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Antenne Austria

6. November 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (384) Die Umstellung auf DVB-T2 bringt manchen Fernsehkonsumenten ins Grübeln: wofür zahlen wir eigentlich? Und wofür gerne?

dvb-t2

Sehen Sie schwarz? Ende Oktober wurde – vorerst in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland – das Digitalsignal für terrestrischen TV-Empfang („Antennenfernsehen“) zwar nicht abgeschaltet, aber final umgestellt. Vom bis dato gültigen Standard DVB-T auf die nächste Generation, folglich DVB-T2.

Zwar schaut der überwiegende Teil des hiesigen Publikums die „Zeit im Bild“, den „Tatort“ oder die Angebote von ATV, Puls 4 und Servus TV per Kabel, Satellitenantenne oder mittlerweile auch im Internet, aber rund fünf Prozent setzen ungebrochen auf die ursprünglichste Form des Fernsehempfangs – sei es aus Kostengründen, sei es aus Bequemlichkeit. Die für die entsprechende Infrastruktur zuständige Firma ORS (im Besitz von ORF und Raiffeisen) hat jedenfalls unter der Marke simpliTV ein entsprechendes Paketangebot geschaffen.

DVB-T2 bringt, rein technisch betrachtet, einige Vorteile. Die Videokodierung nach dem Standard MPEG 4/H.264 (Deutschland hat sich gleich für das noch fortschrittlichere HEVC/H.265 entschieden) ist – bei geringerem Stromverbrauch – deutlich effizienter als das bislang verwendete Format MPEG-2. Das Bouquet der bis dato frei empfangbaren Programme ist nun in zeitgemässer HD-Bildqualität zu erleben, theoretisch wären auch mehr Sender in das – bis auf die GIS-Gebühren – kostenfreie Basispaket inkludierbar.

Aber hier endet die alte Medienwelt (das analoge Fernsehen ist ja schon komplett Vergangenheit) und die Geschäftsinteressen der neuen werden spürbar.  Damit man nicht weiter ins bildlose Narrenkastl schaut, benötigt man, je nach Alter und Ausstattung des TV-Geräts, eventuell frische CI-Steckkartenmodule oder Receiver. Ein weiteres Kastl im Fernsehschrank? Man zuckt, Kummer gewohnt, mit den Achseln. Und eilt zum Fachhändler oder Elektrogroßmarkt.

Dort ist man erfreut, weil dem Kunden eventuell gleich ein Patschenkino der aktuellen Generation angedient werden kann, das ohne Zusatzinstallationen auskommt. Auch die simpliTV-Berater/innen, die eilfertig mit Formularen winken, weisen nachdrücklich auf die Vorteile eines freiwilligen Abo-Abschlusses hin. Mehr Sender! Mehr Kanäle! Mehr Angebot! Mehr Schärfe! Mehr Bequemlichkeit! Freilich auch: Mehrkosten. Die verbilligten (weil: preislich gestützten) DVB-T2-Receiver sind fast allerorts nicht mehr zu bekommen; die Umstiegskosten fallen ungeniert dem Konsumenten zu.

Nun ist klar, dass die Bereitstellung und der Ausbau der Sender-Infrastruktur sowie Rundum-Information, Service und Marketing einen Batzen Geld verschlingen. All die schlaumeierischen Abo-Offensiven (bei geschickter Vermengung der Eigenmarke und des notwendigen technischen Standards), die Einhebung von Freischaltentgelten, das Kleingeld mit der Verschlüsselung von Programmen und die zunehmende Lückenlosigkeit des GIS-Fangnetzes dürften im Gegenzug doch einiges einbringen. Genug ist aber bekanntlich nie genug.

Mit welchen Argumenten man TV-Konsumenten – DVB-T2 kann theoretisch von rund 90 Prozent der österreichischen Haushalte genutzt werden, in Städten reicht dafür eine simple Zimmerantenne – nachhaltig von der Pflicht zur Kür, sprich: zum freudvollen Wechsel auf DVB-T2, bewegen will (und kann), bleibt offen.

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Hoffnungs-Los

30. April 2016

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (358) Die Maschinen sind intelligenter, die Menschen undurchschaubarer, die Meinungsforscher dümmer geworden. Oder ist es doch eher umgekehrt?

IBM-705

 

Das war das Bild, das Generationen prägte in Sachen Computerei: das ORF-Zentrum an Wahltagen der letzten drei, vier Jahrzehnte des vorigen Jahrtausends, wo im entscheidenden Augenblick – dem der ersten Hochrechnung – in ein externes Rechenzentrum zu Universitätsprofessor Dr. Gerhart Bruckmann umgeschaltet wurde.

Im Hintergrund erblickte man schrankgrosse Geräte, Magnetbänder auf rasend rotierenden und abrupt abstoppenden Spulen und, wenn ich mich recht erinnere, zuweilen geschäftig herumschwirrendes Bedienpersonal im dezenten Wissenschaftler-Outfit. Es herrschte noch tiefe Ehrfurcht vor der Elektronischen Datenverarbeitung (kurz: EDV), die seit dem Aufkommen der ersten Rechenanlagen in den fünfziger Jahren Wunder über Wunder ermöglichte: den Mondflug, datenbasierte Wettervorhersage, die Simulation von Modellen der experimentellen Physik, Medizin, Künstlichen Intelligenz, Computermusik  und vieles mehr.

