Es stinkt zum Himmel

26. September 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (330) Eine Prognose: der Schock über das VW-„Diesel-Gate“ wird positive Folgen für die Mobilität der Zukunft haben.

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Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über ein innovatives Gadget für den urbanen Raum berichten. Auch der Artikel über den „Smart Home“-Baukasten kreist schon lange in der Warteschlange. Und dann wäre da noch der beste Netzwerk-Audio-Player, der mir bislang untergekommen ist… Aber an einem Thema führt dieser Tage kein Weg vorbei, zumal für einen Technikkolumnisten: am Volkswagen-Skandal.

Mittlerweile hat sich der Versuch des weltgrössten Autokonzerns, die US-Umweltbehörden – und wohl auch ihre europäischen Pendants – mittels manipulativer Software hinters Licht zu führen und gesetzeskonforme Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen vorzuspiegeln, zur „Staatsaffäre“ (Süddeutsche Zeitung) oder gar zum „Abstieg in die Hölle“ (Le Figaro) ausgewachsen. Binnen Tagen fiel die VW-Aktie um zwanzig Prozent, der Wert des Unternehmens solcherhand um 22 Millarden Euro. Über die potentiellen Strafzahlungen und Entschädigungen für klagswütige Kunden wird derzeit nur gemutmasst, sie könnten nochmals dieselbe Summe ausmachen. Oder mehr.

Schlimmer aber wiegt der globale Vertrauensverlust in die Marke. Und in Produkte „made in Germany“ generell. Ein Wirtschaftspsychologe erkannte sogleich eine Kränkung der deutschen Seele sui generis, die Bundesregierung wird der Mitwisserschaft verdächtigt, VW-Chef Winterkorn musste raschest den Hut nehmen. Selbst die mächtigsten Konkurrenten in Übersee haben keinen Grund zu Schadenfreude: das Konzept Automobil selbst – zumindest jenes mit Verbrennungsmotor – steht auf dem Prüfstand. Stichworte: Stickoxid, Klimaschutz, Zukunftstauglichkeit. „Spiegel“-Autor Sascha Lobo ging so weit, eine „digitale Deutung“ des Dieseldebakels vorzunehmen und „Fortschrittsverkennung aus Gier“ anzuprangern.

Die allgemeine Überraschung über das Faktum der systematischen Datenmanipulation und Zahlen-Beschönigung ist aber selbst wieder überraschend. Denn nur die naivsten Gemüter glauben die Angaben, die in den bunten Prospekten der Hersteller nachzulesen sind. Das beginnt beim weltfremden Minimal-Durchschnittsverbrauch und endet bei Emissions-Grenzwerten, die von willfährigen, nicht selten direkt mit der KfZ-Industrie verbandelten Politikern abgenickt werden.

Immerhin: der jetzige Schock kann heilsam sein. Weil die dreckige, nach Diesel stinkende Realität wohl zu einer extrem beschleunigten Realisierung alternativer Mobilitätsentwürfe führen wird.

Eine Antwort to “Es stinkt zum Himmel”


  1. […] Weinskandal in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts könnte ein reinigendes Fanal auch eine ganz neue Denkschule  begründen. Tesla, Uber, Google und Apple alleine werden aber […]


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