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Nur Fliegen war schöner

30. April 2017

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (406) Aerodynamisch optimierte Fahrzeuge waren einst Kennzeichen der Moderne. Wo sind sie hin verschwunden?

Opel GT

Im Dasein eines Technik-Kolumnisten gibt es auch erfreulich entspannte Momente. So wurde ich dieser Tage eingeladen, mit einem Fahrzeug des Opel-Museum-Fuhrparks an einer Oldtimer-Rallye in der Südsteiermark teilzunehmen. Vergnügungen dieser Art hatte ich bislang als Hobby älterer, gutsituierter, blechverliebter Herren eingestuft.

Nun: zumindest das erste Prädikat kann ich nicht mehr gänzlich aus der Welt räumen. Baujahr 1962 trifft Baujahr 1969 (Sie dürfen sich aussuchen, welches Sie mir zuordnen) – das schien mir jedenfalls eine gute Ausgangssituation für eine Spazierfahrt durch die steirischen Weinberge zu sein.

Es wurde aber harte Arbeit. Denn einerseits packt Männer in solchen Situationen immer der Ehrgeiz – auch wenn es nicht um Geschwindigkeitsrekorde geht (Als Startnachteil hatte ich zudem nicht die geringste Ahnung von Roadbooks, Strafpunkten und Sollzeiten.) Andererseits lässt sich ein Sportwagen aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht wie ein heutiges, modernes Auto bewegen. Definitiv nicht. Dabei ist ein Opel GT – ich fuhr also die „Baby-Corvette“ – mit seinen 90 Pferdestärken eigentlich mehr ein Möchtegern-Sportler. Schon das Treten der Kupplung oder das Ausklappen der Scheinwerfer verlangt aber erstaunliche Kräfte. So gurkt man minder flott durch die Gegend.

Aussehen tut ein GT (Werbeslogan: „Nur Fliegen ist schöner“) aber, als liefe er 300 Kilometer pro Stunde. Problemlos. Das liegt an seiner Aerodynamik. Im Gegensatz zu den oft biederen Opel-Großserienfahrzeugen sollte dieser scharf geschnittene Zweisitzer einst bei der Jugend punkten. Tatsächlich wurde er ein Erfolg – und wirkt optisch ungebrochen hinreissend. Was mich zu der Frage bringt: warum schaffen das heutige Designer kaum je? Oder bin ich so retro-fixiert, dass mich die Formensprache der sechziger und siebziger Jahre, der Heydays der Benzinseligkeit, in Psycho-Geiselhaft hält?

Abseits rein ästhetischer Urteile gilt es festzuhalten: Windkanal-Tests, Luftwiderstands-Optimierung per Computer und Aerodynamik-Feinschliff sind anno 2017 selbstverständliche Routine. Man(n) macht nicht mehr viel Wind um niedrige cW-Werte. Eine gewollt futuristische Formensprache – einst die Metapher für technischen Fortschritt schlechthin, wie der Prachtband „Stromlinienform. Die Faszination des geringen Widerstands“ (Herausgeber: Horst-Dieter Görg, erschienen 2016 im Olms Verlag) belegt – gilt heute als überholt. Die Verbesserungen stecken in den Details.

Und freilich sind für ältere Herren Autos, in denen man mehr liegt (und das knapp über dem Straßenasphalt) als sitzt, auf Dauer nicht ratsam. Kann mir bitte jemand elegant-unauffällig aus dem GT helfen?

Do you remember?

6. September 2014

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (277) Heissa! Die legendäre japanische HiFi-Marke Technics erlebt ein Comeback.

Watts

“Do you remember?” Die sonore Stimme, die diese Frage mit grosser Suggestivkraft in den Raum stellt, kriecht förmlich aus dem Lautsprecher. “Do you remember when skipping a song meant pressing the Fast Forward button?” Zur Tonspur gesellt sich das Bild eines VU-Meters, dessen Zeiger noch zusätzlich zum akustisch verstärkten Herzschlag des Betrachters zu zittern scheint. “Do you remember when 33 und 45 were not just random numbers?”