Am 22. April 1971 fand jedenfalls die erste offizielle computergestützte Hochrechnung bei einer österreichischen Bundespräsidentenwahl statt, nachdem ein Testlauf anno 1965 zufriedenstellend ausgefallen war. Das ORF-Studio, damals noch in der Argentinierstrasse, und das IBM-Rechenzentrum am Donaukanal waren via „Datenfernverarbeitung“ zusammengeschaltet. Professor Bruckmann, der wenige Minuten nach Wahlschluß das Ergebnis mit verblüffender Präzision verkündete, erlangte die Popularität eines Pop-Stars. Und das allein mit den Mitteln der Mathematik und Statistik.

Heute haben sich die Leistungsfähigkeit von Computern und, damit Hand in Hand gehend, die Möglichkeiten der statistischen Mathematik enorm gesteigert. Allein: die Meinungsforschung, die davon besonders profitierte, steht momentan nicht gerade hoch im Kurs. Aus Gründen: bei den letzten Wahlen in unserem Land lag man – einmal mehr – arg daneben, insbesondere bei der ersten Runde der Bundespräsidentenwahl 2016 im April. Und zwar durch die Bank.

Zwar ging es hier um Wahlprognosen und nicht um die sekundenschnelle Auswertung und Berechnung von Gesamt- und Lokalergebnissen, Trends, Wählerströmen  und Schwankungsbreiten. Aber die quasiamtliche Demut vor der vorauseilenden Verkündung das Wahlvolk-Verhaltens wich allseitiger Ernüchterung. Und der Erkenntnis, dass Demoskopie, Exit-Polls und Wahlprognosen in „schwierigen“ Zeiten wie diesen höherer Kaffeesudleserei nahekommen.

Was die Institute und Analysten, die derlei zum Geschäftsmodell erhoben haben, nicht weiter anficht: eifrig werden neue und neueste Prognosen zum Ausgang der Stichwahl am 22. Mai erstellt. Die Meinungsforscher erklären unisono den FPÖ-Kandidaten zum „absoluten Favoriten“. Das macht Hoffnung – für seinen Gegenspieler.

Signalstärke

20. Juni 2015

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (316) Frage an Radio Eriwan: muss eigentlich wirklich alles in Nullen und Einsen zerlegt werden?

DAB+ Radio

An dieser Stelle ist eine Entschuldigung fällig. Letzte Woche hatte ich die Betreiber des heimischen Rundfunkanbieters KroneHit einer, gelinde gesagt, nicht unumstrittenen Äußerung geziehen. Und zwar, weil sie den plakativen Werbespruch „Wir sind die meisten Digitalradios!“ verwenden – ohne auch nur eine einzige Frequenz beim derzeit laufenden Digitalradio-Feldversuch im Raum Wien zu bespielen.

Eine aufreizende Ansage für alle Mitbewerber, die keine Kosten und Mühen scheuen, Praxiserfahrung zu sammeln und den Äther mit neuen Formaten und Inhalten zu bestücken. Wer immer ein modernes Radiogerät daheim hat, das neben UKW auch DAB+ beherrscht, mag sich selbst ein (Hör-)Bild machen.

Aber, um ehrlich zu sein: ich kann auch die Position des Geschäftsführers und des Programmchefs von KroneHit nachvollziehen. Die hatten mächtig protestiert und mich, auch nicht maulfaul, mit ihrer Meinung konfrontiert, ich wäre mit meinem Medienverständnis „vor einigen Jahrzehnten hängengeblieben“. Denn: auch Web-Channels (Krone-Hit bietet davon ein ganzes Bouquet) wären Digitalradio. Und DAB+, also digitales, terrestrisches Broadcasting im engeren Sinne, hätte Nachteile. Für die Hörerinnen und Hörer, nicht zuletzt aber auch für die Anbieter.

Letztlich werde man sich doch nicht das eigene Geschäft – das vorrangig auf der eng begrenzten Verfügbarkeit von UKW-Frequenzen beruht – kaputtmachen lassen. Was übrigens auch den übermächtigen Leithammel der hiesigen Radiolandschaft, Ö3, bewogen haben dürfte, nicht nachdrücklich für ein eigenes DAB+-Versuchsprogramm („FM21“) zu kämpfen. Der Gesetzgeber erlaubt derlei Sperenzchen ja erst gar nicht. So macht man es sich im Status Quo bequem.

Ist es aber ernsthaft vorstellbar, dass Rundfunk das einzige Massenmedium ist, das nicht dem technischen Imperativ der Digitalisierung gehorcht? Da spricht wohl schon die – wenngleich schneckenlahme – Entwicklung auf internationaler Ebene dagegen. Österreich als einsames Analog-Eiland ist kein realistisches Szenario. Aber DAB+, dessen Zukunft auch noch in den Sternen steht (man denke etwa an das Schicksal des ärgerlich kurzlebigen Digital-TV-Standards DVB-T), muss ja nicht die einzige Alternative zum UKW-Dampfradio sein und bleiben. Denn nicht nur die Zurückhaltung der kommerziellen Radiokapitäne, sondern auch die Skepsis des p.t. Publikums ist hör- und spürbar. „DAB+ ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat“, schrieb mir etwa ein aufmerksamer Leser dieser Kolumne – und ganz unrecht hat er nicht.

