Fehlersuche

23. Oktober 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (382) Nutzwert, Baby! willhaben.at, Österreichs größter digitaler Marktplatz, ist (k)ein Überraschungserfolg. Gottseidank.

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Es ist ja nicht unlustig, irgendwie. Einige Kolleginnen und Kollegen der Medienbranche reichen gerade einen Artikel herum, der die Überschrift „What If The Newspaper Industry Made A Colossal Mistake?“ wie eine Monstranz der Erkenntnis vor sich her trägt.

Die Conclusio dieses Artikels lautet, dass die Zukunft von Papiermedien in Papier liege und nicht in Smartphones, iPads und Virtual Reality. Zwar würden immer mehr Käufer der Print-Ausgaben verloren gehen, aber nicht von den Online-Leserzahlen jener Zeitungen und Magazine kompensiert werden. Im Klartext: wer etwa „Die Presse“ nicht mehr liest, aus welchen Gründen auch immer, wechselt auch nicht zu „DiePresse.com“.

No na! Die Kernkompetenz von Holzmedien liegt freilich in Holzmedien. Und dass viele ihrer Web-Äquivalente oft, zu oft eine gewisse Talent- und Visionslosigkeit in punkto Gestaltung, Usability und Grundverständnis elektronischer Medien offenbaren, ist zwar anno 2016 – nach vielen Jahren Lehrgeld – erstaunlich, aber auch einer unternehmerischen Halsstarrigkeit geschuldet. Einer konservativen Denkart, Unlust  und Verzagtheit, die verhindert, dass das Business insgesamt eine Zukunft hat.

Ein Beispiel: „Der Spiegel“ berichtet in seiner vorwöchigen Ausgabe über ein chinesisches Social Media-Phänomen namens Weixin („WeChat“). Es handelt sich um eine Art eierlegende elektronische Wollmilchsau, die viele Funktionen vereint, die hierzulande diverse Apps benötigen. 800 Millionen Menschen in China seien, stand da zu lesen, Weixin regelrecht verfallen. Wohlan!, möchte man den „Spiegel“-Strategen zurufen: warum baut ihr das Ding nicht einfach nach? Und überrollt damit den westlichen Markt? Reverse Engineering hat doch auch die Chinesen ungeniert nach vorne katapultiert!

Man kann mir nicht nachsagen, ich würde Papier nicht wertschätzen. Ich liebe es. Den Geruch, die Haptik, die Druckerschwärze. Wenn man etwas daraus machen will, jenseits öder „Das haben wir immer schon so gemacht“-Routine und „Jetzt sparen wir uns mal zu Tode“-Defensive, ist es ungebrochen ein wunderbares Format. Und eine analoge Zukunftsnische par excellence. Aber es ist absurd, liebe Kolleginnen und Kollegen, auf Facebook (!) regressive Selbstversicherung zu inszenieren, die eine Online-Denkschrift samt Deeplinks und „Share It On Twitter“-Button als Grundlage hat. Die Wahrheit ist doch – und wir kennen sie alle –, dass nur die geschickte Kombination von On- und Offline, die präzise Placierung und Vermarktung journalistischer Inhalte (ich weigere mich, das Wort „Content“ in den Mund zu nehmen) und wechselseitige offensive Offenheit Relevanz und Ertragsstärke garantieren.

Medienmanagement bedeutet stärker denn je, das Zauberwort Querfinanzierung durchzudeklinieren. Und nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange zu verharren. Insofern ist es erfreulich, einer aktuellen Jubelmeldung der Plattform willhaben.at gewahr zu werden, man hätte die 4 Millionen-Anzeigen-Grenze geknackt. Der elektronische Marktplatz – zur Hälfte im Besitz der Styria Media AG (der auch „Die Presse“ gehört) und zur anderen Hälfte des norwegischen Konzerns Schibsted – ist ein Riesenerfolg. Und womit? Mit Recht. Der Nutzwert, die Beliebtheit und Reichweite dieses 2006 gegründeten Portals sind fulminant.

Und wenn solch eine simple Idee – quasi die Kleinanzeigen-Sektion einer Zeitung ins 21. Jahrhundert zu transferieren – mit dazu beiträgt, den Kern eines Medienunternehmens zu stärken und ihren Papier- und (jawohl: und) Webprodukten eine solide Existenzbasis zu verschaffen, soll es uns allen mehr als recht sein.

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