Gut. Böse. Jenseits!

20. September 2007

Eine Compilation ist eine Compilation ist eine Compilation. Oder etwa doch nicht? Die “Falter”-CD zum 30-Jahre-Jubelmonat der Wiener Stadtzeitung zeigt, daß es auch anders geht.

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Wenn ich daran denke, daß mich diese Gazette nun schon ein halbes Leben lang begleitet, werd’ ich auf meine alten Tage eventuell noch sentimental. Tatsächlich ist der “Falter”, der nun seinen dreissigsten Geburtstag feiert, nicht nur eine Stadtzeitung mit umfangreichem Terminkalender und hohem Gebrauchswert. Das Blatt ist innerhalb der österreichischen Presselandschaft längst zum unverzichtbaren Politik-, Meinungs- und Kultur-Additivum – ja: Korrektiv! – gereift. So wie sich Wien seit 1977 sehr positiv entwickelt hat – von einer Stadt, die in den grauen Siebzigern noch dem Ostblock sehr nahe war, nicht nur räumlich, hin zu einer modernen, weltoffenen Metropole – haben autonome, selbstbewusste, leidenschaftsgetriebene Unternehmungen wie der “Falter” mitgeholfen, verkrustete Medien- und Denkstrukturen aufzubrechen. Oder zumindest zu konterkarieren. Der Satz des “Falter”-Herausgebers Armin Thurnher, der lange Jahre den Schluß jeder seiner Kolumnen zierte – “Im übrigen bin ich der Meinung, die Mediaprint muß zerschlagen werden” –, ist längst Legende. Heute muß der Mediamil-Komplex zerschlagen werden. Und ich wette, Hans Dichand hat noch kein einziges Mal darüber gelacht.

Auch die heimische Musikszene sähe ärmer aus, gäbe es Produkte wie den “Falter” nicht. Gewiss, es existieren höchst löbliche Fachmagazine (das frisch renovierte “TBA” etwa nimmt sich sehr brauchbar aus, “Now!” erweiterte jüngst seine Website, “Indie” & Co. glänzen feist und werden gegen den Trend dicker und dicker), aber die Berichterstattung zu Populärkulturthemen jenseits von Fendrich und Ötzi ist weithin Brachland. Und diesseits ziemlich in Beschlag der Regenbogen-Boulevard-Meute. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Eine der verlässlichsten und beständigsten Ausnahmen war und ist der “Falter”. Egal, ob ein Eberhard Forcher Anfang der achtziger Jahre vom “Wiener Blutrausch” mit Drahdiwaberl, Chuzpe, Minisex et al berichtete und damit erstmals hiesige Spurenelemente von Punk und New Wave erahnen liess, oder ob später kompetente und neugierige Nasen wie Chris Duller, Thomas Schaller, Thomas Miessgang, Fritz Ostermayer, Christof Kurzmann, Walter Pontis, Doris Knecht, Wolfgang Kralicek oder Klaus Nüchtern die Szene durchforsteten (und zwar in der ganzen Bandbreite, von Georg Danzer über Radian bis Franz Koglmann) – hier geriet das Prädikat “Begleitmedium” zum Adelstitel. Mit dem nach Großbritannien exilierten Robert Rotifer hat man überhaupt den besten Musikjournalisten Österreichs regelmässig im Blatt. Und dann wäre da noch die aktuelle Redakteursriege, von Sebastian Fasthuber bis Gerhard Stöger.

Letzterer, übrigens auch mit einer engagierten Kolumne (“Musik aus Österreich”) im “Datum” aktiv, zeichnet für das subjektiv erfreulichste Geburtstagsgeschenk verantwortlich. In eigener Sache, quasi. Eine CD-Compilation namens “Gut. Böse. Jenseits!” nämlich, mit dem trefflichen Untertitel “30 Jahre Falter – 30 Jahre Musik aus Wien”. Daß es sich dabei nicht um einen der üblichen, rasch und lieblos zusammengepappten Fliessband-Kommerz-Sampler handelt, wird einem klar, sobald man das Ding in Händen hält. Da steckt Sachkenntnis, Sammelwut und Forscherdrang dahinter. Und ein nicht unbeträchtlicher Aufwand. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich schreibe: ähnlich gestrickte Compilations wie die notorische “Flieger”-Reihe Mitte der neunziger Jahre oder das tönende Raritätenkabinett “Austria Curiosa”, an denen ich nicht unschuldig war, kosteten ob des Recherche-Aufwands und der Klärung der oft diffusen Rechtslage Herzblut, Schweiss und Tränen. Daß es auch anders geht, habe ich dann später in Hamburg kennengelernt, wo die “Bravo”-Sampler zusammen-geschraubt wurden und millionenfach ihr Publikum fanden.

“Gut. Böse. Jenseits!” wird diese Zahlen nicht erreichen, wage ich zu prognostizieren. Aber die Doppel-CD sollte, nein: muß sich auf der Weihnachts-Wunschliste jedes Musikinteressierten im näheren Umkreis finden. Sie ist wie ein Mix-Tape an einen Freund. Stöger lässt Revue passieren, was Rang und Namen hatte (und hat) in der Pop-Historie dieser Stadt. Was es bis zur Weltberühmtheit in Wien schaffte. Und gelegentlich auch darüber hinaus. Falco, Kruder & Dorfmeister, Sofa Surfers, Fennesz, Gustav, DSL – Fixstarter in der internationalen Liga. Monoton, Edek Bartz, Graf Hadik, Der Scheitel, Die Mäuse, Sluts’n’Strings & 909 – alte Bekannte, längst in die Obskurität abgetaucht und neu zu entdecken. Und daß mit “Niemand hilft mir” von Ronnie Urini und den Letzten Poeten einmal mehr der schärfste, glaubwürdigste und verzweifeltste Rock’n’Roll-Hadern der Austro-Pop-Historie ausgegraben wurde, lässt nicht nur den ewigen Cyberpunk Urini alias Ronald Iraschek frohlocken.

Natürlich kann man derlei, bei allem Seltenheitswert, heutzutage alles irgendwo und irgendwie aus dem Wehwehweh runterladen. Gratis dazu. Aber, meine Damen und Herren: dann entwerten Sie, so pathetisch das klingen mag, ihre eigene Vergangenheit. Und honorieren nicht die Urinis und Stögers und “Falter” dieser Welt. Abgesehen davon, daß Sie um das informative, kurzweilige, unbedingt notwendige Booklet zu “Gut. Böse. Jenseits!” umfallen. Und das wäre doch ziemlich schade.

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