Ob die Zukunftsmusik im Jahre 2020 also analog aus dem Autoradio dudelt oder – so oder so – digital aus dem Handy (dem aktuellen Schlachtplatz der Radioszene) oder gar beide Welten nebeneinander existieren, darüber dürfen Wetten abgeschlossen werden. Stay tuned.

Cocktail-Party im Kartenhaus

19. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (279) „Netflix“ läutet das Ende des linearen Fernseh-Konsums ein. Angeblich. Aber steckt nicht mehr dahinter?

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Ein Luxusrestaurant am Wiener Donaukanal. Die besten Cocktails der Stadt. Eine ausgewählte Schar von Branchengrössen, Opinion Leaders und Meinungsmultiplikatoren, die legér an der Bar lehnen oder outdoor an einer Zigarette ziehen. Und gelegentlich einen Seitenblick auf die Werbebotschaft werfen, die haushoch auf den “News”-Tower am gegenüberliegenden Ufer gestrahlt wird. Ein Fanal von Werbebotschaft.

Eingeladen zu diesem Medien-Klassentreffen hat ein Neuankömmling namens Netflix. Es eilt ihm ein gewaltiger Ruf voraus: das Ende des Fernseh-Zeitalters, wie wir es kennen, einzuläuten. Was die Manager/innen der lokalen, quasi traditionellen TV-Sender – ebenfalls eingeladen zur Party – nicht weiter anficht: Sehen und Gesehenwerden lautet der kategorische Imperativ der Selbstvermarktung. Das gilt für das Unternehmen genauso wie für die eigene Person.

Relativ zeitgleich trat in Wien – bei den Medientagen – der Netz-Publizist Sascha Lobo auf. Geladen hatte man ihn wohl als ausgewiesenen Querdenker, der den Bedenkenträgern, Schlafmützen und Angsthasen in den Medienhäusern hierzulande den Marsch blasen sollte. Was ihm auch gelang, bei gleichzeitiger Verunsicherung der zukunftsgläubigen Hurra!-Schreier.

Lobos Vision eines disruptiven “Plattform-Kapitalismus”, der die Neuen Medien, die Arbeitsstätten und Kulturbiotope seiner Konsumenten als vollendete, weil mit freiwillig und unfreiwillig verschenkten persönlichen Daten gespickte Vertriebskanäle nutzt, ist eine Warnung. Eine Warnung, die von einem der notorischen Zwischenrufer der lokalen Hemisphäre, dem FM4-Journalisten Martin Blumenau – gebt dem Mann 2015 eine halbe Stunde Sprechzeit am Rednerpult! –, gleich online fortgesponnen wurde: “Die Ausweitung der Billig-/Sharing-Kultur auf alle Lebensbereiche wird unser Gesellschaftsmodell zerstören.”

Na wusch! Jetzt könnte man natürlich darüber diskutieren, ob das attraktive Preismodell und das inhaltliche Angebot des Abo-Streaming-Senders Netflix nicht ein probater Gegenentwurf zur Pirate Bay-Realität ist, wo sich alle längst kostenlos und ungestört “House of Cards” und andere – in der Herstellung sauteure – TV-Heuler heruntergesaugt haben. Wie Google Netflix sieht. Oder was Netflix-Chef Reed Hastings in seiner launig kurzen Party-Ansprache meinte, als er verkündete, seine Plattform zum weltweit führenden Vertriebsvehikel auch für deutschsprachige Serien und Produktionen machen zu wollen. Quiquid id est, timeo Danaos et dona ferentes!

Die Übersetzung dieser archaischen Business-Grundregel wäre dann wohl ein Fall für das gute, alte Bildungsfernsehen. Also genuin öffentlich-rechtliches Territorium. Dessen Gegenwart und, wichtiger, Zukunft hängt weniger von technisch fortschrittlichen Ausspielwegen und Medienkanälen ab, mehr schon von uns selbst. Und unserem Willen, nachdrücklich danach zu verlangen. Und konsequent dafür zu löhnen.

Conchitas grosse Chance

2. Mai 2014

Es ist gar nicht wichtig, welchen Platz Tom Neuwirth beim diesjährigen Eurovisions Song Contest erreicht. Denn mit seinem alter ego Conchita Wurst hat er bereits die Grenzen reiner Unterhaltung gesprengt.

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Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Österreich grösste Entertainment-Orgel, der ORF, könnte eine positive Überraschung erleben. Denn die Entsendung von Conchita Wurst – einer Kunstfigur mit weiblichen Attributen und präzise getrimmtem Bartwuchs, hinter der sich der 26jährige Gmundner Travestiekünstler Thomas Neuwirth verbirgt – zum diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in Kopenhagen wird von Medien- und Publikumsreaktionen begleitet, wie sie in den Jahren zuvor eher selten waren.