Hier geht es eindeutig um längst vergessen geglaubte Insignien der Unterhaltungselektronik, Audio- und Analog-Hemisphäre. Und das mitten auf der digitalen Trash-Streaming-Plattform YouTube.

Und dann plötzlich folgt die Aufklärung: es handelt sich um einen Werbespot. Um einen verdammt gut gemachten Werbespot. Er bewirbt die Rückkehr der legendären japanischen HiFi-Marke Technics. Eine überraschende Rückkehr: niemand hätte gedacht, dass die High End-Abteilung der Mutterfirma Panasonic (respektive Matsushita) – sie baute zuletzt gerade noch die unkaputtbaren SL 1210-DJ-Laufwerke, aber irgendwann auch die nicht mehr – wieder auferstehen würde.

Jetzt, zur traditionellen Branchenmesse IFA in Berlin, war es doch soweit: nach einer Pause von sechs Jahren, wurde ebendort verkündet, sollen ab Dezember 2014 wieder neue Technics-Produkte vorgestellt werden. Zunächst in Europa und später weltweit. Drei Stereo-Komponenten mit „Superlativanspruch“, so Projektleiterin Michiko Ogawa, und vier Geräte in einer etwas leistbareren Klasse. Was man zu sehen bekam und demnächst zu hören bekommen wird, ist gediegene HiFi-Retro-Ware auf der Höhe der Zeit (also inklusive Netzwerk-Player). Weihnachten kann kommen!

Natürlich spielt man hier mit der Sentimentalität der Generation 40 Plus. Denn nach den bronzebraun schimmernden, dezent technoid gestylten Geräten aus dem Hause Technics hat man sich als Youngster förmlich verzehrt. Heute ist genug Taschengeld vorhanden, um den einst erträumten Stereo-Turm aufzustapeln. Und natürlich schlägt das Pendel der Hörmoden gerade stark in die No Nonsense-Richtung. “Wir brauchen kein stinkendes, von Robotern zusammengebautes, schwarzes Plastik-Wegwerf-Zeug, das vorgibt, Hörwerkzeug zu sein” zitiert eine Vintage-Technics-Seite im Netz Rick Stout (stereomanuals.com). Gut gebrüllt, Löwe!

Jetzt warte ich nur mehr auf die Neuauflage der Technics-Plattenspieler-Ikonen. Und auf die Wiederkehr der Marken Sansui, Nakamichi, Wega und Eumig.

Bad News, Good News

23. November 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (238) Print ist tot? Das Retro-Technik-Magazin “Nemo” behauptet – eventuell insignifikant, aber nicht unsympathisch – das Gegenteil.

Nemo Cover

„Jazz ist nicht tot, riecht aber schon komisch“ hat Frank Zappa einmal gemeint. Frank Who? Sie gestatten: es ist tatsächlich bitter, als alter Sack mit der Ignoranz nachrückender, jüngerer Generationen konfrontiert zu werden (was mir erst unlängst beim Tod von Lou Reed auffiel; zwar war Facebook voll von persönlichen Erinnerungen, aber unter die Postings mischten sich auch Stimmen, wer denn das überhaupt gewesen sei und warum man ihm huldige).

Nun wissen wir heute, dass der Jazz als Kunstform sehr wohl überlebt hat und ungebrochen seinen Freigeist in einer immer konformeren, formatierteren Welt behauptet. Und Frank Zappa – für die Teenies unter uns: das war ein bärtiger Mann, der seltsam verquere „Pop“-Musik komponierte – letztlich mit seinem subtilen Zynismus nicht recht behalten hat. Jedenfalls nicht ganz.

Vielleicht enthält diese Erkenntnis auch ein Quantum Trost für jene, die gerade an Bord alter Mediendampfer hocken und vom sicheren Ufer aus mit Schmährufen bedacht werden. Des Tenors, sie hätten die neuen Zeiten nicht verstanden und würden in „Holzmedien“ – damit sind Printprodukte gemeint, die traditionellerweise auf Papier gedruckt werden – dem sicheren Untergang entgegensegeln. Auftrieb erhielt die hämische und/oder ratlose Meute der Kommentatoren – darunter kurioserweise viele Journalisten – hierzulande erst diese Woche wieder, als von akuten Problemen des Magazins „News“ berichtet wurde. Mag sein, dass Boulevardblätter dieses Typs – Neuigkeiten zieht man längst minutenaktuell aus dem Internet – keine Zukunft haben.

