Da capo al fine

1. Januar 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (392) Der Anlauf, der Oper eine Zukunft zu geben, möge doch bitte ohne pseudoprogressives Wortgeklingel auskommen.

Zuschauerraum der  Wiener Hofoper

Oper geht mir – und ich stehe wohl eher nicht unter dem Generalverdacht der Musik- und Kulturferne – am Allerwertesten vorbei.

Nun: eine Aussage wie diese wird in der „Presse“, einem der österreichischen Zentralorgane des Bildungsbürgertums, nicht ohne Widerspruch bleiben. Aber ich sage Ihnen gerne, warum ich mit dem Genre (und, damit einhergehend, fast mit dem gesamten Fundus klassischer Musik) wenig bis nichts anzufangen weiß: das Verhältnis von Aufwand und Wirkung ist von bestürzend negativer Dramatik.

Freilich ist ein mächtiger Klangkörper wie jener der Wiener Philharmoniker per se beeindruckend – und ich achte auch jeden echten Kenner und Liebhaber retrospektiver Kulturentwürfe. Im 21. Jahrhundert ist jedoch der mit Millionen an Subventionsgeldern festgemauerte heilige Gral der Hochkultur weithin zum gesellschaftlichen Distinktions-Schaulaufen, pompösen Touristenspektakel und leicht miefig riechenden Ritual verkommen. Mit dem Hier und Heute hat es kaum etwas zu tun. Insofern kann mir, pardon!, auch das Neujahrskonzert gestohlen bleiben.

Was haben solch apodiktische Geschmacksurteile aber in einer Technikkolumne verloren? Sie haben mit jener kulturpolitischen Entscheidung zu tun, die knapp vor Weihnachten für Aufhorchen und Schlagzeilen sorgte: die Neubesetzung der Direktion der Wiener Staatsoper ab September 2020. Eine „Oper 4.0“ wurde in diesem Kontext in Aussicht gestellt – oho! Ob der kecken Ansage, getätigt vom Kulturminister, müssten ja – sofern es sich nicht um reines Wortgeklingel handelt – gleich zwei Evolutionsstufen übersprungen werden. Und das in einem Umfeld, das sich gemeinhin halsstarriger und strukturkonservativer kaum denken lässt.

Selbstverständlich wurde bei der Vorstellung des Operndirektors 4.0 auch alles an Schlagwörtern beschworen, was Fortschrittlichkeit, Aufbruchsstimmung und eine neue Radikalität des Denkens suggeriert – von der „größten Materialschlacht der Welt“ (in Konkurrenz mit der TV-Serie „Breaking Bad“?) bis zur zwingenden Vernetzung mit digitalen Plattformen. Was fehlte: Virtual Reality! Ernsthaft.

Aber gibt es derlei – teils groteske – Modernisierungsversuche und Marketingaktionismen nicht schon längst?  Hat man all die lachhaften Libretti und verzopften Stoffe nicht hundertmal mit routiniert inszeniertem Furor umgekrempelt? Und darf Oper nicht einfach das bleiben, was sie ist: ein erneuerungsresistentes, hermeneutisches Mausoleum des zeitlos „Wahren, Guten, Schönen“? Der Eckpfeiler eines weltumspannenden Business-Perpetuum Mobiles? Ein Mythos, der sich selbst genügt?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: wenn ich höre, dass der Job eines Chefs der wichtigsten Bühne dieses Landes darin besteht, „einer Maschine Kunst abzupressen“, dann unterschreibe ich das als Technik-Kolumnist glatt. Aber der hehre, annähernd pathetische Anspruch ist doch von Zweifel durchsetzt, ob es sich wirklich um eine Maschine handelt. Und Kunst nicht nur ein Vorwand ist. Wenn es Bogdan Roščić – in seiner zukünftigen Paraderolle als Erbe Gustav Mahlers – gelingt, mich nochmals in diesem Leben in das Haus am Ring zu locken und Anna Netrebko & Co. tatsächlich relevant für mein Dasein erscheinen zu lassen, hat er gewonnen.

Glückauf! Leicht wird das nicht.

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2 Antworten to “Da capo al fine”


  1. […] investiert werden soll. Startschuß, Baby! Wer beim Goldrausch 4.0 – heute ist alles 4.0, von der Staatsoper bis zum Bildungsmodell – nicht dabei ist, ist sowieso von […]


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