Mit dem ruralen HipPop-Kinderlied „Woki mit Dein Popo“ der Trackshittaz hatte man noch 2012 den denkwürdigen letzten Platz unter allen Teilnehmern des TV-Spektakels eingefahren. „Rise Like a Phoenix“ dagegen – eine pathetisch-schwüle Hymne, die Conchita Wurst von einem internationalen Serienschreiber-Autorenteam auf den Leib geschneidert wurde – darf als Kampfansage gewertet werden. Und der glamouröse Auftritt als Statement. Das Selbstbewusstsein ist angebracht: denn Provokation, die sich ungeniert in die Gehörgänge frisst, hat sich beim Songcontest fast immer bewährt.

Und selbst wenn Wurst ihrem Künstlernamen gerecht wird und sich Jury wie Publikum gelangweilt geben: das Polarisierungs-Potential ihrer puren Erscheinung ist enorm. Und hat die Gender-Debatten auch jenseits der Landesgrenzen beflügelt: ist demonstrativ gelebte Transsexualität Ausdruck eines neuen, liberalen Menschenbilds oder nur eine aufgesetzte, kalkulierte Belästigung des „Normal“bürgers?

Die gewollte, aber keineswegs aufdringliche Originalität ihrer Rolle bringt Conchita Wurst jedenfalls ins Visier konservativer Geister. Der Nachrichtendienst Reuters berichtete schon vor Monaten von 15.000 Unterzeichnern einer Petition in Russland, die verlangte, die Übertragung des Songcontests („Ein Pfuhl der Sodomie“) im staatlichen TV einzustellen. Oder zumindest partiell auszublenden. Ähnliche Proteste und Forderungen nach Zensurmassnahmen werden aus Weissrussland und Armenien gemeldet.

Die britische Zeitung „Independent“ wertet diese Stimmen als „Transphobic backlash“, die European Broadcast Union (EBU) als Veranstalter des ESC hält dagegen. Die Übertragung des multinationalen Wettsingens hat nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ zu erfolgen. Aber auch in Österreich regten sich schon ab Herbst des Vorjahres erregte Gegner zu Wort. Auf Facebook hatte die Gruppe „NEIN zu Conchita Wurst beim Song Contest“ enormen Zulauf: heute zählt sie 38000 Unterstützerinnen und Unterstützer.

Vordergründig geht es den Proponenten des Web-Protests weder um die Person Tom Neuwirth noch um seine/ihre sexuelle Ausrichtung. Die Antipathie richte sich, so ein anonym bleibender Organisator im „Standard“, gegen die einsame Entscheidung der ORF-Experten ohne Anhörung des Publikums. Denn das, so meint man, würde lieber Christina Stürmer oder Andreas Gabalier in den Wettbewerb schicken – dass diese aus karrieretechnischen Gründen wohl umgehend abwinken würden, kam da nicht weiter zur Sprache.

Gerade mit dieser demonstrativ autoritären und ganz bewussten Entscheidung für die Person Tom Neuwirth/Conchita Wurst haben aber die Strategen am Küniglberg seit langem wieder Mut bewiesen. Argumentierte man etwa in der zuletzt heftig aufgeflammten Ö3-Debatte um Airplay-Anteile für heimische Künstler genau umgekehrt – man wolle, erraten!, das Publikum entscheiden lassen (das viele neue Acts nicht kennt, weil sie im elektronischen Leitmedium ORF selten bis nie vorkommen) –, könnte das professionelle Risiko hier reich belohnt werden.

Allerdings gilt die alte austriakische Regel: einen Sieg gilt es tunlichst zu vermeiden. Die Ausrichtung des Songcontests 2015 in Wien, die damit automatisch verbunden wäre, würde das Budget des ORF bei weitem sprengen.

Strategie & Perfidie

25. April 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (259) Kann man einen “Shitstorm” inszenieren? Eine heikle Frage mit einer klaren Antwort.

Radio1

Es ist schwierig, etwas in eigener Sache zu sagen und zugleich den Versuch zu unternehmen, annähernd objektiv zu bleiben. Aber ich will es wagen.

Worum geht es? Vordergründig um die leidige „Affäre Lichtenegger“, die im Lauf der vergangenen Woche in YouTube, Facebook und Twitter – landläufig Neue Medien genannt – aufploppte. Und ihre zwangsläufige (?) Fortsetzung und Ausschlachtung in Print, Radio und TV fand. Eine Ö3-Moderatorin hatte in einem Interview so unbedarft wie unbedacht eine leicht abschätzige Haltung zur lokalen Musikszene geäussert, die sich rasant verbreitete. Und hämische Kommentare hervorrief. Die Sache wäre nicht weiter der Rede wert, wenn sich hier nicht ein weites und tiefes Unbehagen kanalisiert hätte, das diversen ORF-Top-Managern und „Public Value“-Strategen zu denken geben müsste.

Was es oberflächlich betrachtet auch tat. Denn der Ö3-Chef verkündete umgehend, die Kritik vieler „Interessierter“ – also Musikschaffender wie Radiohörer – sei nicht unberechtigt, sein Sender „denke nicht so“ und man müsse „bessere Bedingungen und eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Miteinander“ schaffen.