Aber „Print ist tot!“ ist – so sehr dieser Weckruf das Management schon vor Jahren hätte wachrütteln müssen – generell eine banale, langweilige, zu simpel gestrickte Erkenntnis. Denn als Luxusartikel und sentimentale Objekte werden uns Zeitungen, Zeitschriften und Bücher locker noch für zwei, drei Generationen erhalten bleiben.

Es gibt auch good news für Papierfetischisten: nicht wenige Blätter haben in den letzten Jahren an Auflage und Lesern zugelegt (zuvorderst solche, die unverwechselbare Inhalte bieten). Und es gibt sogar Magazin-Neugründungen. Manche fallen gar in die Kategorie „Längst überfällig“.

Am Flughafen-Pressekiosk fiel mir erst unlängst ein solcher Erstling in die Hände: „Nemo“, ein Retro-Gadget-Magazin aus dem Hause Chip/Burda. Gewiss zielt „Nemo“ – Untertitel „Technik. Damals. Heute.“ – auf konservative männliche Jäger & Sammler. Es ist auch nicht unbedingt investigativer oder gar innovativer Journalismus, der hier geboten wird, eher leicht kauziges Nischen-Entertainment. Aber die Verquickung von launig-plakativen, doch präzise recherchierten Stories mit Emotionen und Erinnerungen der Leserschaft (etwa an den Sony Walkman, den Commodore C64 oder an die Marke Polaroid) ist ziemlich clever.

Und, sofern man keine Scheu davor hat, die Formel auch im Netz weiterzuspinnen, absolut zukunftsträchtig.

Der Faktor Form

10. August 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (223) Je opulenter und intelligenter die Technik, desto wichtiger die Kategorie “Look & Feel”.

fujifilm x20

Reden wir mal über Haptik. Man könnte meinen, es wäre ein banales Thema, wie sich etwas angreift und anfühlt – aber natürlich ist es das nicht. Im Gegenteil.

Bei Kameras etwa neige ich inzwischen der Meinung zu, dass es nur mehr bedingt die Leistungsdaten sind oder die Features eines Geräts, die konsumentenseitig den Daumen nach oben oder unten gehen lassen, bildlich gesprochen. Denn digitale Fotoapparate (kurioserweise steckt in dem altertümlichen Wort auch die Buchstabenkombination „App“ drin, der Verkaufskiller für das Segment der Low End-Kameras schlechthin) liefern heute in der Regel gute, ja sehr gute Abbildungsleistungen. Und sind prallvoll mit feinen technischen Details und mehr oder weniger sinnvollen Gimmicks.

Vielleicht probiert man noch einen Vollformat-Sensor aus, wie er z.B. in der Sony Cybershot DSC-RX1 oder der brandneuen, ebenso teuren RX1-R steckt, oder interessiert sich für das rasant wachsende Segment der Systemkameras. Aber wirklich Revolutionäres erwartet im Sektor Kompaktkamera niemand. Oder täusche ich mich? Analoge Erbstücke bleiben jedenfalls als Staubfänger längst in der Vitrine, selbst wenn Leica draufsteht.

Wenn man die alten Dinger aber in die Hand nimmt, merkt man, dass ihre Formgebung nicht nur durch Design-Funktionalität bestimmt wurde, sondern diese Objekte schon jahrzehntelang durch Millionen Profihände gewandert sind. Und sich im Lauf der Zeit soetwas wie ein „common sense“ der Gestaltung herauskristallisierte. Weil ich gerade Leica erwähnt habe: die deutsche Edelmarke, heute maßgeblich in österreichischer Hand, war und ist ungebrochen State of the Art, was die Kombination von Qualität, Wertigkeit, Eleganz und Formfaktor betrifft.

