünf Jahrzehnte. Seit Thomas Alva Edison den Phonographen erfand, hat die Musikindustrie einige Aufs und Abs erlebt, meist eng verbunden mit technologischen Entwicklungen (nebstbei, ein Fingerzeig auf ein neu erschienenes, ausgezeichnetes Kompendium aus heimischen Landen: Peter Tschmuck, „Kreativität und Innovation in der Musikindustrie“, Studien Verlag). Der Umstieg von analogen auf digitale Formate ab Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bedeutete aber einen Paradigmenwechsel, dessen Folgen damals noch nicht abzusehen waren. Heute erschüttern sie eine ganze Industrie. Die Revolution frißt nicht ihre Kinder. Sondern ihre Väter.

Lange, L.A.Reid, Schenk, Renner, Stein… Es geht Schlag auf Schlag. Showdown in der obersten Etage. Bezeichnenderweise sind es die Personalien, die in dieser Branche als besonders heißer Scheiß gehandelt werden, weniger jene Meldungen, die für wirkliches Aufhorchen sorgen sollten („Apple fährt mit dem iPod das beste Ergebnis seit langem ein“, „Nokia plant eigenes Musiklabel“, „HP schließt Allianz mit Apple“ usw.usf.) Verständlich – „It’s a people’s business“, und das ist in der Regel keine Leerformel. Dennoch schimmert bei all den Personalentscheidungen eines durch: die Zeit der Glanz und Gloria versprühenden Musikmagnaten, Impresarios und Pop-Potentaten ist vorbei. Sie sind bzw. waren zu teuer, zu unflexibel, zu eitel, zu konservativ, zu unsympathisch, zu fixiert auf jene Insignien, die das Business der letzten Jahrzehnte ausgemacht haben. Schluß mit lustig. Jetzt haben Investoren, Controller und Ex-Kollegen eine Münze (ein)geworfen und spielen das Lied vom Tod.

Wie immer auch: wir müssen uns keine Sorgen um Udo Lange, Tim Renner oder Thomas Stein machen. Der eine wird eine Zeitlang damit beschäftigt sein, seine Vermögenswerte zu sortieren. Den anderen zieht es unter dem großen, weiten Bertelsmann-Dach zu RTL. Der dritte wiederum, Renner, mag sich in der Politik wiederfinden, oder bei der Telekom, bei Apple oder, pardautz!, an der Spitze von BMG-Sony. Wir dürfen gespannt sein. Erst recht, wer nachfolgt. Möglicherweise kommen jetzt ja die „Bettnässer“ (Copyright T. Stein) ans Ruder. Möglicherweise aber auch Leute, die das Geschäft vollkommen neu denken, lenken und formen. Das Ende der Stein-Zeit war absehbar.

Dennoch: die Häme, die man jetzt dem DSDS-Juror hinterherschleudert, war ebenso absehbar, wie sie ungerecht ist. Denn eines muß man den genannten Ex-Führungskräften lassen: es waren Macher mit Ecken, Kanten, Selbstbewußtsein und Initiativkraft. Respekt, noch im Nachhinein. Natürlich stand ein Thomas M.Stein für andere Werte und einen anderen Stil als ein Tim Renner (der es wiederum nicht notwendig hätte, daß solch peinliche Huldigungs-Artikel erscheinen wie die Hagiographie in „Spiegel online“. „Als hätte man den Jesus Christus der Musikbranche ans Kreuz geschlagen!“, lästerte man andernorts – zurecht). In der persönlichen Begegnung waren und sind beide aber mehr als interessante Gesprächspartner, und ihre Meriten und Positionen waren keine Zufallsprodukte oder Ergebnisse einer sie begünstigenden Konzern-Innenpolitik. Im Gegenteil.

Biographische Werke von „Onkel Stein“ oder dem Ex-Journalisten Renner über die Vorgänge und Hintergründe der Branche („DSDS – der Triumph, der gleichzeitig der Killer war“, „Rammstein, Apocalyptica & Co. – wollt ihr den totalen, lokalen A&R-Krieg?“…) wären jedenfalls aufschlußreicher und kurzweiliger als die launigen Erinnerungen eines Dieter Bohlen. Da wage ich jede Wette. Falls ein Ghostwriter gesucht wird – stehe gerne zur Verfügung. Man kann ja mittlerweile mit dem Schreiben über die Fisematenzen und Kalamitäten der Branche mehr Geld verdienen als in der Branche selbst.

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