Positives Signal! Allein: diverse Kommunikationsexperten und Spin Doctors des Unternehmens schalteten zeitgleich in den Rückwärtsgang. Mit vollem Karacho. Die Kernbotschaft lautete nun gegenüber der eigenen gutgläubigen Kollegenschar und diversen „Medienpartnern“: das hätte die böse Musikindustrie angestossen. Um ihres eigenen wirtschaftlichen Vorteils willen.

Geht es noch dümmer, perfider, kontraproduktiver? Diese Verschwörungstheorie ist in etwa so weltfremd, absurd und unkundig der Spielregeln und Mechanismen der Online-Welt wie die These, der Zusammenbruch einer Moderatorin im Studio und der anlassgebende Shitstorm im Internet wäre eine Inszenierung des ORF selbst gewesen.

Bei allem Verständnis für Wagenburg-Mentalität und Mitgefühl mit der gebeutelten Ö3-Ansagerin: da schütten manche bewusst Öl ins Feuer, um ihre eigene Position möglichst nicht zu gefährden. Und die hat wohl auch in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen – it’s the economy, stupid! – mehr mit dem eigenen Geldbörsel als mit einem Kulturauftrag zu tun. Eine lästige Sachfrage, die – ohne greifbares Ergebnis – seit fast zwanzig Jahren diskutiert wird, so (vermeintlich) dialektisch-clever zu einem bald vergessenen „Seitenblicke“-Dramolett umzubiegen, kann und wird nicht gelingen.

Ich gestehe, die Rasanz und Vehemenz der Entwicklung im unkontrollierbaren Social Media-Minenfeld hat auch mich – ich sitze ja quasi mitten in der mächtigen Manipulations-Schaltzentrale der heimischen „Musikindustrie“, haha! – überrascht. Aber die Absehbarkeit der Reaktion des ORF, seine Dialogunfähigkeit und sein Unverständnis heutiger Medientechnologien macht nur noch traurig.

Anti-Ramsch-Kampagne

17. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (237) Helfen Sie, Licht ins Dunkel des Tonträgermarkts zu bringen – mit einer bewussten Konsumentenentscheidung.

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Der Trend zum Zweitjob hält an. Nun ist mein Hauptberuf der eines Musikproduzenten und Kulturmanagers, der Journalismus dagegen nur ein exaltiertes Hobby. Kennen Sie irgendjemanden, der vom Kolumnen-Schreiben leben könnte? Ich nicht. Die Honorare sind auf das Niveau milder Spenden oder reiner Spesenersätze gesunken – und würden meinen Installateur oder Zahnarzt vielleicht zu einem verständnislos-mitleidigen Grinsen veranlassen, mehr wohl kaum.

Aber ich will nicht klagen. Zumal der karge Lohn des Autors gelegentlich mit einem Nebenverdienst aufgefettet werden kann: Aufmerksamkeit und Eigenwerbung. Heute will ich dieses Unterkonto belasten. Und das ganz ungeniert, weil es sich um eine gute Sache handelt. „Licht ins Dunkel 2013“ heißt eine Compilation, die dieser Tage auf den Markt kommt – die silbrigglänzende CD, die einen vergnüglichen Querschnitt durch die österreichische Pop-Landschaft bietet, unterstützt die größte Spendenaktion des Landes mit fünf Euro pro verkauftem Exemplar.

Der TV-Spot, der in den Programmen des ORF nachdrücklich die frohe Botschaft verkündet, präsentiert nur einige der darauf vertretenen Namen – von Hubert von Goisern bis Christina Stürmer, von Anna F. bis Parov Stelar, von Ernst Molden & Willi Resetarits bis Conchita Wurst sind die Größen der Szene mit dabei. Selbst Andreas Gabalier steht nicht abseits. Und natürlich gibt es auch einige Newcomer und Altspatzen, Ö3-Hits, FM4-Stars und Radio Wien-Fixsterne zu entdecken. Danke dafür!

Einige Medien- und Musikmanager, deren Expertise ich durchaus schätze, haben mir allerdings erklärt, derlei mache im Jahr 2013 keinen Sinn. „Die Leute kaufen keine CDs mehr“, so ihre Prognose. „Und wenn, dann nur billige Ramschware.“ Alleine die Statistik spricht aber dagegen: noch immer werden über 70 Prozent der Musik auf Tonträgern erstanden, den Rest des Marktes teilen sich Downloads und Streaming. Die Pappenheimer, die meinen, sie müssten sich ihre Lieblingssongs gratis aus dem Netz ziehen und so die Künstler um ihren Lohn bringen (er ist tendenziell noch karger als der eines freien Journalisten), lassen wir mal außen vor.

Eine liebevoll verpackte Compact Disc oder gar eine opulente Vinylschallplatte haben schon ihre Meriten. Ungebrochen. Oder wollen Sie beim nächsten Konzert – „Licht ins Dunkel 2013“ wird übrigens am 29. November im ORF-Radiokulturhaus live präsentiert – eine gebrannte CD signieren lassen? Oder zu Weihnachten eine Handvoll MP3-Files in Geschenkpapier einwickeln? Eben. Ich freue mich auf Ihr Urteil. Es wird an der Kassa gefällt. Lassen Sie den Ramsch einfach liegen. Und bringen Sie „Licht ins Dunkel“ – mit nach Hause.

