Scharfmacher

13. Februar 2010

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (47) HDTV, das hochauflösende Fernsehen, löst aktuell mehr Fragen als Glücksgefühle aus.

Vielen Dank auch. Erst unlängst habe ich für meinen Laptop einen der wunderbaren DVB-T-Sticks von Elgato gekauft (man kann damit z.B. Dominic Heinzls Society-Sosse „Chili“ aufzeichnen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu verdauen. In der Online-„TVThek“ findet sich das halböffentlich-rechtliche Reizstück seltsamerweise nicht). Wenige Tage später verkündete der ORF, zur Fußball-WM im Juni starte man mit DVB-T2. Technologisch liegt es auf der Hand: die Qualität von Version eins reicht nicht, um grosse Flachbildschirme wirklich eindrucksvoll zu bespielen. Also muss Version zwei her. Und damit wieder ein neuer Decoder. Immerhin, vermeldete man vom Küniglberg herab, werde man DVB-T „mindestens noch bis 2016“ unterstützen. Solange kann ich also damit warten, den Elgato-Stick wieder wegzuwerfen.

Die zunehmende Komplexität der „Ausspielwege“ von Fernsehprogrammen (Kabel, Satellit, Terrestrik, Web), die damit verbundenen, für den Normalbürger oft unverständlichen Inkompatibilitäten und generell der sanfte Druck, der mit all den neuen Formaten, Qualitäten und Techniken auf den TV-Konsumenten ausgeübt wird, sind nicht wenigen ein Ärgernis. Dem ORF und seinen deutschen Schwesteranstalten ARD und ZDF muss man immerhin zugute halten, dass sie – anders als die Privatsender – vergleichsweise überschaubare Mehrkosten erzeugen und via erforderlichem Gerätepark einfordern.

RTL, Sat1, Vox & Co. dagegen hören die Kassa klingeln. HDTV, das hochauflösende Fernsehen, wird von diesen Anbietern verschlüsselt. Die Plattform „HD+“, auf die man sich gemeinsam mit dem Satellitenbetreiber Astra geeinigt hat, benötigt wieder eigene Receiver und Smartcards. Und kostet zusätzlich Geld. 50 Euro im Jahr – das klingt nicht nach viel. Aber man muss nicht sonderlich scharfsichtig sein, um zu prognostizieren, daß das Geheul trotzdem groß sein wird. Zumal man in deutschen Landen an „Free TV“ gewöhnt ist. In Zukunft ist bei den Privaten halt nur mehr die B-Qualität gratis. Die A-Klasse muß kurioserweise trotz ihres freiwilligen Obolus in Kauf nehmen, daß sie das HD+-Programm nicht unbeschränkt aufnehmen oder gar die Werbung überspringen kann.

Jetzt kauft natürlich – so hoffe ich zumindest – im Jahr 2010 niemand mehr einen TV-Monitor, der nicht „Full HD“-tauglich ist. Und natürlich will man dann alles, wirklich alles auch in hoher Qualität sehen. Ich wette nur, mit solchen Ideen löst man anbieterseitig eher postkapitalistische Zwangsneurosen aus als einen HDTV-Boom.

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4 Antworten to “Scharfmacher”

  1. Gerhard Pascher Says:

    Dear Walter,
    DVB-T2 ist nichts anderes, als dass das hochauflösende HDTV auch terrestrisch übertragen wird. Bisher gab es dies nur über Sat (und anschließend ggfs. auch über Kabel). Der Hauptgrund ist die wesentlich größere Bandbreite, welche bei der Übertragung benötigt wird. Denn da kann man nicht mehr, so wie beim jetzigen DVB-T 4 oder 5 TV-Programme auf einem „alten“ Kanal verbreiten. Um echten HD-Bilder bis zum Empfänger zu bringen, muss immer die ganze Kette (Aufnahme, Sender, Empfangsbox und TV-Gerät) HD-tauglich sein. So werden beim aktuellen ORF1 und 2 vielfach alte Aufnahmen „hochgerechnet“ um etwas näher an eine HD-Qualität zu gelangen. Dies ist aber praktisch nie ganz möglich.
    Ich glaube, dass der ORF bzw. ORS diese DVB-T2-Probesendungen in einigen Monaten auch im Zusammenhang mit der derzeitigen Debatte „Digitale Dividende“ macht, um die bei der analogen Abschaltung frei gewordenen TV-Frequenzen nicht an die Mobilfunker zu verlieren.
    Genau genommen betrifft das terrestrische Fernsehen ohnehin nur mehr eine Minderheit, da die Mehrheit schon über Kabel oder Sat den TV-Bedarf deckt. Und nicht zu vergessen: die Schwarzseher schätzen DVB-T, da dort auch ohne Bezahlung (Entschlüsselungskarte) der ORF-Empfang möglich ist. Wenn ORF/GIS/ORS schlau sind, dann sollten die neuen DVB-T2-Einrichtungen nur mittels Karte funktionierten.
    Und noch etwas: PC/Laptops, welche älter als 4 Jahre sind, können oft das HD-Bild wegen der geringen Rechnerleistung gar nicht richtig empfangen. So muss man auch diese Kasteln wieder austauschen.
    Regards
    Gerhard

  2. Tochter Says:

    Servus TV sendet übrigens in HD und zwar ganz ohne Verschlüsselung :-)

  3. Gerhard Pascher Says:

    Tochter:
    Stimmt, Servus TV und eine Handvoll anderer Kanäle (z.B. Anixe, Arte) senden unverschlüsselt in HD. Leider ist BBC in Österreich nicht mehr zu empfangen, da wir ausserhalb des normalen Ausstrahlungsbereiches liegen. Aber wie schon früher erwähnt, müssen alte Aufnahmen/Filme durch technische „Tricks“ auf HD hochgerechnet werden, was natürlich nicht einer wirklichen HD-Aufnahme gleich kommt.
    In den großen Mediamärkten werden HD-Empfänger sehr oft mit besonders ausgesuchten DVDs vorgeführt und die Leute sind dann zu Hause etwas von der tatsächlich empfangenen Bildqualität etwas überrascht.


  4. […] DAB+, dessen Zukunft auch noch in den Sternen steht (man denke etwa an das Schicksal des ärgerlich kurzlebigen Digital-TV-Standards DVB-T), muss ja nicht die einzige Alternative zum UKW-Dampfradio sein und […]


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