Es ist also wohl kein Zufall, dass die X-Series-Gerätelinie des japanischen Konkurrenten Fujifilm inzwischen auf eine frappante Ähnlichkeit im „Look & Feel“ zu Leicas älterer Bauart oder ähnlichen Kameras setzen. Ich teste gerade im Urlaubsalltag das Modell X20. Und, ja, es macht Spaß, bei der Fuji die Knöpfe, Schalter und Rändelräder automatisch an der richtigen Stelle zu wissen und sie quasi blind bedienen zu können. Auch die rauhe Kunstleder-Bespannung greift sich vertraut an.

Kurios: neulich hat mich jemand flüchtigen Blicks gefragt, ob ich die Kamera von meinem Vater geerbt hätte. Nein: es ist eine hochmoderne Schnappschußkamera (und jedem Handy haushoch überlegen), vermittelt gleichzeitig aber auch die Zeitlosigkeit und satte Haptik von Geräten, die über jede Modetorheit und Design-Petitesse erhaben sind. Like! Retro können andere auch. In der Fujifilm aber steckt spürbar Liebe zum Objekt.

Retromania

12. Januar 2013

MASCHINENRAUM. Die Kolumne in der „Presse am Sonntag” (194) “Retro” ist der letzte Schrei. Dabei leben wir in einer ewigen Echokammer der Moden.

retromania

Neulich stolperte ich im Zug der Berichterstattung zur weltweit wichtigsten Technik-Messe, der CES in Las Vegas, über einen “Spiegel Online”-Artikel, der die Fujifilm X100s an die Spitze setzte.

Unter Kennern gilt das Vorgängermodell dieser Kamera als Auslöser der Retro-Welle, die insbesondere in der Fotobranche – aber nicht nur dort – Raum greift. Ein markanter optischer Sucher auf einem edlen Magnesiumgehäuse, viele manuelle Einstellmöglichkeiten, Fixbrennweite, die geriffelte schwarze Oberfläche in Lederoptik: das ist ein Apparat, der äusserlich ungeniert an alte Vorbilder (etwa von Leica, Konica, Agfa oder Voigtländer) erinnert. Wiewohl er, was die Innereien betrifft, auf dem letzten Stand der Technik ist.

Auch andere Fujifilm-Novitäten wie die Systemkamera X-E1 oder das kompakte Modell X20 huldigen optisch der Vergangenheit. Die japanische Firma scheint sich ganz einem Trend verschrieben zu haben, den der britische Autor Simon Reynolds – hier allerdings mit Blickwinkel auf die Pop-Kultur per se – als “Retromania” beschrieb. Als “Früher war alles besser”-Wahn, der Innovationen behindere und uns ewig in verstaubten Denkmodellen Karussell fahren lässt.

Eine würdige, aber durchschaubare Polemik. Die Selbstbezogenheit ganzer Branchen hat ihre Gründe: hier tummeln sich auch jede Menge Connaisseure, Sammler und Jäger, die ihr Geld vorrangig aus ästhetischer und intellektueller Liebhaberei in die Geschäfte tragen. Kein Mensch braucht ein Dutzend Kameras – wer also soll noch die Wirtschaft ankurbeln ausser Design-Liebhaber und Objekt-Fetischisten?

Insofern sind auch wirklich frische Entwürfe von Interesse: eine Sigma DP3 oder Nikon 1J3, die – auch Retro? – fast Bauhaus-artige Schlichtheit auszeichnet. Oder Canons annähernd quadratische, WLAN-taugliche Schnappschuß-Kamera Powershot N. Mal schau’n, ob diese 2013er-Modelle einst für zukünftige modische Remineszenzen als Vorlage dienen.

Selbst als Retro-Liebhaber geht mir aber so mancher Marketing-Gag zu weit: so habe ich ein Philips-Radio mit iPhone-Docking Station, Modell ORD7300, geordert, das an ein altes “Philetta”-Röhrenradio der fünfziger Jahre erinnert. Allerdings nur sehr oberflächlich. Geht retour. Apropos: möchte nicht jemand baldigst den besten österreichischen Markennamen aller Zeiten – “Hornyphon” – wieder ausgraben?

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