P.S.: Es gibt die „Licht ins Dunkel“-CD freilich auch bei Amazon und im iTunes Store. Und Tickets für den Radiokulturhaus-„Abend für Licht ins Dunkel“ am 29.11. gibt es hier. You’re welcome!

Nehmen wir einmal an

28. Juli 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (221) Ein ernsthafter Vorschlag: macht aus dem ORF-Funkhaus ein Medienmuseum!

ORF Funkhaus

Nehmen wir einmal an, die Wahlen sind geschlagen, Österreich kehrt nicht zu seiner lähmend-großkoalitionären Realverfassung zurück, sondern reagiert auf frische Impulse, und die wesentlichste Medienorgel des Landes, der ORF, kann und darf neu gedacht und den Realitäten der Gegenwart angepasst werden.

Nehmen wir einmal an, es passiert nicht das üblich Üble – der Austausch von mißliebigem Personal, das programmatische Weiterwursteln in der Programmabteilung, der verstärkte Schrei nach mehr Geldmitteln –, sondern man macht beherzt-visionär seine Hausaufgaben. Definiert und präzisiert seine öffentlich-rechtliche Aufgabenstellung. Und verkündet, dass sich der Auszug des Unternehmens aus der Asbest-Ruine am Küniglberg und die Umsiedlung des ORF nach Sankt Marx als – in jeder Hinsicht – günstigste Option erweist. Man hat auch keine Angst vor der eigenen Courage und setzt tatsächlich den entscheidenden Schritt.

Nehmen wir weiters einmal an, das Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße, die Heimstätte von Sendern wie Ö1, FM4 oder Radio Wien, würde dann frei (obwohl es gute Gründe gibt, die historischen Wurzeln nicht zu kappen und das funktionierende Medien- & Kulturbiotop so zu belassen, wie es ist). Was aber nun tun mit dem altehrwürdigen Gebäude? Ein guter Teil – von der Eingangshalle bis zum Sendesaal – ist denkmalgeschützt. Ein weiteres Luxushotel oder Pensionistenheim braucht die Stadt nicht. Was wäre wirklich ein großer Wurf?

Nehmen wir nun weiters an, die Kulturpolitik in Wien würde nicht so funktionieren, wie sie funktioniert. So pragmatisch, so freundlich-unverbindlich, so visionslos. Sondern ebenfalls etwas wagen wollen. Sagen wir mal: ein Museum neuen Typs planen. Und realisieren. Und nicht mit spekulativen Grundstücksdeals irgendwo an der Peripherie Wiens oder beim neuen Hauptbahnhof ansiedeln, sondern im Herzen der Stadt. Das Funkhaus bietet sich an, nicht? Und was läge näher, als die Medien, die Kommunikation und die radikalste Entwicklung des 21. Jahrhunderts, die Digitalisierung und Computerisierung unserer Denk- und Lebenswelt, in den Mittelpunkt zu rücken?

Das ZKM, das „Zentrum für Kunst & Medientechnologie“ in Karlsruhe, könnte als Vorbild (oder auch nur Anhaltspunkt) herhalten. Zufälligerweise ist der ZKM-Direktor ein Österreicher: Peter Weibel. Nehmen wir also an, er wüsste einiges zu dem Thema zu sagen. Man muß ihn nur fragen.

Smart, aber tot

28. April 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (208) Televisionen? “Fernsehen” wird, sorry ORF, RTL, ATV & Co., bald ganz anders aussehen.

Störbild

„Fernsehen stirbt nicht!“ – so plakativ und beschwörend lautete anno 2013 das Resümee einer Veranstaltung in Hamburg, die jährlich unter dem Titel „newTV Kongress“ abgehalten wird. Diese Expertentagung findet, wie die Homepage verkündet, „vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung des Bewegtbilds statt“ und präsentiert „spannende Praxisbeispiele des Zusammenwachsens von Technologie und Content.“

Aber ist es wirklich ein Zusammenwachsen? Zumindest kein friedliches. Der „Reality Check“ der Branchen-Auguren fiel nicht gerade unkritisch aus. So verkündete etwa Sean Besser, der Executive Vice President of Business Development, Partnerships and Strategy – die skurrile Titelsucht der Amerikaner greift längst auch im europäischen Raum – des „Social TV“-Unternehmens GetGlue, dass interaktives Fernsehen doch tot ist. Oder zumindest scheintot. „Nobody uses Smart TVs“ lautete Bessers Leitsatz. Noch besser: der RTL-Experte Marc Schröder schloß sich ihm an. Er bezeichnete die angebliche TV-Generation von morgen als „Schläfer“ und meinte, diesem angebotsgetriebenen Markt fehlten einfach die Produkte.

Tech-Blogs wie neuerdings.com unken: „Das Internet auf dem Fernseher steht schon ungefähr so lange “kurz vor dem Durchbruch” wie der sagenumwobene Internet-Kühlschrank, der abgelaufene Lebensmittel selbst nachbestellt. Und wahrscheinlich wird beide Ansätze dasselbe Schicksal ereilen: Sie werden nie mehr ihren Durchbruch erleben.“ Punkt. Kein noch so hochgezüchteter Flachbildschirm hätte gegen ein aktuelles Tablet oder Smartphone eine Chance. Aber ist nicht „Smart TV“ dennoch das, was uns Fernseher-Fabrikanten, Elektrofachhandel, TV-Sender und Medien-Gurus ungebrochen als „next big thing“ einreden?

Bezeichnend: während etwa im ORF intern über „Second Screen“-Experimente wie spezielle Apps zu Sportereignissen oder zur kommenden Nationalratswahl gestritten wird, überholen neue, reichlich bekannte und (bislang) auch unbekannte Player aus dem Web-Universum mit Karacho die alten Fernseh-Hausmarken. Netflix z.B., ein in den USA beheimateter On Demand-Anbieter, produziert längst eigene Serien (etwa den Beuschelreisser „Hemlock Grove“ oder das 76 Millionen Dollar teure Polit-Drama „House of Cards“), die vorrangig im Netz abgespult werden. Auf Wunsch und gegen Bezahlung ohne Werbung und in einem Rutsch. Mit Verspätung folgen irgendwann Abo-TV-Stationen und die üblichen Verdächtigen.

Wenn aber jene Sitten einreissen, die derzeit unter Serien-Junkies gang und gäbe sind – alle meine Bekannten haben längst „Game of Thrones“, „Homeland“ und all die anderen US-Hits irgendwo runtergeladen und gesehen –, kommt einerseits bei Teilen des Publikums in Zukunft nur mehr das große Gähnen auf, andererseits brechen den Linear-TV-Platzhirschen dank des Verlusts des „Endgeräte“-Monopols – dem Seher ist der Übertragungsweg schlichtweg schnurz, sofern das Angebot stimmt – die Finanzierungssäulen weg wie nix. Und dabei haben Apple, Google, Yahoo, Amazon & Co. noch gar nicht richtig die Einschalttaste gedrückt.

Mehr Licht!

31. Januar 2013

„Mehr Licht!“ waren angeblich die letzten Worte Goethes auf dem Sterbebett. Längst hat die Literaturforschung dies als Mythos entlarvt. „Mehr Licht!“ könnte aber zum aktuellen Schlachtruf gegen eine fatal intransparente, partiell inferior planlose und traditionell lobby-hörige Medien- und Kulturpolitik werden.

Handröntgen

Es gibt einen mächtigen Zeit-Strom – er heisst: Transparenz. Alle anderen signifikanten Entwicklungen, Trends und Strömungen der letzten Jahre ordnen sich diesem Imperativ unter. Egal, ob in Politik, Gesellschaft, Religion, Wirtschaft, in Behörden, Banken oder Medien: es gibt kaum mehr Institutionen, die nicht in Frage gestellt werden. Funktionsträger, die als unantastbar gelten. Tabus, die nicht längst zweifel-, wenn nicht gar lachhaft sind.

Freilich gibt es da wie dort konservative, restaurative oder schlichtweg reaktionäre Kräfte, die sich verbissen gegen den Zeitgeist wehren. Aber ihre erregten lobbyistischen Aktionen und Reaktionen legen die dunklen Zonen der „wohlerworbenen“ Vorrechte, „Das war immer so“-Pfründe, der Freunderl- & Parteibuch-Wirtschaft und der gänzlich ungenierten Machtpolitik, verquickt mit systematischer und nicht gerade selten auch individueller Korruption, umso nachhaltiger offen. Man kann diese zähe Gemengelage, die uns alle zu ersticken droht, mit einem kurzen Wort umreissen: Filz.

Die unfreiwillige Freimütigkeit, die sich aus dem wachsendem Unwillen weiter Bevölkerungskreise, den Status Quo ewig mitzutragen, ergibt, nährt sich auch aus der Verknüpfung immer grösserer Datenbestände, intensiven Recherchen kritischer Journalisten sowie (halb-)informierter Staatsbürger und einer langsamen, aber beständigen Öffnung des Gesetzgebers in Richtung Transparenz. Was wir gerade erleben, ist die Hinterfragung, Durchleuchtung und Aufarbeitung eines Systems, das seine Bedeutung und Legitimation seit jeher aus sich selbst heraus erklärt, eine lebendige Demokratie zur „Demokratur“ herabwürdigt und uns alle die Spesen einer Tafelrunde der oberen Zehntausend zahlen lässt. Oh: es tut verdammt gut, die österreichische Realverfassung ins Wanken geraten zu sehen.

Bevor Sie nun meinen, ich würde hier – vollkommen unpassend – zu einer privatistischen Wirtshaustisch-Tirade ansetzen: leider macht die System-Durchseuchung vor dem Medien- & Kulturbereich nicht halt. Im Gegenteil. Zwei Bespiele. Das erste: der pensionierte ORF-Spitzenmanager, der sich vor Gericht ein zusätzliches Pensions-Körberlgeld von 668.000 Euro erstreitet. Geld, das ihm ein anderer pensionierter ORF-Spitzenmanager freihändig zugesagt hat. Schriftliche Unterlagen dazu gibt es keine.

So geht das also: man schnapst sich – zwischen Machthaberer und Machthaberer, zwischen Parteifreund und Tarockpartner, zwischen Tür und Angel – im Plauderton extra ein paar Netsch aus, um die eh schon beachtliche Gage und privilegierte Pension noch aufzufetten. Wahrscheinlich lautet der Standardreflex dieser Potentaten „Neiddebatte!“, wenn man sich erlaubt darauf hinzuweisen, dass vom Zubrot des Herrn O. etwa 33,4 freie Ö1-Mitarbeiter ein Jahr lang leben könnten (das ist nämlich das generöse Netto-Fixum, das der ORF den zum ewigen Prekariat verdammten Jungjournalisten angeboten hat.) Und wehe, es steht irgendeines dieser Würschtl’n am bis zur Grabesruh‘ reservierten VIP-Parkplatz…

Gut, die ernüchternde Faktenlage in der Zeitung nachlesen zu können. Sie wirft nämlich ein grelles Licht auf den absehbar immer angestrengteren, immer schmerzhafteren (und irgendwann nicht mehr machbaren) ORF-Real-Finanzspagat. Und bringt absehbar die Chefetage am Küniglberg nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern in die Bredouille. Völlig zurecht, wenn Sie mich fragen. Auch wenn in diesem speziellen Fall der amtierende Generaldirektor und seine Justitiare gegen die ORF-Altlasten vor Gericht gezogen sind. Erfolglos, leider.

Zweites Beispiel. Im Wirtschaftsmagazin „trend“ fordern Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer und der kaufmännische Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien, Thomas Drozda, aktuell eine Aufstockung der Budgets für ihre Häuser von 10 Millionen Euro. Jährlich. Ab 2013. Sonst gehe nämlich, so Springer („Wir stehen jetzt nackt da“), bald gar nichts mehr. Die „Basisabgeltung“ macht bei den Bundesbühnen schon 144 Millionen Euro aus, bei den im Eigentum der Stadt Wien stehenden Vereinigten Bühnen 37 Millionen Euro. Jahr für Jahr. Und das bei Spitzenauslastung. Und teilweise – man denke an das weltweit operierende Musical-Imperium der VBW – bei höchst kommerziellen Mainstream-Produktionen und -Inhalten. Es ist der Grossteil der Kulturbudgets, der solchermassen fix zugeteilt und verplant, selten hinterfragt und evaluiert, insgesamt regelrecht festzementiert wird.

Man könnte jetzt mal polemisch nachfragen, wie die Herren Springer, Drozda & Co. allein ihre eigenen fürstlichen Gagen jenseits des Gehalts des Bundeskanzlers rechtfertigen – aber das kann man getrost auch den Online-Kommentatoren aus dem gemeinen Volk überlassen. Weniger lustig wird es aber, wenn man versucht, die Evaluierungs-Berichte zu den Kulturtankern nachzulesen. Denn diese – Tonnen von Papier! – wurden zwar erstellt, sind aber geheim. Was man so erklärt: „Da Teile der in den Gesamtberichten enthaltenen Informationen aus rechtlicher Sicht als Geschäftsgeheimnisse zu werten sind, deren Offenlegung die Wettbewerbssituation der Österreichischen Bundestheater gefährden oder verschlechtern könnte, wird von einer Veröffentlichung der Gesamtberichte Abstand genommen.“ Schmeck’s! Doch jede Wette, dass sich diese trotzige, wirklichkeitsfremde Position nicht auf Dauer halten lässt.

Der Hang & Drang zur Transparenz hält an. Und wird nicht schwächer werden, im Gegenteil. Denn allmählich sollte sich doch der Grundsatz, dass für alle dieselben (oder zumindest egalitäre) Spielregeln zu gelten haben, durchsetzen. Und, nein, ich habe kein grundsätzliches Problem mit Subventionen – für künstlerische und kulturelle Wagnisse, für Risikoproduktionen, für Qualitätsinhalte und Marktunabhängigkeit, für Off- und Off-Off-Mainstream-Experimente, für nachhaltigen Innovationsgeist und erwiesenes Durchhaltevermögen. Aber ich mag nicht in buntbemalte Touristenattraktionen – gerade steht etwa das Hundertwasser-Haus heftig in der Diskussion – und vage Umwegrentabilitäten, in Brot- & Spiele-Aktionismus und offensive Volksverblödung, in strikt kommerzielle Rendite-Objekte und nie hinterfragte K&K-Traditionen die Kulturbudgets und Medienförderungen hineingepumpt wissen. Zumal diese real schmaler und schmaler werden.

Was Unternehmer, Manager, Investoren mit ihrer privaten Kohle treiben, ist ihre Sache (sofern keine Gesetze verletzt werden). Wenn aber öffentliche Gelder im Spiel sind, Subventionen die primäre (und oftmals einzige) Existenzgrundlage bilden oder kollektive Einnahmen kanalisiert und verteilt werden, ist Transparenz oberstes Gebot. Egal, ob es sich um die Salzburger Festspiele oder das Popfest Wien, die AKM oder die LSG, die Leercassetten-Abgabe oder die ORF-Gebühren, die Honorare für Beraterinnen der Kulturministerin oder Zuträger des Kulturstadtrats oder die Pensionsregelungen für Funktionäre der Arbeiter- oder Wirtschaftskammer handelt.

Mehr Licht! Mehr ist nicht zu sagen. Für’s erste.

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